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Veröffentlicht: 17.06.2017, 07:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Barbara Köhler: „Endstelle“

Ein Mensch blickt auf sein Leben zurück. An welcher Stelle steht er? Die Wendezeit scheint auf und Hölderlin. Am Ende aber richtet er den Blick in die Zukunft – mit einem lange nachwirkenden Wortspiel.

von Henning Heske
© dpa, F.A.Z. Thomas Huber liest „Endstelle“ von Barbara Köhler

Das Gedicht trägt einen schlichten Titel. „Endstelle“ ist eine Kurzform für Endhaltestelle und ein Synonym für Endstation. Der lyrische Sprecher steht an einer Haltestelle, wie aus der zweiten Zeile hervorgeht, aber es ist in dem Text nicht von einer konkreten Straßenbahn- oder Zugfahrt die Rede. Vielmehr blickt er auf sein Leben zurück. Das Verweilen an der Haltestelle ist also allegorisch zu verstehen. Das Ich ist nun an einer Endstation angekommen. Ein Lebensabschnitt ist zu Ende gegangen. Doch welcher? Die Antwort birgt bereits die erste Zeile mit dem Chiasmus: „DIE MAUERN STEHN. Ich stehe an der Mauer“. Im Zusammenhang mit den genannten „Todes-Fälle(n)“ und dem Reim auf „Trauer“ liegt die Vermutung nahe, dass mit „der Mauer“ die Berliner Mauer gemeint sein könnte. Der Entstehungszeitraum, zwischen 1984 und 1989, das Veröffentlichungsjahr 1991, der Titel des Gedichtbandes „Deutsches Roulette“ und die Biografie der Autorin unterstützen diese Lesart.

Barbara Köhler wurde 1959 in Burgstädt in Sachsen in der damaligen DDR geboren. Sie arbeitete unter anderem als Beleuchterin in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, und studierte von 1985 bis 1988 am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig. 1994 zog sie nach Duisburg, wo sie bis heute lebt.

Was soll mich noch verletzen?

Das Leben des lyrischen Subjektes wird als untrennbar von der politischen Situation, von der deutschen Geschichte dargestellt. Beklemmungen („die Gitterstäbe in der Brust“), Trauer und Anzeichen von Hoffnungslosigkeit führen zu den rhetorischen Fragen „Warum noch schrein“ und „Was soll mich noch verletzen“. Es wird ein düsteres Bild der Lebenssituation gezeichnet. Die häufige Verwendung der dunklen Vokale a und u verstärkt diesen Eindruck lautmalerisch. Ein Endpunkt ist erreicht, der Verfall hat bereits begonnen. Die Fahnen, die der Wind abreißt, lassen sich als Flaggen der DDR deuten. Das Endzeitgedicht kann so als Wendezeitgedicht gelesen werden.

Das Gedicht ist als klassisches Sonett gestaltet: zwei Quartette mit je einem Blockreim und zwei Terzette mit einem übergreifenden Blockreim und einem abschließenden Paarreim. Inwieweit passt diese starre lyrische Form zum Inhalt? Sie passt nicht zum dargestellten Verfall, aber doch zum starren Korsett, in dem sich das lyrische Subjekt gefangen sieht. Die überkommene Form des Sonetts korrespondiert zudem mit der überkommenen Form des abgebildeten politischen Systems. Vermutlich boten die strengen Vorgaben dieser Gedichtform der Autorin auch Halt, die dargestellte Haltlosigkeit in eine poetische Form zu bringen. Zwar gibt es nur ein originelles Reimpaar („Haltestelle“ – „Todes-Fälle“), aber auch die übrigen Verse laufen wenig vorhersehbar auf ihren Endreim zu. Der Wohlklang und der gefällige Rhythmus des Sonetts werden zudem am Ende an mehreren Stellen aufgebrochen. Dadurch wird der Inhalt in besonderer Weise hervorgehoben: „Nach-Ruf für die, die ausgestiegen sind / vor mir“. Das geschieht ebenso in der letzten Zeile des Gedichts durch den Zeilensprung des Kompositums „Schlacht-Felder“.

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Alle vier Strophen beginnen mit Wörtern, die in Kapitälchen geschrieben sind. Der Grund dafür ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Liest man diese Strophenanfänge jedoch hintereinander, so ergeben sie folgenden Satz: „DIE MAUERN STEHN SPRACHLOS UND KALT IM WINDE KLIRREN DIE FAHNEN“. So lauten wörtlich die letzten drei Zeilen von Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“, das um das Jahr 1800 entstanden ist. Auch bei Hölderlin geht es um eine Lebenskrise, die mit Kälte, Vereinzelung und Sprachlosigkeit einhergeht. Barbara Köhlers Text geht jedoch einen Schritt weiter. Er wirft einen Blick nach vorne: „vor mir die Schlacht-/Felder im Halblicht, zwischen Tat und Nacht.“ Es ist also nicht ganz dunkel am Ende des Gedichts. Das Wortspiel „Tat und Nacht“ drückt aus, dass sich das lyrische Ich bewusst ist, dass es selbst tätig werden muss, um seinem Leben eine Wende zu geben. Es deutet zudem eine Entschlossenheit an, trotz aller erlittenen Verluste und Verletzungen diesen schwierigen Weg zu gehen.

Barbara Köhler: „Endstelle“ (für Fritz)

DIE MAUERN STEHN. Ich stehe an der Mauer

des Abrißhauses an der Haltestelle;

erinnre Lebens-Läufe, Todes-Fälle,

vergesse, wem ich trau in meiner Trauer.

 

SPRACHLOS UND KALT: mein Herz schlägt gegen vieles

– nicht nur die Gitterstäbe in der Brust –

und überschlägt sich für ein bißchen Lust

und schlägt sich durch zum Ende dieses Spieles.

 

IM WINDE KLIRREN Wörter, Hoffnungsfetzen,

Nach-Ruf für die, die ausgestiegen sind

vor mir. Warum noch schrein. Es reißt der Wind

 

DIE FAHNEN AB. Was soll mich noch verletzen;

Verlust liegt hinter mir, vor mir die Schlacht-

Felder im Halblicht, zwischen Tat und Nacht.

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