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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie unaufhaltsam ist Tollwut?

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Liebschaft? Kommissarin Bönisch mit JVA-Arzt Jonas Zander (Thomas Arnold) Bild: WDR/Thomas Kost

Im neuen „Tatort“ aus Dortmund geht die Tollwut als Mordwerkzeug um. Ist das Virus immer noch so unaufhaltsam, wie im Film dargestellt? Wir haben Experten gefragt.

          Schlechte Nachrichten für Kommissar Faber (Jörg Hartmann). Sein Erzfeind, der Serienmörder Markus Graf (Florian Bartholomäi), ist in die JVA Dortmund verlegt worden. Nur wenig später müssen Faber und sein Team schon in das Gefängnis hinein: Einer der Insassen hat sich mit Tollwut infiziert und ist gestorben.

          Während unter den Insassen die Unruhe wächst, versuchen Faber und seine Kolleginnen Böhnisch und Dalay (Anna Schudt und Aylin Tezel) herauszufinden, wie das Virus ins Gefängnis kam und wer einen derart perfiden Mordplan aushecken konnte.

          Überzeugen die Drehbuch-Details? Wir haben Experten gefragt.

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          Frage 1: Häftling Michael Strecker liegt im Krankentrakt der JVA Dortmund, festgebunden ans Bett, windet sich und hat Schaum vor dem Mund, bis er schließlich stirbt. Erzeugt Tollwut wirklich so heftige Symptome, wie sie im Film dargestellt werden?

          Wer hat das Virus losgelassen? Die Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Martina Bönisch (Anna Schudt) verhören in der JVA den Häftling Nico Rattay (Rick Okon).
          Wer hat das Virus losgelassen? Die Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Martina Bönisch (Anna Schudt) verhören in der JVA den Häftling Nico Rattay (Rick Okon). : Bild: WDR/Thomas Kost

          Dr. Jane Hecht (Ärztin und Epidemiologin im Robert Koch-Institut):

          Tollwut ist eine Virus-Erkrankung, die von Tieren auf Menschen übertragen wird und das zentrale Nervensystem angreift. Es gibt verschiedene Formen: Bei der enzephalitischen Form, die überwiegend durch zerebrale Funktionsausfälle gekennzeichnet ist, kommt es meist zu einer ausgeprägten Hydrophobie. Bereits die optische oder akustische Wahrnehmung von Wasser löst eine erhebliche Angst vor dem Trinken aus und führt zu Unruhe und Krämpfen, unter anderem in der Schlundmuskulatur. Als Folge der dadurch bedingten Schluckstörungen kommt es zum Ausfließen von Speichel aus dem Mund. Die Krämpfe können sich auf die gesamte Muskulatur erstrecken. Weitere Symptome sind vermehrte Speichelbildung oder auch Angst vor Zugluft. Der Gemütszustand wechselt zwischen aggressiver und depressiver Verstimmung.

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          Frage 2: Wie sind die Abläufe im Gefängnis, wenn ein Häftling eine gefährliche, ansteckende Krankheit hat?

          Ansteckende JVA: Der Beamte Stefan Keller (Holger Handtke) im Gespräch mit Kommissar Faber
          Ansteckende JVA: Der Beamte Stefan Keller (Holger Handtke) im Gespräch mit Kommissar Faber : Bild: WDR/Thomas Kost

          Antwort von Peter Marchlewski (Sprecher Justizministerium NRW):

          Umgang mit ansteckenden Krankheiten ist für uns im Justizvollzug fast schon Alltag. Nicht unbedingt Tollwut - das ist schon eher ungewöhnlich - aber vor allem Hepatitis ist ein großes Problem. Wenn wir die Krankheit bei der Eingangsuntersuchung feststellen, dann sorgen wir einerseits dafür, dass alle, die Umgang mit der Person haben auch Bescheid wissen. Andererseits wird die Person dann auch so untergebracht, dass sie niemanden anstecken kann. Unser Personal ist entsprechend geschult und hat auch das nötige Instrumentarium, um mit ansteckenden Krankheiten umzugehen. Das geht bis hin zum Schutzanzug.

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          Frage 3: Auch der Gefängnisarzt Jonas Zander, früher Gerichtsmediziner bei der Kripo Dortmund und alter Bekannter des Teams, hat sich mit Tollwut infiziert. Er sagt, er werde bald daran sterben. Gibt es keine Therapiemöglichkeiten bei Tollwut?

          Antwort von Dr. Jane Hecht:

          Es gibt die Möglichkeit, sich postexpositionell, also nach Kontakt mit einem potenziell tollwütigen Tier, aktiv impfen zu lassen. Dabei kann, abhängig vom Expositionsgrad, eine zusätzliche Gabe von Tollwut-Immunglobulinen, also Antikörpern gegen Tollwut, notwendig sein. Wenn direkt nach der Exposition durchgeführt, liegt die Schutzwirkung dieser Maßnahmen bei gesunden Menschen bei hundert Prozent. Sobald allerdings typische Krankheitszeichen der Tollwut, also Lähmungen oder Krämpfe, Lichtscheu und Abneigung gegen Wasser aufgetreten sind, verläuft die Erkrankung in der Regel tödlich. Eine Therapie, mit der man die Krankheit heilen kann, gibt es bis jetzt nicht. Es kann lediglich eine symptomatische Behandlung zur Leidenslinderung des Patienten erfolgen.

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          Frage 4: Kommissarin Bönisch trifft Dr. Zander in einer Hotelbar. Die beiden schlafen miteinander. Ist Sex mit Tollwutinfizierten gefährlich?

          Antwort von Dr. Jane Hecht:

          Tollwutviren werden in erster Linie über Speichel von einem infizierten Tier auf Menschen übertragen, wobei beim Menschen eine Eintrittspforte für das Virus, zum Beispiel im Rahmen einer Bisswunde, bestehen muss. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch via Speichel ist theoretisch denkbar, bisher wurden vereinzelt Ansteckungen aber nur durch Organtransplantationen bekannt (unter anderem auch in Deutschland im Jahr 2005).  Andere Formen der Mensch-zu-Mensch-Übertragung wurden bisher nicht beschrieben. Eine Übertragung durch Küssen könnte, wenn überhaupt, nur von einem bereits mit Symptomen erkrankten Patienten via Speichel bei bestehender Eintrittspforte erfolgen (ist, wie gesagt, noch nie beschrieben worden). Vor Ausbruch der Symptome - so ist es ja offenbar im „Tatort“ dargestellt –  ist hingegen keine Übertragung möglich, da das Virus erst mit Befall des zentralen Nervensystems in den Speichel gelangt.

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          Frage 5: Auch ein alter Bekannter von Kommissar Faber sitzt in der JVA Dortmund: Markus Graf, ein Serienmörder. Seine Zeit verbringt er mit Malerei in seiner Zelle. Staffelei, Ölfarben und Terpentin inklusive. Was darf ein Strafgefangener eigentlich alles in seiner Zelle haben?

          Ewige Widersacher: Häftling Markus Graf (Florian Bartholomäi) mit Faber
          Ewige Widersacher: Häftling Markus Graf (Florian Bartholomäi) mit Faber : Bild: WDR/Thomas Kost

          Antwort von Peter Marchlewski:

          Also mit einer Staffelei haben wir keine Probleme. Wenn ein Insasse das wünscht, dann bekommt er auch eine. Schwieriger wird es bei den Farben. Ölmalerei geht im Justizvollzug nicht. Dafür brauchen Sie meines Wissens nach Lösungsmittel und die sind alle entzündlich. Deshalb dürfen die Gefangenen die nicht auf der Zelle haben. Also wenn malen, dann mit Buntstiften oder Wasserfarben. Das gleiche gilt übrigens für Terpentin. Das ist ja hochentzündlich und darf alleine deswegen schon nicht mit auf die Zelle.

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