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„Tatort“ aus Bremen : Im Park warten die Vampire

  • -Aktualisiert am

Sabine Postel hat auch wegen der neumodischen Entwicklungen beim „Tatort“ gekündigt. Bild: dpa

Der „Tatort: Blut“ aus Bremen ist reiner Horror. Aber genau das soll der Krimi zu Halloween auch sein. Ist das eines dieser Experimente, die Sabine Postel als Kommissarin Inga Lürsen nicht behagen?

          „Mann, ist das mies.“ Gekostet hat der billige Schocker auch nur „99 Cent im Stream“. Was will man da erwarten, etwa die Kunst des Schreckens? Dieser „Tatort“ beginnt als Film im Film und gleichzeitig als ironischer Eigenkommentar. Er fängt an mit lachhaften Gruselverweisstücken, deren Effektgarantie lang abgelaufen ist. Drei fernsehende junge Frauen sitzen verdrossen in den Polstern und starren auf den Fernsehschirm. So ein langweiliger Mist. Der Abend ist gelaufen. Popcorn, jemand? Eine der beiden Frauen, die sich weit nach Mitternacht auf den Heimweg durch den Park machen, überlebt das Pantoffelkino-Angstklischee nicht. Und was die andere mitansieht, muss so entsetzlich sein, dass es ihr auf der Flucht die Sprache verschlägt.

          Die aufgerissene Kehle der Toten weist auf eine Attacke durch ein wildes Tier. Ein Wolf oder ein Kampfhund, der nachts sein tollwütiges Unwesen treibt? Biss- und Kampfspuren deuten eher auf einen Menschen im Blutrausch hin, so legt sich Rechtsmediziner Katzmann (Matthias Brenner) fest. Beim Mörder müsse es sich um einen schwer gestörten Psychopathen handeln, meint die vernunftgeleitete Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), als sie die Ermittlungsmaschinerie anwirft.

          Auge in Auge: Anna Welter (Lilly Menke) musste ein Verbrechen mitansehen. Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) versucht, ihr Halt zu geben.

          Vielleicht deute aber auch vieles auf einen Vampir hin, wie der Literaturprofessor Syberberg (Stephan Bissmeier), der sich mit mythologischem Rat ungefragt einmischt, zu bedenken gibt. Lürsens Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) nimmt Syberbergs Buch zum Thema mit ins Bett und liest sich skeptisch zweifelnd ein. Mit Haupt- und Nebenwirkungen auf Mördersuche.

          Der Mythos entbirgt für Stedefreund immer mehr logisch Folgerichtiges. Untote in Bremen? Wahrscheinlich unwahrscheinlich. Oder unwahrscheinlich wahrscheinlich. Als er die verschwundene Tatzeugin Anna Welter (Lilly Menke) sucht, wird auch Stedefreund gebissen, von einer Frau. Menschenbisse sind gefährlich, so die Notärztin, die Wunden schlimme Bakterienherde, aber konsequente Antibiotikabehandlung werde helfen. Da liegt sie falsch. Helfen mögen Medikamente gegen Körpersymptome, aber nicht gegen die Verunsicherung. Nicht gegen den Zweifel, der die Handlung des Films „Blut“ mehr und mehr von Gewissheiten weglenkt.

          Angekündigt wird „Blut“ als Horrorfilm-„Tatort“ zu Halloween. Es wäre der zweite Horror-„Tatort“ nach dem letztjährigen Splatterspaß „Fürchte dich nicht“ (HR). Um Monströses geht es zwar auch, und am Genre wird geknabbert wie der Ghul sich schmatzend an der Leiche weidet, aber im Grunde geht es bei Philip Koch (Buch und Regie, Buchmitarbeit Holger Joos) um anderes. Koch spielt auf allen ästhetisch beteiligten Ebenen Urängste gegen Realitätssinn aus. Im Sinn der Poetologie der klassischen Tragödie macht er todernst mit Furcht und Schrecken. Die Verwandlung der Geschichte in den psychologisch begründeten Horror geschieht allmählich und filmästhetisch bewegt sich „Blut“ vom Zitat des Genres hin zum entsetzlichen Drama ohne schuldlosen Ausweg.

          Unheimliche Verbindung: Nora (Lilith Stangenberg) und ihr Vater Wolf (Cornelius Obonya).

          Dunkelheit und Licht sind Hauptdarsteller, Musik und Sounddesign unterstützen wirkungsvoll die Dramaturgie des Zweifelsäens (Kamera Jonas Schmager, Musik Michael Kadelbach). Ins Bodenlose getragen aber wird „Blut“ durch das famose Spiel Lilith Stangenbergs und Cornelius Obonyas. Ihre Nora Harding und sein Wolf Harding, Tochter und Vater, leben in einer abgedunkelten Haushöhle wie in einem Tierbau (Szenenbild Petra Albert). Nora, die dem Zuschauer früh als Täterin gezeigt wird, leidet unter einer schweren Lichtkrankheit. Auch ihr Vater scheint schwer leidend. Zwei geschundene Kreaturen, Vertriebene und Ausgestoßene, die einander beschützen und gegenseitig ihr Überleben bewachen. Der Vater sucht die Affekte der Tochter vergeblich zu kontrollieren. Die Tochter sucht den Vater vor Schmerzen zu beschützen. Stangenberg und Obonya sind zwei, die sich im Untergang aneinander klammern. Sind sie Vampire?

          Wie und ob der Regisseur Koch aus dieser Geschichte herauskommt, wie auch Mommsens Stedefreund aus der Transformationsnummer herauskommt, das bleibt spannend. Nur Postels Lürsen hat mit ihrer stoischen Ratio eigentlich wenig zu melden. Dass Sabine Postel, wie sie zuweilen geäußert hat, auch wegen der neumodischen Entwicklungen beim „Tatort“ kündigt, kann man persönlich zwar verstehen – „Blut“ aber ist genreüberschreitend zum Fürchten gut.

          Der Tatort: Blut läuft am Sonntag, 28. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

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