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„Polizeiruf“ vom RBB : Einbruch ins Eis

  • -Aktualisiert am

Sie haben ihr Kind zurück - vorerst: Sabine (Katharina Heyer) und Robert Hallmann (Tobias Oertel), Bild: rbb/Britta Krehl

Das deutsch-polnische Kommissarsduo Lenski und Raczek hat es mit einem Fall von Kindesentführung zu tun. Der scheint schnell gelöst. Doch dann gibt es einen Toten, und das Rätselraten beginnt.

          Das war ein weiter Weg. Seit zwei Jahren führt die schnippisch souveräne, programmatisch alleinerziehende Polizistin Olga Lenski (Maria Simon), die bis dahin an der Seite des gemütlichen Dorfschutzmanns Horst Krause ermittelt hatte, in Frankfurt (Oder) eine platonische Arbeitsehe mit dem Polen Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), einem erschreckend gutaussehenden Kollegen, der Missetäter bislang durch betörendes Anblicken zur Strecke brachte.

          Das Grenzüberschreitende an dieser ersten deutsch-polnischen Mordkommission besaß von Beginn an Potential, aber den Fällen fehlte es sichtlich an Kreativität und Feinsinn: zu klischeehaft die Verbrechen, zu angestrengt der Humor, zu überflüssig das Herumreiten auf vermeintlich nationalkulturellen Stereotypien.

          Den vierten Einsatz der beiden Kommissare hat nun abermals Jakob Ziemnicki in Szene gesetzt, der schon bei der Initial-Episode des Teams als Regisseur fungierte. Und plötzlich macht dieser „Polizeiruf“ so gut wie alles richtig: „Das Beste für mein Kind“ (Buch Jakob Ziemnicki und Elke Rössler) ist ein leiser, aber ungemein starker Film, der sich jenseits aller windelweichen Idealisierung der Generation Bugaboo dem Thema Mutterschaft mit bewundernswerter psychologischer Sensibilität und Stringenz nähert.

          Ein kluger Aufbau, eine glaubhafte Geschichte, Untertitel statt plumper Eindeutschung, mehrdimensionale Charaktere, hervorragende Schauspieler sowie eine anregend zwischen intimer Nähe und reflektierender Distanz wechselnde Bildsprache von Kameramann Gunnar Fuss: es erstaunt, welche Intensität bei solchen Voraussetzungen möglich ist. Dass man nach einer halben Stunde noch keineswegs weiß, in welche Richtung sich die Kriminalhandlung entwickeln wird oder ob es überhaupt eine gibt, spricht absolut für diese Produktion des RBB.

          Der Fall wird kompliziert: die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lukas Gregorowicz).
          Der Fall wird kompliziert: die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lukas Gregorowicz). : Bild: rbb/Andrea Hansen

          Es beginnt konsequenterweise mit einem Baby, dem Beginn von allem. Niedlich, aber irritiert blickt es aus seinem Hartschalensitz. Dann übernehmen wir den Blick des Kindes, sehen die Hand am Haltegriff, den Mann mit Kapuze, und in Sekundenbruchteilen stellt er sich ein, der Albtraum aller Eltern: Jemand entführt das eigene Kind. Bestens nachvollziehbar ist die Verzweiflung der Mutter Sabine Hallmann (Katharina Heyer), die Leon im Krankenhaus nur einen Moment lang aus den Augen gelassen hat. Selbst ihr Mann Robert (Tobias Oertel), anfangs noch gefasst, vermag sie kaum zu beruhigen. Kurz darauf taucht das Kind indes wieder auf. Nur ist die Sache damit noch nicht ausgestanden, denn der offenbar reuige Entführer wird am nächsten Morgen ermordet aufgefunden.

          Nun bricht vor den verwunderten Blicken von Lenski und Raczek nach und nach ein wackeliges Konstrukt aus Not- und Lebenslügen in sich zusammen. So ist Sabine gar nicht Leons leibliche Mutter. Die heißt Anna Kowalska, lebt mit Mann sowie weiterer Tochter jenseits der Grenze und verbirgt gar nicht erst, wie lächerlich sie die eigene Begründung für das Weggeben des Jungen findet: „Wir wollten immer nur ein Kind.“ Agnieszka Grochowska spielt die Herzgebrochene grandios tiefentraurig, „wie unter Eis“, kommentiert Raczek ganz richtig. Dass das Kind am Staat vorbei von den Hallmanns adoptiert wurde, liegt laut Anna daran, dass Robert der Vater sei. Aber auch diese Aussage ist bald widerlegt. Spätestens jetzt darf man an Jane Campions neue Staffel von „Top of the Lake“ denken, in der Leihmutterschaft verhandelt wird, aber dieser „Polizeiruf“ ist kein feministischer Essay. Er will auf keine Botschaft hinaus, nicht einmal auf den „Kaukasischen Kreidekreis“, sondern stellt ganz auf die Tragik zerrissener Eltern-Kind-Beziehungen ab. Die Behörden, die ebenfalls zu wissen glauben, was das Beste für ein Kind ist, verschärfen die Situation noch.

          Fernsehtrailer : "Das Beste für mein Kind"

          Ziemnicki und Fuss haben mit dem Leitmotiv eines Kreisverkehrs aus Vogelperspektive ein eindrückliches Symbol für die Lage der beiden ins Unglück respektive Unrecht verstrickten Familien gefunden: Sämtliche Figuren rotieren um eine leere Mitte, um ein Geheimnis, ohne eine der Abfahrten nehmen zu können. Die nämlich führen allesamt ins Nichts. Es gilt nun, die Hoffnungslosen davon abzuhalten, den letzten Ausweg in einer fatalen Karambolage zu sehen. Und das ist bei aller elegischen Grundierung hochspannend. Als Zuschauer ertappt man sich derweil bei der monströsen Überlegung, angesichts der Wehrlosen, der Kinder, sogar die Schuldfrage für verhandelbar zu halten. Solche Gedanken zu wecken ist freilich ein Kunststück. Da stört nicht einmal mehr, dass der Film just beim Mordmotiv Mut zur Lücke zeigt und auf redundante Nebenhandlungen aus dem Privatleben der Kommissare doch nicht gänzlich verzichten wollte.

          Der Polizeiruf 110: Das Beste für mein Kind läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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