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Veröffentlicht: 28.12.2014, 21:45 Uhr

FAZ.NET-Tatortsicherung Hänsel und Gretel verirren sich im Netz

Der neue „Tatort“ aus München packt ein heißes Eisen an: Verleitet das Internet Teenager zur Prostitution? Leitmayr und Batic können nur staunen. Der Sonntagskrimi im Realitätstest.

von
© Erika Hauri Verschenkt sich im Internet gegen Geld und Aufmerksamkeit: die 14 Jahre alte Hanna (Anna-Lena Klenke)

Die Hauptfrage, die dieser „Tatort“ aufwirft, hat es in sich: Sind vierzehn Jahre alte Jugendliche, die aufreizende Bilder von sich im Internet anbieten, nur Opfer oder auch Täter? Schockierend wird deutlich, wie fließend die Übergänge in einem Begegnungsraum werden, in dem fast alles mit wenigen Klicks verfügbar ist. 

Uwe Ebbinghaus Folgen:

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Frage 1: Vierzehnjährige bieten in der „Tatort“-Folge „Das verkaufte Lächeln“ Bilder und Filme von sich im Internet an, auf denen sie in aufreizenden Posen zu sehen sind. Sie tun es ohne Zwang, gegen eine Abogebühr. Gab es solche Fälle schon im Raum München? Gibt es deutschlandweite Daten?

Tatort © Erika Hauri Vergrößern Tim Kiener (Justus Schlingensiepen) posiert vor seinem Computer im Monatsabonnement.

Antwort von Werner Kraus (Pressestelle Polizeipräsidium München):

Solche Fälle sind hier grundsätzlich nicht bekannt. In einem Fall  nahm zwar ein 13 Jahre alter Junge übers Internet Kontakt mit Männern auf und bot sexuelle Handlungen an, um Geld zu verdienen. Anschließend kam es in mehreren Fällen zum sexuellen Missbrauch (Beischlaf mit Kind). Um ein „Abo“ ging es hier aber nie. Deutschlandweite Daten sind nicht bekannt.

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Frage 2: Unter welchen Voraussetzungen ist der Konsum solcher Bilder strafbar?

Tatort: Das verkaufte Lächeln © BR/Elke Werner Vergrößern Wirken überfordert angesichts herabgesetzter Hemmschwellen im Internet: Die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Batic (Miroslav Nemec).

Antwort von Werner Kraus (Polizeipräsidium München):

Grundsätzlich gilt es hier nach dem Begriff für Pornographie zu unterscheiden. Je nach Alter der fotografierten oder gefilmten Personen handelt es sich dann um strafbare Kinderpornografie (0-13 Jahre) oder Jugendpornografie (14-17 Jahre). Sollten die Bilder nicht pornografisch sein, ist der Konsum grundsätzlich straffrei.

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Frage 3: Kann die Polizei, wie im „Tatort“ zu sehen, mit dem Abstrich eines Fingerabdrucks ein mit Touch-ID gesichertes Handy knacken?

Tatort © Erika Hauri Vergrößern Ihn zieht es zur analogen Ermittlungsarbeit - überzeugen kann er neben den Platzhirschen Leitmayr und Batic aber nur online: Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer)

Antwort von Alexander Geschonneck (Autor des Buchs „Computer Forensik“, Leiter der IT-Forensik bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG):

Ja, das geht. Man kann einen Fingerabdruck zum Beispiel auch von einem Glas abfotografieren oder einscannen, entsprechend aufbereiten, mit Gelatine, Latexmilch oder Holzleim einen künstlichen Fingerabdruck erzeugen und so den Sensor für die Touch-Identifikation überlisten. Der Chaos Computer Club hat das an einem iPhone vorgeführt, das Ganze kann man sich in einem Internet-Video anschauen.

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Frage 4: Im neuen „Tatort“ werden gelöschte Bilder mit verfänglichen Inhalten rekonstruiert. Wie und in welchem Umfang kann man Daten, die auf einer externen Festplatte gelöscht oder umformatiert wurden, wiederherstellen?

Tatort © Erika Hauri Vergrößern Stolpert über die eigenen Spuren im Internet: Florian Hof (Nino Böhlau) chattet ungeschützt im Internet.

Antwort von Alexander Geschonneck:

Wenn die Daten nur gelöscht wurden, können wir sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederherstellen. Die Daten werden im Grunde nämlich nicht gelöscht, es wird nur signalisiert, dass der Platz, den sie eingenommen haben, wieder frei ist. Im Englischen nennt man diesen Vorgang File Carving: Man geht also mit einer Art digitalem Schablöffel über jeden einzelnen Sektor der Festplatte und schaut nach Daten und Datenfragmenten, die man wieder zusammensetzen kann. Auch das Neuformatieren ändert daran nichts. Werden die Daten hingegen wirksam überschrieben, wird eine Rekonstruktion nahezu unmöglich.

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Frage 5: Nach wenigen Stunden hat die Münchener Polizei im „Tatort“ das Passwort eines privaten Computers geknackt. Wie funktionieren Passwort-Entschlüsselungssysteme? Wie lange dauern erfolgreiche Einsätze dieser Software?

Tatort © Erika Hauri Vergrößern Mit Ausreden kommt er nicht weit: Online-Freier Guido Buchholz (Maxim Mehmet).

Antwort von Alexander Geschonneck:

Es gibt zwei Möglichkeiten, Passwortentschlüsselungssysteme zu verwenden. Die eine ist die Brute-Force-Attacke, die darin besteht, verschiedene Zahlen- und Buchstabenkombinationen der Reihe nach auszuprobieren. Dazu braucht man je nach Passwortstärke unterschiedlich viel Zeit. Doch selbst, wenn ein kompliziertes Passwort verwendet wurde, das nicht in einem Wörterbuch auftaucht, ist es in endlicher Zeit zu entschlüsseln. Die meisten Passwörter können innerhalb von wenigen Stunden geknackt werden. Entschlüsselungssysteme gibt es schon als kostenlose Freeware-Tools, professionelle Werkzeuge kosten ein paar tausend Euro.
Die zweite Möglichkeit besteht im Ausnutzen von Software-Schwächen. Manchmal kann man durch bestimmte Tastenkombinationen den Passwortschutz umgehen oder beim Wiederfreischalten des Passworts wird ein neues oder ein Link verschickt, das abgefangen werden kann.

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Frage 6: Unter welchen Voraussetzungen darf die Polizei die Computer von Toten nach Spuren durchforsten?

Tatort © Erika Hauri Vergrößern Gläserne Leiche: Tim (Justus Schlingensiepen) wird von seinen Eltern identifiziert.

Antwort von Werner Kraus (Polizeipräsidium München):

Dies ist dann möglich, wenn der Computer oder der dortige Inhalt als Beweismittel zur Aufklärung bei einer Straftat dient.

Aber auf einem Laptop ist doch heute das Allerheiligste der Privatsphäre gespeichert und enthält viele vertrauliche Daten, die mit den Untersuchungen eines Mordfalls nichts zu tun haben.

Antwort von Werner Kraus (Polizeipräsidium München):

Da nie auszuschließen ist, dass in bestimmten Dateien, Ordnern oder sonstigen Inhalten, beweisrelevante Informationen enthalten sind, gibt es in der Regel bei der Auswertung keine Einschränkungen. Auch bei beispielsweise privaten Fotoalben, die hier archiviert sind, kann ja jederzeit eine Bilddatei versteckt sein, die für das jeweilige Strafverfahren von Bedeutung ist.

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