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„Tatort“ aus Stuttgart : Da geht nichts mehr

  • -Aktualisiert am

Im Stau: Tina Klingelhöfer (Susanne Wuest, rechts) spricht mit Thorsten Lannert (Richy Müller). Bild: SWR/Alexander Kluge

Wenn der Mensch in seiner rollenden Blechrüstung, dem Auto, zum Anhalten gezwungen wird, kann es rasch ungemütlich werden. Im „Tatort“ aus Stuttgart stecken die Beteiligten denn auch in einem mörderischem Stau.

          Die „Weinsteige“ in Stuttgart passieren täglich 45000 Fahrzeuge. Sie ist eine Hauptverkehrsader der Stadt. Der Blick, der sich von ihr aus auf die Heimat von Daimler und Mercedes-Benz bietet, ist grandios. Ein Mordspanorama, besonders abends. Tag für Tag haben Tausende Autofahrer die Muße, den Blick zu genießen und zu sinnieren, während ihr äußeres Leben stockt. Wer die Weinsteige befährt, steht immer im Stau, heißt es.

          Der Stau als Realität und als Metapher: Für Dietrich Brüggemanns ersten „Tatort“ ist er beides. Der Regisseur, der mit Daniel Bickermann auch das Drehbuch geschrieben hat, knüpft an cineastische Vorbilder an. In Luigi Comencinis schwarzer Komödie „Der große Stau“ (1978) lassen die Biederleute im Stau am Rande Roms die Masken fallen. In dem Film mit Marcello Mastroianni und Angelina Molina kommt es zur Massenvergewaltigung. Auch Jacques Tati („Trafic“) und Jean-Luc Godard („Weekend“) sehen den Stau als Prüfung der Zivilisiertheit. Im Stau, dazu könnte man auch Elias Canettis „Masse und Macht“ nachlesen, wird der Mensch als Fahrer zum Halten gebracht und verbündet sich mit den Mit-Fahrern zum Mob. Wenn aus Mobilität („freie Fahrt für freie Bürger“) erzwungener Stillstand wird, wird der Mensch zum Tier, jedenfalls bei Regisseuren wie Comencini.

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          Brüggemanns untergründig sarkastischer „Tatort“ gibt dem Ganzen eine etwas andere, vielleicht deutschere Gedankenwendung. Im einem Land, in dem jede Verlautbarung zum Abgasskandal oder zur Feinstaubbelastung mehr Würdigung erfährt als andere Nachrichten, erhält der Stau als Sinnbild einer Zwangsgemeinschaft auf Zeit besondere gesellschaftliche Brisanz. Brüggemann, nach eigener Aussage vor allem an „Küchensoziologie“, weniger an Küchenpsychologie interessiert, macht den zwanzigsten Fall von Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) zu einer aufschlussreichen Ermittlung deutscher Befindlichkeit.

          „Stau“ ist folgerichtig ein Ensemblefilm, sein dramaturgischer Aufbau zeigt einige derjenigen, die bald im Stau sitzen, erst einmal bei den hektischen Aktivitäten zum Ausklang eines Tages in der Tretmühle – Arbeitsplatz oder Familie. Eine gestresste Mutter (Susanne Wuest) fährt durch die halbe Stadt, um die zickige Tochter vom Ballett abzuholen. Mann und Frau auf dem Weg zur Paartherapie (Julia Heinemann und Eckhard Greiner) fügen sich verbale Wunden zu. Ein Angestellter (der Autor Daniel Nocke) wurde vom Chef heruntergemacht und soll ein Paket abliefern. Ein Rentner (Rüdiger Vogler) kommt mit schlechten Neuigkeiten vom Mieterschutzverein. Ein Vater (Roland Bonjour) hat sein Kleinkind erst nach Kitaschluss abgeholt. Ein Krankentransportfahrer (Deniz Ekinci) schafft es nicht zum nächsten Rollstuhlfahrer. Der Chauffeur (Jacob Matschenz) einer Geschäftsfrau will kündigen, wagt sich aber nur bis zum Lösen des Anschnallgurts vor. Lauter Enttäuschte, Erniedrigte und Beleidigte, gefangen in Hierarchien und Beziehungsfallen. Ihre Autos sind allerdings mehr Schutzräume, nicht primär Waffen, wie etwa in Stephen Kings „Mr. Mercedes“.

          Gleichwohl ist das Tötungsinstrument in „Stau“ ein Auto. Der Mord, vielleicht war es auch ein Unfall mit Fahrerflucht, geschieht nicht im Stau, sondern auf der Zufahrt: ein vierzehnjähriges Mädchen wurde gegen einen Poller geschleudert. Es gibt einen Zeugen für die Tat, er ist drei Jahre alt. Während Bootz mit der Mutter (Amelie Kiefer) versucht, dem Kind einen Tathergang zu entlocken und ein Phantombild des Autos anfertigt, sucht er telefonisch hektisch nach dem Zeugen der Staatsanwaltschaft für einen ganz anderen Fall.

          Das Tatfahrzeug muss im Stau feststecken. Eine Chance für die Kripo, ein Albtraum für die Verkehrspolizei. Lannert setzt sich zu immer neuen Verdächtigen auf den Beifahrersitz, erfährt mehr über sie als nötig und muss dieselben Fahrer immer wieder ins Visier nehmen: Kammerspiele im Auto, während draußen der Druck wächst. Die Kamera von Andreas Schäfauer kreiert fast klaustrophobisch wirkende Innenräume und immer wieder Panoramablicke durch den Stau und auf die Stadt. Nachgebaut wurde die Weinsteige übrigens in einer Freiburger Messehalle. Zusätzliche Behinderungen auf der Strecke in der „Stauhauptstadt Deutschlands“ wären wohl kaum genehmigt worden. Stillstand gibt es im Ländle schon genug.

          Fernsehtrailer : „Tatort: Stau“

          Tatort. Stau, Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

          Quelle: F.A.Z.

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