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FAZ.NET-Tatortsicherung : Hat die CIA Umstürze in Osteuropa gesteuert?

  • -Aktualisiert am

Tappen lange im Dunkeln: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) Bild: ARD Degeto/ORF/E&A Film/Hubert M

Abstoßend inszenierte Morde locken im neuen „Tatort“ die Wiener Kommissare lange auf die falsche Fährte. Wie zutreffend sind die historischen und politischen Hintergründe dieses Falls dargestellt?

          Bei einer Wohnungsbesichtigung wird eine furchtbar zugerichtete Leiche gefunden. Für Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sieht alles nach einem Ritualmord aus.

          Doch dann taucht innerhalb kürzester Zeit eine zweite Leiche auf. Und dann eine dritte. Alle drei scheinen eine gemeinsame Vergangenheit bei einer serbischen Widerstandsorganisation gehabt zu haben, die von amerikanischen Geheimdiensten finanziert worden sein soll.

          Steckt nun ein Triebtäter hinter der Mordserie oder der Geheimdienst? Und wie plausibel ist das Ganze?

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          Frage 1: Der Gerichtsmediziner erkennt anhand der Zahnfüllung, dass der Tote aus Osteuropa kommt. Sind Zahnfüllungen wirklich so aussagekräftig?

          Abstoßend inszenierter Mord: Eisner und Fellner am ersten Tatort

          Antwort von Dr. Rainer Raimann (Zahnarzt, Experte für die Identifizierung von Katastrophenopfern bei der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtsmedizin):

          Bei Füllungen erkennt man nicht, woher die kommen, dafür sind sich die Materialien zu ähnlich. Bei Kronen kann man dies hie und da noch erkennen, gerade untere soziale Schichten können sich zum Beispiel Vollkeramikkronen nicht leisten. Diese Leute bekommen dann Vollgusskronen. Man hat dann praktisch einen silbernen Zahn im Mund. Diese Art von Kronen sind in Mitteleuropa nahezu vollkommen verschwunden.

          Auch Goldzähne werden Sie bei Deutschen oder Österreichern kaum finden. Bei alten Leuten aus der Türkei zum Beispiel aber schon, genauso wie bei Patienten aus dem Ostblock. Dort zum Teil auch bei jungen Menschen. Hier sind Goldzähne teilweise ein Statussymbol. Also mitunter lassen sich Ortsangaben tätigen, aber sehr, sehr selten.

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          Frage 2: Alle Mord-Opfer haben eins gemeinsam: Sie waren Mitglied der Gruppe „Otpor“. Im „Tatort“ wird Otpor als Studentengruppe beschrieben, die in Serbien die Revolution gegen Milošević mit angezettelt hat. Nach diesem Erfolg soll die Gruppe sozusagen eine Tour durch Länder wie Georgien oder die Ukraine gemacht und dort ebenfalls bei den Revolutionen mitgemischt haben. Wie war das bei der echten Otpor?

          Liefert mögliche Hintergründe der Mordserie: Verleger Constantin Montag (Ernst Konarek)

          Antwort von Tobias Spöri (Politikwissenschaftler, Universität Wien):

          „Otpor“ (übersetzt „Widerstand!“) wurde im Oktober 1998 als politische Bewegung von vorwiegend Studierenden in Belgrad im damaligen Jugoslawien gegründet. Die Bewegung zeichnete sich durch friedliche und kreative Formen des Widerstands gegen das Regime um Slobodan Milošević aus und wuchs schnell zu einem landesweiten Netzwerk mit über 70.000 Mitgliedern. Zentrale Forderungen waren freie und faire Wahlen, Pressefreiheit und von der Politik unabhängige Universitäten.

          Otpor kennzeichnete vor allem eine gute Organisationsstruktur und erfolgreiches Marketing. So gab es T-Shirts, Tassen, Regenschirme, die das Symbol der Bewegung, die geballte Faust, zeigten. Zudem wurden sogar Werbespots ausgestrahlt, in denen ein T-Shirt mit dem Konterfei von Milošević symbolträchtig mit dem Otpor-Programm reingewaschen wurde. Aktionen wie diese trugen erfolgreich zur Mobilisierung der Bevölkerung bei, insbesondere von jungen Menschen. So gaben bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl 2000 rund 85 Prozent der Wahlberechtigten unter 30 ihre Stimme ab. Nachdem Milošević den Wahlsieg des oppositionellen Kandidaten, Vojislav Koštunica, nicht anerkennen wollte, erreichten die Proteste den Höhepunkt und zwangen Milošević zum Rücktritt. Otpor war also Teil eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses, das den Regimewechsel erzwang.

          Nach dem Regimewechsel in Serbien tauchte immer wieder in verschiedenen Ländern wie der Ukraine, Georgien oder auch Ägypten, das Symbol Otpors, die geballte Faust, bei Demonstrationen auf. Dies ist allerdings kein Beleg für ein weltweites Netz von Aktivistinnen und Aktivisten, die Revolutionen anzetteln wollen, sondern zeigt vielmehr, dass soziale Bewegungen von Erfahrungen in anderen Ländern lernen und sich davon inspirieren lassen.

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          Frage 3: Der Film legt nahe, dass Otpor vom amerikanischen Geheimdienst unterstützt wurde, um Regime zu destabilisieren und Russlands Einfluss zu schmälern. Gab es dafür Hinweise in der Realität?

          Wird eigens aus dem Ruhestand geholt: die Profilerin Dr. Henriette Cerwenka (Erika Mottl)

          Antwort von Tobias Spöri

          Otpor wurde mitunter von der amerikanischen Regierung und Teilen der serbischen Diaspora finanziert. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Bewegung aus dem Ausland gesteuert wurde. Otpor war - wie erwähnt - Teil eines breiteren Bündnisses gegen Milošević.

          Da die Vereinigten Staaten maßgeblich an den NATO-Bombardements Serbiens im Jahr 1999 beteiligt waren, schmälerte das Bekanntwerden ihrer Finanzierung die Popularität von Otpor gewaltig. Der Mitbegründer von Otpor, Srđa Popović, bezog in einem Interview dazu Stellung: „Natürlich ärgern mich diese Vorwürfe. Die USA gehören zu unseren Helfern, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mir sagen lasse wie, wann und wo ich etwas zu tun habe“.

          Die Verschwörungstheorie, dass Otpor auch auf globaler Ebene versuche, Regime zu destabilisieren, konzentrieren sich meist auf Popović, der 2003 das Center for Applied Non-Violent Action and Strategies (CANVAS) mitbegründet hat. CANVAS hat das Ziel, friedliche demokratische Bewegungen weltweit mit Expertise zu unterstützen und war in verschiedenen Ländern beratend tätig. Allerdings sollte man solche Aktivitäten nicht überbewerten, der Austausch von Erfahrungen und erfolgreichen Strategien alleine führt noch lange zu keinem erfolgreichen Umsturz.

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          Frage 4: Im Film lebt ein Teil der Aktivisten in Wien unter falschem Namen. Was ist mit den echten Otpor-Aktivisten passiert?

          Antwort von Tobias Spöri

          Nach dem Erfolg Otpors, dem Ende des Regimes von Milošević im Jahr 2000, war die weitere strategische Ausrichtung der heterogenen Bewegung ungewiss. Teile wollten als „watchdog“ die neue Regierung überwachen, andere wollten die Bewegung in eine politische Partei umwandeln. Diese Partei war jedoch erfolglos und erreichte bei der Parlamentswahl 2003 nur knapp 2 Prozent der Stimmen. Ein kleiner Teil Otpors gründete 2003 das bereits erwähnte Zentrum CANVAS. Generell leben jedoch die meisten Aktivistinnen und Aktivisten von damals weiterhin in Serbien und sind in verschiedenen Bereichen, wie der Privatwirtschaft, der Politik, NGOs oder in den Medien tätig.

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