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Veröffentlicht: 18.06.2017, 21:45 Uhr

FAZ.NET-Tatortsicherung So langsam trocknen Tränen?

Im letzten gemeinsamen Fall jagen Borowski und Brandt ein Phantom. Der Mörder verwischt seine Spuren, die Identität des Opfers ist unklar. Dann entdeckt die Rechtsmedizin, dass es kurz vor seinem Tod geweint hat.

von Eva Heidenfelder
© NDR/Christine Schroeder Auf der Jagd nach dem Täter fällt Borowski (Axel Milberg) fast einem Brandanschlag zum Opfer - in letzter Sekunde finden ihn die Kollegen.

Sarah Brandt (Sibel Kekili) ist entsetzt: Eine junge Frau wurde ungewöhnlich brutal erschlagen. Wer ist der Täter, der in einer leerstehenden Wohnung sehr spartanisch gehaust und seine Spuren vor der Flucht mehr schlecht als recht verwischt hat?

Auch Rechtsmedizinerin Dr. Kroll (Anja Antonowic) geht der Fall nahe. Denn bei der Obduktion findet sie heraus, dass das Opfer kurz vor seinem Tod noch geweint, sich aber nicht gegen die tödliche Attacke gewehrt hat.

Borowski (Axel Milberg) hingegen zeigt sich bei den Ermittlungen erstaunlich kaltschnäuzig und hegt sogar Verständnis für den Täter. Der Fall wird die Kieler Kommissare zum Schluss entzweien - unser Realitätstest konzentriert sich aber nicht auf Emotionen. Wir haben Experten gefragt, ob die Fakten stimmen. 

***

Kommissar Borowski: „Gibt’s Spuren?“ – Mitarbeiter der Spurensicherung: „Serologische Spuren, Speichel vielleicht. Fingerabdrücke außen auf der Fensterbank, die wurden wahrscheinlich abgewischt. Und wir haben Haare. Die sind noch nicht zugeordnet, aber so wie’s aussieht nicht von der Toten.“ – Borowski: „Was bedeutet das, nur an einer Stelle aufgewischt?“ – Mitarbeiter der Spurensicherung: „Vielmehr an zwei Stellen. An der Fensterbank und am Waschbecken. Am Spiegel sind aber Fingerabdrücke und sonst überall auch.“ (Minute 9)

Frage 1: Ist es wirklich möglich, nach der Erstbeschau eines Tatorts bereits Speichelspuren zu vermuten?

47001477 © NDR/Christine Schroeder Vergrößern Roman Eggers (Mišel Maticevic) hat seine Geliebte erschlagen. Danach hatte er noch genug Energie, seine Spuren notdürftig zu verwischen. Jetzt weiß er allerdings nicht, wie es weitergehen soll.

Antwort von Carola Jeschke (Sprecherin des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein):

Speichel gehört zu den Spurenarten, für die es einen Vortest gibt, der aber meist im Labor der Spurensicherung durchgeführt wird. Anders als bei Blutspuren sind Speichelspuren in der Regel nicht sichtbar, daher ist es eine reine Hypothese, diese am Tatort zu vermuten. Jedoch kann natürlich zu einem solchen Zeitpunkt schon durch die äußeren Gegebenheiten am Tatort vermutet werden, dass es Speichelspuren geben könnte, weil beispielsweise Zigarettenkippen in der Nähe des Opfer liegen oder ein Glas auf dem Tisch steht, aus dem vermutlich getrunken wurde.

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Frage 2: Ist es nicht ein Widerspruch in sich, Fingerabdrücke festzustellen, wenn sie doch weggewischt wurden?

Antwort von Carola Jeschke:

Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig, da es sich um sehr komplexe Zusammenhänge handelt. Natürlich ist die Gründlichkeit des Putzvorgangs mit entscheidend, aber auch die Zusammensetzung der Spur, ihr Alter, der Untergrund und die Spurensicherungsmethode spielen eine Rolle. Gehen wir, um das Ganze einzugrenzen, von  relativ frischen, fetthaltigen Spuren aus, das heißt von Spuren, die sich mit Rußpulver am Tatort leicht nachweisen lassen. Wurden diese nur sehr flüchtig verwischt, besteht die Möglichkeit, dass einzelne Spuren noch partiell erhalten bleiben. Wird gründlicher gereinigt, werden die Fettanteile aus den Fingerspuren großflächig verwischt und können mit Rußpulver als Wischspuren visualisiert werden. Diese Wischspuren können dann – wohlgemerkt in einer freien, nicht zwingenden Interpretation -  als Reste von Fingerspuren eingestuft werden. In den allermeisten Fällen sind auf Flächen, die einer Reinigung unterzogen wurden, jedoch keine Fingerabdrücke mehr nachweisbar.

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Kommissar Borowski: „Irgendwelche besonderen Merkmale, Muttermal, oder 'ne polnische Zahnfüllung?“ – Rechtsmedizinerin Dr. Kroll: „Die sehen inzwischen genauso aus wie hier.“ (Minute 18)

Frage 3:  Gab es jemals Unterschiede zwischen polnischer und deutscher Zahnversorgung?

47001483 © NDR/Christine Schroeder Vergrößern Sarah Brandt (Sibel Kekili) und Klaus Borowski (Axel Milberg) wissen endlich, wer der Mörder ist. Doch an seinem Motiv beißen sie sich vorerst die Zähne aus. Weiß sein ehemaliger Chef (Stephan A. Tölle) mehr?

Antwort von Prof. Dr. Matthias Kern (Direktor der Klinik für Zahnärztliche Prothetik, Propaedeutik und Werkstoffkunde im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein am Campus Kiel):

Ich gebe seit 20 Jahren selbst Fortbildungen in Polen. Zahnärztliche Materialien und Methoden sind dort identisch mit denen in Deutschland. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass diese sich zu den unsrigen vor dem Fall der Mauer noch unterschieden. In der ehemaligen DDR wurden ja auch „Ostblock-Materialien“ verwendet. Ab den 1990er-Jahren wurden Methoden und Materialien aber sehr schnell den westlichen angeglichen. Insofern ist die im Film getätigte Aussage wenigstens zum Teil korrekt.

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Rechtsmedizinerin: „Sie hat geweint.“ – Borowski: „Bevor sie starb?“ – Rechtsmedizinerin: „Ja. Der Schlag kam gerade von oben.“ Borowski: „Verletzungen an den Händen? Abwehrverletzungen?“ – Rechtsmedizinerin: „Naja. Fasern hinter den Fingernägeln. Sie hat sich auf jeden Fall an ihm festgehalten. Aber kein Kampf. Das muss plötzlich gegangen sein oder sie hat sich eben nicht wirklich gewehrt.“ (Minute 18/19)

Frage 4: Kann wirklich festgestellt werden, ob ein Opfer vor seinem Tod traurig war?

47001484 © NDR/Christine Schroeder Vergrößern Sarah Brandt (Sibel Kekili) ist erschüttert über die Brutalität, mit der das Opfer erschlagen wurde - zumal es kurz vor seinem Tod völlig verzweifelt gewesen sein muss.

Antwort von Dr. Olaf Cordes (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Klinikum Bremen):

Tränen trocknen eher spurenfrei. Bei der frischen Leiche könnte man wohl noch sehen, ob das Opfer kurz vor dem Ableben geweint hat. Wenn der Tod allerdings bereits vor Stunden eingetreten und der Leichnam bereits in die Rechtsmedizin überführt worden ist, sicher nicht.

***

Frage 5: Ist die im „Tatort“ geschilderte Rekonstruktion des Tathergangs wenigstens glaubwürdig?

47001481 © NDR/Christine Schroeder Vergrößern Borowski hegt bis zum Schluss große Sympathien für den Täter - er glaubt, das Opfer habe Roman Eggers schlicht „genervt“ - und wurde deshalb von ihm im Affekt erschlagen. Das könnte seiner Meinung nach die fehlenden Abwehrverletzungen erklären.

Antwort von Dr. Olaf Cordes:

Bei der Unterscheidung zwischen Sturz und Schlag kommt es auf die Bruchart und die Lokalisation des Bruchs an. Von oben spricht schon eher für einen Schlag. Wenn es dann noch eine Impressionsfraktur ist, also eine Verletzung, bei der der Schädel eingedrückt wurde, passt die Schilderung. Das Fehlen von Abwehrverletzungen schließt eine Abwehr natürlich nicht aus. Bei Schlägen kann man aber schon davon ausgehen, dass Hämatome an der Leiche zu finden wären, die auf Gegenwehr schließen lassen. Auch hier ist das geschilderte Szenario also glaubwürdig. Den erwähnten Fasernachweis hätte die Rechtsmedizinerin allerdings in der Realität zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall bereits vorliegen, den hat man nicht gleich nach der Sektion, das dauert viel länger.

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