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Veröffentlicht: 11.06.2017, 21:45 Uhr

FAZ.NET-Tatortsicherung Reich und erfolgreich durch „Pranks“?

Live und in Farbe: der Dresdner „Tatort“ präsentiert Mord und Suizidversuch im Online-Stream. Sind das fiktive Szenarien oder reale Abgründe - und wie läuft das Geschäft mit den jungen Internetstars?

von Niklas Záboji
© MDR/Gordon Muehle Ernste Miene in einem ernsten Fall: Henni Sieland (Alwara Höfels, Mitte) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski, rechts) im Gespräch mit dem Vergewaltigungsopfer.

Als Simson live geht, schaut eine Million Jugendliche gebannt zu, in Dresden ist der 17-Jährige ein Star. Wenig später ist er tot. Da seine Videos Klicks und Geld brachten, ist Simsons Ableben für den hippen Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) ein schwerer Verlust. Andererseits ist er in den Augen der Ermittler - dem Kommissarinnenduo Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) - auch ein Verdächtiger. Zu anrüchig ist sein Geschäft mit den Jugendlichen, zu groß waren Simsons Ausstiegsträume.   

Dass der Mörder schließlich im Umfeld der jungen, vor laufender Kamera vergewaltigten Emilia Kohn (Caroline Hartig) zu finden ist, offenbart einmal mehr die Abgründe der digitalen Welt. Umso mehr, als sich das Mädchen live das Leben nehmen will.

Wer verdient am Geschäft mit Videos und Social-Media-Kanälen? Und wie ist es um die Expertise der Polizei bei diesen digital motivierten und begleiteten Verbrechen bestellt?

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Frage 1: Wie sieht die Szene in Deutschland aus? Gibt es Akteure, deren Videos wirklich so viel Geld einbringen wie im Film – auch mit Pranks?

46888891 © MDR/Gordon Muehle Vergrößern Mit seiner Agentur „Super 7“ wähnt sich Simsons Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) auf Wolke 7 – bis die krummen Geschäfte auffliegen

Antwort von Markus Gerstmann (Medienpädagoge, Servicebureau Jugendinformation für Bremen):

Na klar, mit dem Internet und vielen Applikationen auf dem Smartphone lässt sich sehr gut Geld verdienen. Sogenannte YouTube-Stars wie Bibis Beauty Palace oder Gronkh erwirtschaften mit ihren Videos Millionen. Aber auch über Plattformen wie Instagram, Snapchat oder Musically verdienen die Ersteller an den hohen Abrufen. Das gilt genauso für jene Pranks, die bei den Jugendlichen ein großes Interesse wecken und somit viel Geld einbringen – egal ob es nette, per Video dokumentierte Streiche in Partnerschaften sind oder eben Fiesheiten, in denen Menschen oder Gruppen übergriffig attackiert werden. Doch nicht alles hat Erfolg: Pranks mit Bombenattrappen oder gefälschten Coming Outs werden auf Social-Media-Seiten mitunter heftig kritisiert.

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Frage 2: Und sicher gibt es Geschäftsleute im Hintergrund, die am Erfolg der Jugendlichen kräftig mitverdienen?

Antwort von Markus Gerstmann:

Die Branche ist relativ groß und erfolgreich. Sobald jemand auf Social-Media-Seiten eine hohe Abonnentenzahl oder regelmäßig viele Aufrufe hat, wird er interessant für Werbefirmen oder Unternehmen, die Stars vermarkten. Gemeinsam wird ein Konzept mit einem Image sowie möglichen Werbeprodukten entwickelt. Die Firmen unterstützen diese Influencer (so werden die Stars mit ihrer Werbung genannt) dann bei Akquise, Umsetzung, Management und Fankontakten. All das kennt man ja bereits aus der Musik- und Fernsehbranche. In der YouTube-Szene verdienen unter anderem der Ströer-Verlag, ProSiebenSat.1, aber auch Bertelsmann und Google viel Geld – und  indirekt natürlich auch all jene Firmen, die auf diesen Plattformen Produkte an mögliche Käufer herantragen.

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Doch geht es hier vor allem um die Schattenseiten dieser schönen neuen Internetwelt: jeder kann zu jeder Zeit alles und jeden filmen – und auf alle Ewigkeiten in den virtuellen Sphären speichern.

Frage 3: Um seine Streiche auch aus der Ferne spielen zu können, nimmt Prankster Samson eine Drohne zur Hilfe. Damit filmt er einen Rocker in ganz privater Umgebung – auf der Toilette. Ist der Einsatz von Drohnen in der Öffentlichkeit überhaupt erlaubt?

46888896 © MDR/Gordon Muehle Vergrößern Will mehr als nur spielen: Prankster Simson mitsamt Drohne

Antwort von Thomas Geithner (Polizeidirektion Dresden):

Ja, der Einsatz in der Öffentlichkeit ist erlaubt. Voraussetzung ist allerdings die Einholung einer Aufstiegserlaubnis von der Landesdirektion, die spätestens drei Tage vor dem Start zu beantragen ist. Am Flugtag ist der Flug unmittelbar vor dem Start beim Tower anzumelden und nach Beendigung dort auch wieder abzumelden.

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Frage 4: Weil das Vergewaltigungsvideo im Netz die Runde macht, will sich Emilia Kohn (Caroline Hartig) das Leben nehmen – in Echtzeit vor laufender Kamera. Ist man im polizeilichen Alltag auf solche Fälle vorbereitet?

Antwort von Thomas Geithner:

Auf solche Fälle kann man sich nicht vorbereiten. Da wir rund um die Uhr im Dienst sind, würde so ein Hinweis wie ein Notruf behandelt werden – also ein Polizeieinsatz beginnen. Im Zuständigkeitsbereich der Polizei Dresden hat es einen derartigen und selbst einen vergleichbaren Fall, also einen Suizidversuch im Livestream, noch nicht gegeben.

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Wenig bis gar nichts am Hut mit „diesem Internet“ hat dagegen Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Doch auch er erkundet die ungeahnten Chancen des Online-Datings – während der Dienstzeit. Kriminaltechniker Ingo Mommsen (Leon Ullrich) stellt ihn daraufhin vor versammelter Mannschaft bloß.

Frage 5: Muss ein Kommissar damit rechnen, dass Kriminaltechniker seinen Browserverlauf unter die Lupe nehmen?

46888930 © MDR/Gordon Muehle Vergrößern Reale Kommunikation ist schon eher sein Ding: Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, rechts) im Gespräch mit Simsons Vater Raimund Kahle (Jörg Bundschuh).

Antwort von Thomas Geithner:

Selbst wenn man das Thema „Schadsoftware/IT-Sicherheit“ außen vor lässt, lassen die Begriffe „Dienstzeit“ und „Dienstrechner“ schon erahnen, dass die private Nutzung einschließlich dem Besuch von Datingseiten nicht vorgesehen ist. Die Kriminaltechniker haben daher natürlich Zugriff auf den Browserverlauf, da man sich an seinem Dienstrechner nicht auf eine „Privatsphäre“ berufen kann. Konsequenzen sind immer eine Einzelfallentscheidung. Im schlimmsten Fall können disziplinarrechtliche Vorermittlungen eingeleitet werden.

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