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FAZ.NET-Tatortsicherung : Kann ein Banker Islamisten Millionen zuschustern?

  • -Aktualisiert am

Kommissar Faber (Jörg Hartmann) auf einem seiner üblichen Alleingänge. Bild: WDR/Frank Dicks

Im neuen „Tatort“ aus Dortmund gelingt den Drehbuchautoren durch ein wahnwitziges Manöver am Ende ein unglaublicher Twist. Ob die Handlung dennoch nah an der Realität bleibt? Wir haben Experten befragt.

          Der zehnte „Tatort“ aus Dortmund sollte eigentlich am Neujahrstag 2017 ausgestrahlt werden. Wegen des Berliner Anschlags am Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten wurde „Sturm“ jedoch verschoben. Denn die Folge thematisiert islamistischen Terror.

          Muhammad Hövermann, Mitte 50, ist seiner syrischen Frau zuliebe schon vor Jahren zum Islam konvertiert. Eines Nachts sitzt der Bankangestellte plötzlich mit einem Sprengstoffgürtel um die Taille in seinem Institut und transferiert Millionensummen auf die Konten islamistischer Organisationen.

          Kommissar Faber (Jörg Hartmann) und seinen Kollegen kommt das komisch vor. Tatsächlich ergeben ihre Nachforschungen über die Vergangenheit des Konvertiten einige Ungereimtheiten. Genauso erging es in diesem Fall auch uns bei der Überprüfung der Fakten.

          ***

          Leiter des SEK: „Geiselnahme?“ – Kommissarin Bönisch: „Nein. Aber ein Kollege ist bei ihm. Freiwillig. Kriminalhauptkommissar Faber. Kann jederzeit gehen, so wie’s aussieht.“ – Leiter des SEK: „Warum geht er dann nicht einfach raus?“ –  Kommissarin Bönisch: „Weil er den Täter zum Aufgeben bringen will.“ – Leiter des SEK: „So ein Schwachsinn, das macht die VAG. Der muss weg da.“ (Minute 12)

          Frage 1: Im neuen „Tatort: Sturm“ aus Dortmund versucht ein Kommissar, einen Mann, der droht, sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft zu jagen, zum Aufgeben zu überreden. Der Leiter des herbeigeeilten Sondereinsatzkommandos verweist darauf, dass das Aufgabe der sogenannten „VAG“ sei. Hat er Recht?

          Antwort von Dana Seketa (Sprecherin des Polizeipräsidiums Dortmund):

          Eine solche Situation zu pauschalisieren, ist unmöglich. In der Realität gibt es unzählige Möglichkeiten, wie so ein Fall ablaufen kann. Natürlich gibt es Spezialeinheiten mit einer Verhandlungsgruppe, also der erwähnten „VAG“, die für gewisse Einsatzlagen besonders geschult und ausgebildet ist. Allerdings wird ein Polizeibeamter, der vor Ort unmittelbar und als Erster auf einen möglichen Attentäter oder ähnliche Gefahrenlagen trifft, die Szene schlecht einfrieren können, bis Kollegen dieser Einheit eingetroffen sind - und versuchen, einen ersten Kontakt herzustellen. Sollte keine unmittelbare Gefahr von dem Täter ausgehen (sofern dies überhaupt angenommen werden kann) und die Beamten dadurch Zeit haben, sich entsprechend zu positionieren – umso  besser.

          ***

          Bankdirektor: „Herr Hövermann ist bei uns zuständig für die ausländischen Kunden und Depots. Er hat Zugang zu allen Sicherheitsbereichen.“ – Kommissarin Dalay: „Kann er Transaktionen vornehmen?“ – Bankdirektor: „Das wird er nicht tun.“ – „Dalay: „Was wird er nicht tun?“ – Bankdirektor: „Wir parken regelmäßig hohe Summen auf bankeigenen Sonderkonten.“ Dalay: „Wie viel Geld liegt denn auf dieses Sonderkonten?“ – Bankdirektor: „Sehr viel. Aber immer nur für kurze Zeit.“ – Kommissar Kossik: „Wie viel?“ – Bankdirektor: „Etwa 50 Millionen.“ (Minute 15 und 16)

          Frage 2: Ein Angestellter einer Privatbank droht, Millionenbeträge auf ausländische Konten zu transferieren. Hat er tatsächlich solch weitreichende Kompetenzen?

          Muhammad Hövermann (Felix Vörtler) scheint zu allem entschlossen.
          Muhammad Hövermann (Felix Vörtler) scheint zu allem entschlossen. : Bild: WDR/Frank Dicks

          Antwort von Dr. Bernhard Kreße (Privatdozent für Handels- und Gesellschaftsrecht an der Technischen Universität Dortmund):

          Aus rein juristisch-theoretischer Sicht ist das Szenario realistisch. Denn der Bankangestellte hat exakt so viele Kompetenzen, wie sein Arbeitsvertrag ihm einräumt. Aus juristisch-praktischer Sicht ist es hingegen völlig unrealistisch, dass der Arbeitsvertrag dem Angestellten diese weitreichenden Befugnisse einräumt. Der Vorstand der Bank würde sich sonst auch einer erheblichen Haftung aussetzen. Bei Transaktionen ist ab bestimmten Summen ein Vier-Augen-Prinzip üblich. Denkbar ist beispielsweise, dass sie nur mit dem Einverständnis von zwei Bankangestellten getätigt werden dürfen. Es könnte aber in den Richtlinien oder Arbeitsverträgen der Bank auch vorgesehen werden, dass unterschiedliche Hierarchiestufen innerhalb der Bank eingeschaltet werden, also ab einer bestimmten Summe auch ein Vorgesetzter sein Einverständnis zur Transaktion abgeben muss. Welche Sicherungsmechanismen eine Bank genau vorsieht, kann man so abstrakt jedoch nicht abschließend beantworten.

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