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Veröffentlicht: 30.04.2017, 21:45 Uhr

FAZ.NET Tatortsicherung Was tun bei einem Nagel im Oberschenkel?

Der neue „Tatort“ macht aus Kommissaren Invaliden. Hat die Polizei im Fernsehen an der falschen Stelle gespart? Und hat der Kommissar im blutigen Gemetzel richtig reagiert? Wir haben nachgehakt.

von Niklas Záboji
© X Filme/Hagen Keller 25 Jahre kollegiale Treue steht plötzlich auf dem Prüfstand: die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec)

Der neue Münchner „Tatort“ knüpft nahtlos an eine frühere Folge an: von dem Kapuzenträger, der einen Familienvater hinterhältig in einer Fußgängerzone erstochen hatte, fehlt weiter jede Spur. Das treibt neben der Witwe Ayumi (Luka Omoto) auch das Kommissarduo Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) zunehmend in die Verzweiflung. Doch dann kommt es in München zu einem Mordversuch, der frappierende Ähnlichkeiten mit dem früheren Fall aufweist. Und plötzlich geht alles ganz schnell: mutmaßlicher Täter in Untersuchungshaft, Prozessbeginn in München.

Doch das zwielichtige Gebaren zweier Justizangestellter bei der Überführung des Gefangenen macht den Kommissaren einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich wird scharf geschossen und es fließt Blut in Strömen. Ist das sich anschließend abspielende Szenario auch in der Realität denkbar - oder hätte schon der zu Filmbeginn erwähnte DNA-Massentest das ganze Theater ersparen können? Hat Kommissar Leitmayr wirklich fahrlässig und als Ersthelfer falsch gehandelt? Wir haben Experten befragt.

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Im dem früheren Münchener „Tatort: Die Wahrheit“ konnte der Täter nicht überführt werden – wie jetzt bekannt wird auch deshalb nicht, weil Dezernatsleiter Karl Maurer einen sogenannten DNA-Massentest aus Kostengründen eingestellt hat. So blieb der Mörder von Ben Schröder auf freiem Fuß und kann im neuen „Tatort“ abermals zuschlagen.

Frage 1: Wie genau muss man sich einen solchen DNA-Massentest vorstellen?

46108411 © X Filme/Hagen Keller Vergrößern Der Mord, über den man alles wusste – bis auf die entscheidende Antwort, wer ihn begangen hat.

Antwort von Markus Ellmeier (Polizeipräsidium München):

Die Durchführung einer DNA-Reihenuntersuchung erfordert einen richterlichen Beschluss. Eine Beteiligung ist grundsätzlich freiwillig – die zwangsweise Durchsetzung einer DNA-Entnahme ist nur dann möglich, wenn zusätzlich Verdachtsmomente für eine Tatbeteiligung vorliegen. Die konkrete Durchführung wird je nach Gegebenheit an einem zentralen Ort oder über Vorladungen zu Einzelterminen durchgeführt. Zu einer DNA-Reihenuntersuchung werden Personen vorgeladen, die sich zum Beispiel aufgrund ihres Wohnortes oder des Sitzes ihres Arbeitgebers am Tatort zur Tatzeit aufgehalten haben könnten. So gibt es durchaus Untersuchungen mit einer vierstelligen Zahl an Teilnehmern. Die Probenentnahme erfolgt durch einen Abstrich der Mundhöhlenschleimhaut.

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Frage 2: Und kann es tatsächlich vorkommen, dass die Polizei aus finanziellen Gründen auf die Durchführung des Tests verzichtet, obwohl man in einem Mordfall ermittelt?

Antwort von Markus Ellmeier:

Der Verzicht beziehungsweise der im „Tatort“ erwähnte Abbruch eines DNA-Tests aus finanziellen Gründen ist in der Realität nicht denkbar.

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Nur weil der Museumswärter Thomas Barthold (Gerhard Liebmann) seiner Mordlust noch ein zweites Mal freien Lauf lässt, kann der mutmaßliche Mörder von Ben Schröder gefasst werden. Barthold kommt daraufhin in die Straubinger Untersuchungshaft und soll in Begleitung zweier junger Justizvollzugsbeamter zum Prozessbeginn nach München überführt werden.

Leitmayr und Batic entschließen sich kurzfristig, die Überführung zu begleiten. Doch was zunächst nach einer Routineaktion aussieht, entwickelt sich zum Actionthriller: In einem abgelegenen Waldstück täuschen die zwielichtigen Justizvollzugsbeamten eine Panne vor, Schüsse fallen und der Transporter düst ohne die Kommissare ab in Richtung einer alten Fabrik.

Frage 3: Ist es möglich, dass Kommissare eine solche Überführung begleiten? Und ist es auch üblich?

46108428 © X Filme/Hagen Keller Vergrößern Im Ausland einfach nochmal von vorne anfangen? Doch der Plan der beiden Justizvollzugsbeamten mündet in einen Blutrausch, dem beide zum Opfer fallen.

Antwort von Markus Ellmeier:

Bayern ist das einzige Bundesland, in dem die Polizei mit den Aufgaben des Vorführdienstes betraut ist. In den anderen Bundesländern übernimmt diese Tätigkeit ausschließlich die Justiz. Eine Begleitung des Transportes durch Beamte der Mordkommission rein aus persönlichen Gründen ist weder üblich noch empfehlenswert, weil dadurch die Glaubwürdigkeit der Polizeibeamten vor Gericht angreifbar wird. Eine dienstliche Begleitung ist theoretisch möglich, wenn sie sich ausreichend begründen lässt.

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Im Untersuchungsausschuss wird Leitmayr mit der Frage konfrontiert, warum er für den Transport kein Begleitfahrzeug angefordert hat. Seine knappe Antwort: „Das hielt ich nicht für notwendig. Wir haben die Sicherheitslage so beurteilt.“

Frage 4: Wie sehen die Richtlinien für eine solche Überführung aus?

Antwort von Markus Ellmeier:

Dafür gibt es die Gefangenentransportvorschrift, kurz GTV. Demnach können mehrere Fahrzeuge angeordnet werden, wenn es die Sicherheit des Transports notwendig macht.

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Auf dem Fabrikgelände wird anschließend reichlich Blut vergossen. Der junge Justizvollzugsbeamte verstirbt kurz nachdem ihm seine Kollegin versehentlich in den Rücken geschossen hat. „Ich hab‘ Durst“ gehört zu seinen letzten Worten.

Frage 5: Ist der bevorstehende Tod durch Blutung tatsächlich mit einem starken Durstempfinden verbunden?

46108441 © X Filme/Hagen Keller Vergrößern Da hilft auch Leitmayrs gutes Zureden nicht mehr: Auf einen Rückenschuss folgt der schnelle Tod.

Antwort von Prof. Bernhard Zwißler (Direktor der Klinik für Anästhesiologie der LMU München):

Nach meiner Einschätzung nein. Es wäre pathophysiologisch auch nicht erklärbar. Wenn man wegen einer akuten Verletzung innerhalb eines kürzeren Zeitraums verblutet, dann bleibt dem Organismus keine Zeit, die Veränderungen im Wasserhaushalt der Zellen und der Zusammensetzung der Körpersalze wahrzunehmen, die man bei sehr langsamen Flüssigkeitsentzug beziehungsweise sich sehr langsam entwickelnden Blutungen beobachtet und die dann ein Durstgefühl auslösen. Häufiger kommt es dagegen vor, dass die Patienten gähnen, bevor sie das Bewusstsein verlieren. Auch Übelkeit und Erbrechen aufgrund eines rasch abfallenden Blutdrucks sind nicht ungewöhnlich. Normalerweise verlieren die Patienten aber langsam das Bewusstsein und schlafen ein (natürlich nur, wenn man nichts dagegen unternimmt).

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Kommissar Leitmayr bekommt in der Prügelei mit Barthold einen Nagel tief in den Oberschenkel gerammt und fällt nach einem heftigen Aufprall auf Beton erst einmal ins Koma. Als er erwacht und die Wunde bemerkt, klemmt er sein Bein mit einem Gürtel ab und zieht anschließend den Nagel heraus.

Frage 6: Ist dieses Vorgehen ratsam?

Antwort von Dr. Kurt Schneider (Ärztlicher Leiter für Ausbildung und Rettungsdienst beim Bayerischen Roten Kreuz):

Nein, dieses Vorgehen ist so nicht ratsam. Im Rahmen der Ersten Hilfe wie in der professionellen Rettungsmedizin gilt der Grundsatz, dass alle Fremdkörper in den Weichteilen verbleiben und bewusst nicht entfernt werden sollen. Der Grund: Eine Blutung wird durch das Herausziehen des Fremdkörpers oft verstärkt und zudem können weitere Verletzungen des Gewebes oder schlimmer noch an Blutgefäßen entstehen. Daher werden Fremdkörper grundsätzlich nur in der Klinik chirurgisch, also im OP entfernt. Ein Abbinden mit einem Gürtel ist zudem selten wirklich effektiv, weil diese Methode eines enormen Kraftaufwandes bedarf und zudem extrem schmerzhaft ist. Ein Abbinden ist meist nur mit einem speziellen Hilfsmittel, einem sogenannten „Tourniquet“ möglich. Derartiges Equipment führen die Rettungsdienste, Soldaten und Spezialeinheiten der Polizei mit sich.

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Leitmayrs Kollege Batic hat dagegen mit einer offenen Schusswunde im Oberschenkel zu kämpfen, aus der das Blut in Strömen fließt. „Drück da drauf!“, weist ihn Leitmayr an.

Frage 7: Hat der Kommissar wenigstens hier im Erste-Hilfe-Kurs richtig aufgepasst?

46108438 © X Filme/Hagen Keller Vergrößern Mit einem Krankenhausaufenthalt kommt Batic noch glimpflich davon.

Antwort von Dr. Kurt Schneider:

Diese Empfehlung ist richtig. Eine stark blutende Wunde wird im Rahmen der Ersten Hilfe primär durch „Abdrücken“ und nachfolgend gegebenenfalls mit einem Druckverband versorgt. Eine direkte Kompression der Blutungsquelle mit der flachen Hand (Handfläche) ist in diesem Fall sinnvoll, erfordert aber auch hier einen hohen Kraftaufwand.

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Nach vielem Hin und Her wird schließlich klar, dass die Witwe den Mörder ihres Mannes erschossen hat – mit der Dienstwaffe von Batic. Um die Schuld von ihr abzulenken, versucht dieser kurz darauf, die Waffe mit ihren Fingerabdrücken an seiner Jacke abzuwischen.

Frage 8: Lassen sich Spuren tatsächlich so leicht verwischen?

Antwort von Dr. Martin Schulz (LMU München, Institut für Rechtsmedizin):

Fingerabdrücke sind recht empfindliche Gebilde, die bereits bei kurzen Berührungen entstehen, auf glatten, wasserabweisenden Oberflächen aber auch leicht wieder zerstört werden können. So ist es auf der Metalloberfläche einer Waffe tatsächlich möglich, das Papillarlinienmuster (den Fingerabdruck) mit einem Textil zu verwischen und somit für eine Auswertung unbrauchbar zu machen. In einem solchen Fall bleiben jedoch oft noch Reste von DNA auf der Oberfläche haften. Bei einem flüchtigen Reinigungsversuch wird das Fingerabdruckmuster möglicherweise verwischt, das übertragene biologische Material aber nicht vollständig abgewischt. Kurzum: trotz zerstörtem klassischen Fingerabdruck kann der genetische Fingerabdruck erhalten bleiben. Hat man zudem zeitnah einen konkreten Verdacht, kann man die Hände des Tatverdächtigen auf Anhaftungen von beim Abfeuern einer Waffe entstehenden Verbrennungsrückständen, den sogenannten Schmauchspuren, untersuchen. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, eine tatverdächtige Person beziehungsweise deren Kleidung auf das Vorhandensein von kleinsten Blutspritzern zu begutachten, die beim Eindringen des Geschosses in den Körper des Opfers in Richtung des Schützen fliegen, das sind die sogenannten Rückwärtsspritzer.

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