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„Tatort“ aus Stuttgart : Schuld und Lüge

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Im Zweifel gegen den Hauptverdächtigen: Manuel Rubey spielt Jakob Gregorowicz, der einen Mord begangen haben soll. Bild: SWR/Alexander Kluge

Der Jubiläums-„Tatort“ aus Stuttgart kehrt die übliche Versuchsanordnung des Genres um. Die Geschichte von „Der Mann, der lügt“ wird aus der Perspektive des Tatverdächtigen erzählt. Die Wirkung ist durchschlagend.

          Der schlechteste und der beste Pokerspieler lassen sich von außen schwer unterscheiden. Es könnte ja sein, dass alle Durchschaubarkeit beim Bluffen nur Teil eines viel umfassenderen Bluffs ist. Mit dieser Ambivalenz hat der „Tatort“ schon oft gespielt, aber wohl nur selten blieb so lange offen, ob ein sich hoffnungslos in Widersprüche verheddernder Verdächtiger nun der gesuchte (Allein-)Täter ist oder nicht. Verbirgt er etwas? Ist das Tatgeschehen überhaupt schon vorüber? Sind die verwackelten Erinnerungs-Rückblenden verlässlich oder nur subjektive Gespinste?

          Dass alle Erklärungen möglich bleiben, obwohl sich das Netz immer enger zuzieht, ist ein Kunststück, das viel mit dem konzisen Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler zu tun hat – Letzterer ist auch für die unaufgeregte, aber vor innerer Spannung zitternde Regie verantwortlich –, noch viel mehr aber mit der Meisterleistung der drei Hauptdarsteller.

          Richy Müller und Felix Klare brillieren als zurückgenommene Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz mit einem mimischen Vexierspiel zwischen Pokerface und entwaffnender Ehrlichkeit; der mit seinen feinen Gesichtszügen selbst im Zusammenbruch noch nobel und derangiert wirkende Manuel Rubey gibt den in Superzeitlupe kollabierenden Hauptverdächtigen Jakob Gregorowicz.

          An der Haustür: Die Kommissare Bootz (Felix Klare, links) und Lannert (Richy Müller) werden vorstellig.

          Rubey hat von der lässigen Ikone Falco über einen verknallten Vatikangesandten („Braunschlag“) und inzestuösen Vaterhasser („Altes Geld“) bis zum schrägen Knastaristokraten („Im Knast“) schon eine Menge schillernder Figuren mit Bravour verkörpert. Diesmal darf er zeigen, wie überragend er auch ohne ausgerolltes Glanzpapier ist. Seine Figur – Jakob, der Lügner (zeitgemäß egozentrisch) – wird als erfolgreicher Mittelständler Stuttgarter Prägung eingeführt, ohne dass das ausgestellte Glück übertrieben wirkte. Der zurückhaltende, mittelalte Herr hat einen passablen Bürojob in einem Maschinenbauunternehmen ergattert, wohnt in einem schönen Haus mit Kleinfamilie und ist Mitglied im Tennisverein. Mehr Arriviertheit geht kaum als Schwabe. Doch schon beim ersten Kontakt mit der Kriminalpolizei – ein bekannter Vermögensverwalter ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden – gerät der guttenbergjovial Dreinblickende aus dem Tritt.

          Jakob verneint nicht nur, kurz vor dem Tod des Anlageberaters mit diesem verabredet gewesen zu sein, obwohl das in dessen Kalender vermerkt war, sondern behauptet, von besagtem Uwe Berger seit Jahren nichts gehört zu haben. Das scheint schnell widerlegt zu sein, was die Kommissare aufmerken lässt. Nun beginnt ein Wettlauf zwischen den beiden Seiten um Errichtung und Dekonstruktion eines verwinkelten, wackligen Lügengebäudes, einer wahren Bastion rund um den Verdächtigen.

          Zunächst bröckelt es nur hier und da, bald aber fallen ganze Stuckpartien von der Fassade. Trotzdem ertappt man sich dabei, mit dem seltsam Verstockten mitzufiebern, zumal man der kleinen Tochter („Was ist denn los bei euch?“) den Zusammenbruch ihrer Welt ersparen will. Das will auch Jakobs Ehefrau, gespielt von der trotz einiger beachtlicher Rollen noch wenig bekannten Britta Hammelstein, die löwinnenstark für den Gatten eintritt. Sie zieht ihren Bruder (Hans Löw) hinzu, einen taffen Rechtsanwalt, für den Verbrechen nur ein formales Problem darstellen, der aber mit der Flucht in jenen nebelhaften Bereich, in dem keine Aussage haltbar bleibt, ein Problem hat: „Ich vertret‘ niemanden, der mich an der Nas‘ rumführt.“

          Dass den Zuschauern Jakobs Schlingern so nahe geht, liegt an einer mutigen Umkehr der üblichen Krimi-Verhältnisse. Eigler und Neuwöhner machen die Kommissare zum zehnjährigen Jubiläum der Stuttgarter „Tatort“-Besetzung zu – prächtigen – Seitenfiguren, die mit ihrer vermaledeiten Ermittlerexzellenz die innere Ordnung des unzuverlässigen Helden, aus dessen Perspektive der Film erzählt wird, bedrohen. Irgendwann scheint sich abzuzeichnen, in welche Richtung Jakobs Schuldverstrickung deutet, aber auch dann sind Volten möglich. Es ist so bedrückend wie berückend, zu sehen, wie in diesem seelische Wunden entblößenden Psychogramm ein mächtiger Gegenspieler kenntlich wird, gegen den am Ende niemand etwas ausrichten kann.

          Der Tatort: Der Mann, der lügt läuft an diesem Sonntag, 4. November, um 20.15 Uhr im Ersten.

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