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„Tatort“ aus Bremen : Eine Frau will nach oben

  • -Aktualisiert am

Frau in Rot: Nadeshda Brennicke spielt eine Femme fatale. Bild: Radio Bremen/Michael Ihle

Der Bremer „Tatort“ fährt nur weibliche Verdächtige auf. Sie wirken wie Figuren aus dem Klischee-Bilderbuch. Das Frauenbild ist nicht gerade auf der Höhe der Zeit, um es vorsichtig zu sagen.

          In der Nacht vor Olaf Bergeners Verschwinden ist der Streit mit seiner Frau besonders heftig. Sie nimmt Schlaftabletten zu einer Flasche Wein, anscheinend ihr übliches Abendbrot, er fährt weg. Acht Monate später wird sein Auto auf einem Parkdeck gefunden. Auf dem Rücksitz Blut, in der Nähe ein verwester Finger. Judith Bergeners (Victoria Fleer) Leben ging in der Zwischenzeit wie geschmiert weiter. Kind, Haus, eine Beziehung mit dem Freund ihres Mannes, Peter Kappeler (Nicki von Tempelhoff). Für die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) sieht es nach Routine aus. Linda Selb (Luise Wolfram), Datenspezialistin vom BKA, die sich ungefragt in die Ermittlungen hängt, weniger.

          Seit einigen Folgen ermittelt sie mit im Bremer „Tatort“-Team und soll ihm eine moderne Sherlock-Holmes-Asperger-Syndrom-Antisozialitäts-Note verleihen. Das Kombinatorik-Genie, in dieser Folge noch blasser im Android-Look geschminkt als sonst, zeigt, dass im „Tatort“ die Zeit des Menschelns vorbei ist und Wahrscheinlichkeitsrechnung und Effizienzsteigerung auf zwei Beinen herrschen. Selb hat zwar mit Stedefreund eine Beziehung, aber an der kritischen Toilettenfrage scheiden sich schon ihre Geister. Er möchte Romantik, sie sieht keinen Sinn im Vorspiegeln von Gefühlen der Schwäche, anders als die Frau des Toten, Judith Bergener, die zwar verabscheute, wie ihr Mann aß, wie er redete, wie er sich produzierte. Trotzdem gab sie die hingebungsvolle Ehefrau.

          Die Temperatur zwischen den Ermittlerinnen Helen Reinders (Camilla Renschke, links) und Inga Lürsen (Sabine Postel) bleibt kühl. Und das liegt nicht an Kommissarin Lürsen.

          Eine weitere Verdächtige rückt in „Zurück ins Licht“ in den Blick: die manipulative Vampgestalt Maria Voss (Nadeshda Brennicke). Rückblenden zeigen sie auf der Bühne als Motivationseinpeitscherin für Olaf Bergeners Pharmafirma. Seine beste Mitarbeiterin, verantwortlich für Umsatzsteigerungen von mehreren hundert Prozent, oder mehreren hundert Millionen. Ein Verkaufsgenie mit eisernem Willen zur Macht und skrupelfreier Privatmoral, dem alle Männer verfallen. Nachts ist sie mit wehendem roten Mantel auf Rollerblades auf einsamen Strecken unterwegs. Die Kamera von Hendrik A. Kley inszeniert das expressive Spiel von Nadeshda Brennicke als visuellen Sog. In einem dunklen Raum übt sie, nur das Gesicht beleuchtet, vor dem Spiegel Überzeugungsprosa. Sie gurrt und schlägt die Augen auf wie ein tödlich verwundetes Reh, auch für Stedefreund, wenn es ihr nutzt. Sie ist herrisch und herablassend, um vor Lürsen Hierarchie zu etablieren. Dass sie bei der Kommissarin da an der falschen Stelle ist, kann kaum überraschen, wie überhaupt dieser „Tatort“ ziemlich überraschungslos angelegt ist.

          Christian Jeltsch und Olaf Kraemer (Buch) konzentrieren sich ganz auf diese Femme fatale im Karrierewahn, Maria Voss, der das überdeutliche Spiel von Nadeshda Brennicke in fast jeder Szene das Etikett „Psycho“ aufklebt. Sabine Postel, die mit Oliver Mommsen 2019 den Bremer „Tatort“ verlassen wird, spielt zwar stets unaufgeregt, ihre Kommissarin Lürsen wirkt inzwischen aber gereift wie eine Rückkehrerin aus dem Yoga-Ayurveda-Urlaub auf Sri Lanka. Sorgen macht sich Lürsen nur noch um den Kollegen Stedefreund.

          Florian Baxmeyer setzt den Fall ansehnlich in Szene, muss aber mit Figuren zurechtkommen, zu denen dem Drehbuch entweder nichts mehr einfällt (Inga Lürsen) oder viel zu viel (Maria Voss). Während die erste Verdächtige, die Ehefrau des Toten, nach außen ein bürgerliches Leben führt, ist mit Voss die zweite nicht nur nach schwerem Autounfall praktisch von den Toten auferstanden, sondern von Übermenschenvorstellungen so rücksichtslos beseelt, dass sie Peter Kappeler, der sich recht bald als Gatte entpuppt, und ihre Tochter Lotte (Emma Drogunova) verlassen hat, um ihren beruflichen Aufstieg zu organisieren.

          Die Frauenfiguren sind derart klischeehaft, dass es kaum auszuhalten ist. Da ist dann fast geschenkt, dass Logik und Nachvollziehbarkeit in „Zurück ins Licht“ kaum eine Rolle spielen. Pars pro toto: Der Fund eines Autos mit riesiger, gut sichtbarer Blutlache auf einem belebten Parkdeck nach acht Monaten? Man wünscht den Bremern zum Abschied auf Raten noch einmal einen richtig guten Fall. Dieser ist es nicht.

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