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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie glaubwürdig ist ein dreijähriger Zeuge?

  • -Aktualisiert am

Wie viel hat der dreijährige Philipp (Lias Funck) von dem Unfall wirklich gesehen - und was entspringt vielleicht nur seiner Phantasie? Sebastion Bootz (Felix Klare) versucht, dem Kind Details zu entlocken. Mutter Sophie Kauert (Amelie Kiefer) versucht zu helfen. Bild: SWR/Alexander Kluge

Lannert und Bootz müssen im „Tatort“ aus Stuttgart in ungewöhnlichem Umfeld ermitteln: der Täter steht im Stau – zumindest glauben sie das. Denn ihr Zeuge ist erst drei Jahre alt. Darf sich die Polizei auf ein Kind verlassen?

          Ein nebelverhangener Wintertag in Stuttgart, an der Weinsteige geht es weder vor noch zurück: Stau im Feierabendverkehr, ein Wasserrohrbruch in der Innenstadt. Ein zankendes Ehepaar, ein rechthaberischer Rentner, eine überforderte Mutter stecken ebenso fest wie ein gedemütigter Chauffeur, ein gestresster Kurierfahrer, ein Anwalt mit Kleinkind an Bord und ein abgemahnter Arbeitnehmer, der eigentlich pünktlich seine letzte Dienstfahrt erledigen muss.

          Zeitgleich werden die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in ein Wohngebiet gerufen. Eine junge Mutter hat vom Küchenfenster aus eine leblose Gestalt am Straßenrand entdeckt, der Rettungsdienst kann nur noch den Tod des 14-jährigen Mädchens feststellen. Ein Auto muss es erfasst haben, der Unfallfahrer ist flüchtig.

          Während Lannert den Täter im nahen Stau vermutet, beginnt, die Fahrzeuge auf Unfallspuren zu untersuchen und Tatverdächtige zu vernehmen, versucht Bootz dem dreijährigen Zeugen Details zum Unfallhergang zu entlocken, denn natürlich drängt die Zeit: der Stau kann sich jeden Moment auflösen, der Täter ungeschoren davonkommen. Wie viel Dramaturgie steckt in diesem Szenario – und wie viel Wahrheit? Wir haben Experten befragt.

          ***

          Mutter des dreijährigen Augenzeugen zu Kommissar Bootz: „Das ist normal. Bei fremden Männern traut er sich nicht zu reden.“ – Kommissar Lannert: „Wir haben eine Kinderpsychologin bestellt. Die ist auf dem Weg.“ – Bootz: „Fragen Sie ruhig mal.“ – Mutter: „Was ist denn da unten passiert, mein Schatz?“ (Minute 13)

          Frage 1: Ist ein Kleinkind ein glaubhafter Zeuge?

          Antwort von Thomas Wolf (Sprecher  des Polizeipräsidiums Stuttgart):

          Es gibt kein Gesetz, in dem geregelt ist, ab welchem Alter ein Zeuge als glaubwürdig gilt. Es liegt im Ermessen des Beamten, der das Kind befragt, ob die Schilderungen des Kindes glaubhaft klingen. Kinder unter 14 Jahren werden übrigens immer befragt, nie vernommen, da sie selbst noch strafunmündig sind, zudem müssen die Eltern der Befragung zustimmen. Wenn die Aussage des Kindes in einem Strafprozess verwandt wird, liegt es ebenfalls im Ermessen des zuständigen Richters, als wie realistisch er sie einstuft. Aus meiner langjährigen persönlichen Erfahrung als Beamter im Dezernat für Sexualdelikte kann ich jedoch klar ausschließen, dass ein dreijähriges Kind als Zeuge glaubhaft ist. Ein zielgerichteter Dialog zu einem Erlebnis in der Vergangenheit ist unmöglich, da Kleinkinder Abläufe noch nicht schlüssig schildern, keine klare Grenze zwischen real Erlebtem und Geschichten aus Büchern oder Filmen ziehen können. Etwa ab dem Grundschulalter sind manche Kinder dann bereits in der Lage, die für eine Zeugenaussage notwendigen logischen Zusammenhänge zu erkennen. Aber auch das muss nicht die Regel sein.

          ***

          Frage 2: Einer der ermittelnden Kommissare versucht, unter Zuhilfenahme von Spielzeugautos mit dem Jungen den Tathergang zu rekonstruieren und dadurch an Informationen für die Fahndung nach dem Unfallfahrer zu gelangen. Eine gängige Methode?

          Bootz legt sich ziemlich ins Zeug, um Philipp und vor allem dessen Mutter näher zu kommen. Kollege Thorsten Lannert (Richy Müller) sucht indes den Täter im Stau.
          Bootz legt sich ziemlich ins Zeug, um Philipp und vor allem dessen Mutter näher zu kommen. Kollege Thorsten Lannert (Richy Müller) sucht indes den Täter im Stau. : Bild: SWR/Andreas Schäfauer

          Antwort von Thomas Wolf:

          Sicher nicht. Das scheitert schon allein an der Tatsache, dass sich ein Kleinkind nie lange genug auf die Szenerie wird konzentrieren können, um schlüssige Aussagen zum Unfallhergang zu machen – selbst wenn es ein für sein Alter sehr intelligentes Kind ist. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass ein Beamter in einen ersten Dialog mit dem Kind tritt – natürlich im Beisein der Eltern in einer dem Kind vertrauten Umgebung, womöglich auch mit Hilfe der Eltern. Aber daraus dann eine Fahndung abzuleiten, halte ich für undenkbar. Ein dreijähriges Kind ist sicher nicht in der Lage einen schwarzen Golf von einem schwarzen Opel zu unterscheiden. Ich könnte mir maximal vorstellen, dass das Kind so ein cleveres Kerlchen ist, dass es aussagt „es war ein roter Mercedes, weil mein Papa fährt auch einen roten Mercedes.“  Wenn der ermittelnde Beamte das dann als glaubhaft einschätzt, könnte ich mir vorstellen, dass dann nach einem solchen Fahrzeug gefahndet wird. Aber das halte ich wirklich für sehr unwahrscheinlich.

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