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„Tatort“ aus Mainz : Hier ermittelt die schlechteste Mutter der Welt

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Ist mit sich selbst beschäftigt: Heike Makatsch als Ellen Berlinger Bild: SWR/Julia Terjung

Der „Tatort“ mit Heike Makatsch erzählt eine tragische und bitterernste Geschichte. Dabei überzeugt nicht nur die Kommissarin.

          Wirklich überraschend kommt diese Auferstehung nicht. Als vor zwei Jahren, am Ostermontag 2016, das mit viel Tamtam beworbene, angeblich einmalige Gastspiel Heike Makatschs als „Tatort“-Kommissarin über die Bildschirme flimmerte, werden sich viele Zuschauer schon gedacht haben, dass man diese kühle, an einer Mutter-Wunde laborierende und damals zudem noch schwangere Jeanne d’Arc aus Freiburg wohl bald wiedersehen werde. Weil im Schwarzwald inzwischen ein neues Team Dienst tut und seine Sache – auch ohne den eigentlich vorgesehenen Harald Schmidt – ziemlich gut macht, wurde die einsame Kämpferin Ellen Berlinger allerdings ans andere Ende des SWR-Sendegebiets versetzt. Ihre jahrelang vernachlässigte, bei der Großmutter aufgewachsene und inzwischen erwachsene Tochter Nina hat sie in Freiburg zurückgelassen.

          In Mainz nun wird ihr ein ausgesprochen sensibler Kollege beigesellt. Und tatsächlich hat der SWR für die Rolle Martin Raschers jemanden gefunden, der in Makatschs Liga spielt: Sebastian Blomberg mimt den bis in den Schlaf von toten Kindern verfolgten Kommissar – ein Serientäter wird seit Jahren nicht gefasst – mit einer glaubhaften, nie überbordenden Verzweiflung am Menschengeschlecht. Er steht für pure Empathie. Ein solches Figuren-Gegengewicht zu Berlinger hatte bislang gefehlt. Zudem bringt die Regie von Markus Imboden nach dem sprunghaften Debüt eine souveräne Ruhe in diese Episode, die in jeder Hinsicht von Begegnungen lebt. Ihre zickige Seite darf Berlinger, inzwischen Mutter eines kleinen Mädchens, weiterhin ausleben. Ihre Launen treffen den arg von sich eingenommenen Kita-Betreuer Bassi (Lucas Prisor), der wohl eine heiße Affäre im Sinn hatte, aber schneller, als er einen Kussmund machen kann, als Dauerbabysitter endet.

          „Ich fühle mich wie die schlechteste Mutter der Welt“

          Inhaltlich meint es das Drehbuch von Marco Wiersch bitterernst. Eine Jugendliche (Aniya Wendel) wird brutal ermordet. Wir sehen, wie ihre Eltern (Kathleen Morgeneyer; Robert Schupp) hoffen, bangen, hingehalten werden, dann kollabieren. Außerdem verschwindet ein hochbegabter Dreizehnjähriger (Luis Kurecki). Sein erstaunlich schnell aufgetauchter Kapuzenpulli deutet eine Verbindung der beiden Fälle an, denn er ist durchtränkt mit dem Blut des toten Mädchens. Leider hat sich Wiersch dann doch von einer fragwürdigen Mode hinreißen lassen, die den Film schwächt: Die Kommissarin ist wieder einmal persönlich in den Fall verwickelt, denn der verschwundene Junge, bei dem vieles auf ein Asperger-Syndrom hinweist, ist der Sohn ihrer Cousine Maja (Jule Böwe). So tragisch der verhandelte Fall ist, vermag er auf kriminalistischer Ebene nicht wirklich zu fesseln. Da hilft ein lieblos in die Handlung eingebauter Mafioso so wenig wie eine halbherzige Entführerjagd. Die erhebliche Frage, ob wir es mit einem Serienmörder zu tun haben – „Ich wusste, es passiert wieder“ – oder doch mit einer Alltagstragödie, verliert in dem Maße an Relevanz, in dem Berlingers persönliche Verstrickung (und eigentlich ja auch Befangenheit, wie Rascher völlig folgenlos anzumerken wagt) in den Vordergrund tritt. Bald agiert die Kommissarin reichlich kopflos. Die früh zu ahnende Auflösung wird eher pflichtschuldig heruntererzählt.

          Zugleich aber funktionieren die emotionalen Szenen sehr gut, denn schauspielerisch hält der Film bis in die Kinderrollen hinein sein hohes Niveau. Vielleicht darf man als das eigentliche Thema dieser Episode das Hinterfragen moderner, auf Leistung getrimmter Einzelkämpferkarrieren ansehen. Berlinger vernachlässigt schließlich nun auch ihre zweite Tochter Greta („Ich fühle mich wie die schlechteste Mutter der Welt“), aber das nicht unbedingt wegen der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern aufgrund der Unvereinbarkeit ihres selbst zurechtgelegten Rollenbilds als unverletzliche, in der Männerwelt bestehende Drachentöterin mit den durch solche Härte kaum zu bestehenden Herausforderungen, vor die ein schutzbedürftiges Kleinkind eine Mutter stellt. Von der anderen Seite her scheint auch Rascher ungeeignet für seinen Beruf zu sein, denn als leicht depressiver Melancholiker, dem jede Bluttat zu nahe geht, kann man dem Schrecken kaum Einhalt gebieten. Zwei solche Ermittlerfiguren zusammenzubringen und dann doch knifflige Fälle lösen zu lassen erscheint als Grundlage für weitere Folgen zumindest tragfähig.

          Der Tatort: Zeit der Frösche läuft an Ostermontag, 2. April, um 20.15 Uhr im Ersten.

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