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Tatort-Sicherung : Wie weit sind K.I. und Biohacker?

  • -Aktualisiert am

Abgründe der Intimität zwischen Mensch und Computer tun sich im neuen „Tatort“ auf Bild: BR

Der neue „Tatort“ aus München zeichnet ein beängstigendes Bild von der Künstlichen Intelligenz. Wird sie bald schon Fernsehkommissare überflüssig machen? Wir haben Experten über den Stand der Forschung befragt.

          Melanie Degner (Katharina Stark) ist spurlos verschwunden. Auf dem Computer des Mädchens machen Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) eine seltsame Entdeckung: Ein Programm namens „Maria“.

          Was die beiden am Anfang noch für einen simplen Chatbot halten, entpuppt sich bald als ziemlich ausgereifte künstliche Intelligenz. Melanie hat dem Programm ihre intimsten Geheimnisse anvertraut. Weiß „Maria“ also mehr über das Verschwinden von Melanie? Für Batic und Leitmayr steigt der Druck, denn je länger sie brauchen, desto geringer die Chance, dass sie Melanie noch lebend finden.

          Sind die Kommissare und ihre Mitarbeiter auf dem neuesten Stand der Technik? Wir haben Experten gefragt.

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          Frage 1: „Maria“, die künstliche Intelligenz im Tatort, gibt sich als beste Freundin, die stets zuhört und Antworten auf alles weiß. Wie nah sind künstliche Intelligenzen schon am Menschen dran?

          Manipuliert vom Computerprogramm „Maria“: Melanie Degner (Katharina Stark)

          Antwort von Prof. Andreas Dengel (Standortleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz Kaiserslautern und Wissenschaftlicher Direktor des Forschungsbereichs Smarte Daten & Wissensdienste):

          Künstliche Intelligenzen sind insgesamt immer noch weit weg vom Menschen. Sie können ihn nur auf einem schmalen Streifen überholen, man könnte von Inselbegabungen sprechen. Nehmen Sie AlphaGo, eine künstliche Intelligenz, die den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol besiegt hat. AlphaGo machte damals einen Spielzug, der von Beobachtern erst einmal als nachteilig eingestuft wurde, der aber am Ende zum Sieg führte. Aber das war es auch schon. AlphaGo weiß nicht, warum es Go spielt, oder was „gewinnen„ und „verlieren“ bedeutet. Also: Künstliche Intelligenzen können besser Go spielen, oder besser hören oder sehen als Menschen. Manche sind schon multimodal, können zum Beispiel besser sehen und hören, aber am Ende sind sie trotzdem dumm, weil sie von Daten abhängig sind. Eigentlich simulieren sie Intelligenz lediglich auf einem sehr schmalen Streifen.

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          Frage 2: Wilmots war Biohacker, einen Chip mit seinem Passwort hat er sich unter die Haut implantiert, zu Hause hat er zahlreiche Experimente durchgeführt. Ein Video zeigt, wie er die Augen eines Mannes mit „Chlorin E6“ behandelt und ihm so zu „Nachtsicht“ verhilft. Geht das wirklich?

          Finsterer Biohacker: Christian Wilmots (Thorsten Merten) in seinem Versuchs-Keller

          Gabriela A. Sanchez (forscht an der Uni Genf unter anderem zu DIY-Biologie und Biohacking):

          Ich habe tatsächlich schon von Biohackern gehört, die mit „Nachtsicht“ experimentiert haben, insbesondere die Gruppe „Science for the Masses“. Bei deren Versuchen wurde ebenfalls eine Lösung in die Augen einer Versuchsperson geträufelt. Die Gruppe hat darauf einen wissenschaftlichen Artikel mit den Ergebnissen geschrieben, der allerdings scharf kritisiert wurde. Das Onlinemagazin Hplus, das so etwas wie die Bibel für „Grinder“ genannte Biohacker ist, veröffentlichte eine umfassende, sehr scharfe Kritik über das Experiment. Eine Erkenntnis daraus: „Aktuell ist es wissenschaftlich besser erwiesen, dass Marihuanarauchen die Nachtsicht fördert, als Chlorin E6-Augentropfen“. Nicht zu vergessen sind auch die Langzeitschäden, die bei solch einer Behandlung entstehen würden.

          ***

          Frage 3: Ingenieurin Anna Velot hat eigene Pläne mit der K.I. „Maria“. Zu diesem Zweck hackt sie sich in den Rechner des ahnungslosen Kalli Hammermann. Und zwar mit einer Bilddatei im E-Mail-Anhang, die eindeutig als .jpeg zu erkennen ist. Können sich Hacker tatsächlich so einfach Zugriff zu fremden Rechnern verschaffen?

          Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Anna Velot (Janina Fautz) versuchen, „Maria“ anzuzapfen.

          Tatjana Halm (Referatsleiterin Markt und Recht bei der Verbraucherzentrale Bayern):

          Bilddateien galten lange Zeit als ungefährlich, was das Einschleusen von Viren auf fremde Rechner betraf. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnte jedoch bereits 2016 vor einem Fehler in der Bildverarbeitung von Microsoft-Programmen. So könnten auch manipulierte JPEG-Bilder gefährlich werden. Inzwischen sollte dieses Problem jedoch behoben sein. Die meisten Hersteller von Antiviren-Software haben auf die Lücke reagiert und ihre Software umgestellt, die nun auch Dateien im JPEG-Bildformat erkennt und durchsucht.

          Ein grundsätzlicher Rat der Verbraucherzentrale ist deshalb stets so schnell wie möglich alle Sicherheitsupdates gewissenhaft durchzuführen. Darüber hinaus kann ein vorsichtiger Anwender je nach Dateiendung erkennen, ob eine Datei im Mail-Anhang eine Gefahr darstellt oder nicht. Dateien mit der Endung .exe, .com, .vbs, .bat, .sys und .reg sind ausführbare Programmdateien, die nach dem Öffnen schadhaft wirken könnten. Beachten sollte man auch, dass die tatsächlichen Dateiendungen nicht immer sichtbar sind. Das liegt daran, dass bei bekannten Programmen die Dateiendungen ausgeblendet sein können. So wird zum Beispiel bei einer gefährlichen Datei mit dem dateiname.jpg.exe der als harmlos erscheinende Name dateiname.jpg angezeigt.

          Um das zu vermeiden, können Anwender im Dateiexplorer Einstellungen treffen, die bewirken, stets den vollen Dateinamen angezeigt zu bekommen.

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