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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie berechenbar ist Pädophilie?

  • -Aktualisiert am

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Frage 4: Der Verdächtige Siebert darf nicht mehr als Lehrer arbeiten, da er sich als Referendar im Alter von 23 Jahren in einen 16 Jahre alten Schüler verliebt hat, wie er berichtet, und es zu einem Kuss kam. Er bezeichnet den Vorfall aber - aufgrund des seiner Ansicht nach geringen Altersunterschieds - als „nicht pädophil“ (Minute 40). Liegt der Verdächtige damit richtig?

Will die Kommissare mit ihrem Hinweis auf die falsche Fährte locken: Jennifer (Alice Dwyer), die Freundin des Täters, beobachtet den unschuldigen Siebert.

Antwort von Elisabeth Quendler (Psychologische Psychotherapeutin/Paar- und Sexualtherapeutin und Forensische Sachverständige für Strafrecht, Koordinatorin des Projektestandortes „Kein Täter werden“ in Ulm):

Grundsätzlich fällt ein 16-jähriger Schüler nicht mehr unter das Körperschema eines Kindes. Pädophilie bezieht sich aber ausschließlich auf den kindlichen Körper. Somit würde man bei einem 16-Jährigen nicht von pädophil sprechen können. Da sich der Schüler schon in der Pubertät oder Nachpubertät befindet, und bereits gewisse männliche Körpermerkmale beziehungsweise eine tiefe Stimme vorhanden sind, würde man hier von Hebephilie, sprich sexueller Erregung durch das jugendliche Körperschema, sprechen. Allerdings kann man auch nur dann von Hebephilie sprechen, wenn der Lehrer diese sexuelle Präferenz bereits seit seiner Jugend hat. Eine einzelne Handlung, also ein einmalig strafrechtlich relevantes Fehlverhalten wie dieser Kuss, reicht nicht aus, um auf eine hebephile Neigung als Motivation zu schließen. Das Argument des „geringen“ Altersunterschiedes stimmt also in Bezug auf das Alter beziehungsweise die Entwicklung des Jugendlichen, ist strafrechtlich aber trotzdem relevant - alleine schon wegen des Autoritätsverhältnisses, in dem Schüler und Lehrer stehen.

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Frage 5: Auf die Frage von Schnabel, warum der Täter Fotos seines nackten Mordopfers in der Badewanne im Darknet veröffentlicht und damit ein Risiko eingeht, antwortet Oberkommissarin Karin Gorniak: „Solche Täter wissen ganz genau, dass etwas mit ihnen nicht stimmt und der Austausch mit anderen Pädophilen ist ein Weg für sie, sich normal zu fühlen. Oder er will gefasst werden (…) als Ausweg, bevor der wieder ein Kind entführt.“ (Minute 57) Stimmt diese Beschreibung des Krankheitsbildes der Pädophilie?

Hast du es schon wieder getan? Jennifer weiß über den Hang ihres Freundes René (Benjamin Lillie) zu Kindern Bescheid.

Antwort von Elisabeth Quendler:

Prinzipiell weiß man als Zuschauer nicht mit Sicherheit, ob der Täter pädophil ist. Aus diesem Grund ist es problematisch, das zu beurteilen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Pädophile nicht automatisch sexuelle Übergriffe begehen, sondern sich in Kinder verlieben und echte Beziehungswünsche an sie haben. Daher würden sie diese nicht aufgrund ihrer sexuellen Präferenz umbringen. Nur dann, wenn bei dem Täter andere sexuelle Phantasien oder psychische Störungen bestehen, kann es in einzelnen Fällen zur Tötung kommen. Wenn der Täter also nun das Opfer fotografiert und die Bilder veröffentlicht, kann es auch darum gehen, dass er mit seinem Opfer angeben möchte. Diese Handlung, ein Foto des Opfers im Internet zu veröffentlichen, lässt ebenso nicht den Rückschluss zu, dass der Täter pädophil ist und sich auf diesem Weg im Austausch mit anderen Pädophilen normal fühlen möchte. Womit die Kommissarin schon recht hat, ist, dass Pädophile wissen, dass sie anders sind; sie wissen das bereits seit ihrer Pubertät. Der öffentliche Umgang mit dieser sexuellen Erregbarkeit, die zum einen nicht Wahl, sondern Schicksal ist und zum anderen nicht zwangsläufig zu Übergriffen auf ein Kind führt, bekommen sie auch von klein auf mit. Sich Hilfe zu holen oder sich anderen gegenüber zu offenbaren, macht das zu einer besonders schwierigen Aufgabe, die aber – wie wir im Projekt „Kein Täter werden“ sehen -, ein erster hilfreicher Schritt im Umgang mit der Präferenz wäre. Der Rückschluss von sexuellen Übergriffen direkt auf das Vorhandensein einer pädophilen Neigung ist ausgesprochen problematisch und in zwei Dritteln der Fällen auch falsch.

Hinweis:

Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und deswegen therapeutische Hilfe suchen, können sich an das Netzwerk „Kein Täter werden“ wenden.

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