http://www.faz.net/-gsb-9edvg

Tatort-Sicherung : Wer ist verantwortlich, wenn ein Roboter tötet?

  • -Aktualisiert am

Big Data und Tiere sind überall im Berliner „Tatort“ mit den Kommissaren Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke). Bild: rbb/Conny Klein

Im neuen „Tatort“ aus Berlin gibt es ein Problem mit Maschinen und Wildtieren. Was tun, wenn menschliche Täter fehlen? Wir haben Experten um eine Einschätzung der Lage gebeten.

          Eingezwängt in die Maschinerie seines Kiosks liegt Tom Menke (Martin Baden), erstochen von seinem Barista-Roboter. Der Fall stellt die Kommissare Rubin und Karow (Meret Becker und Mark Waschke) vor philosophische Fragen. Wer trägt die Verantwortung für Menkes Tod? Und wer hat den Roboter so programmiert, dass er Menke tötete?

          Während Karow sich tiefer in die Welt der Robotik begibt, ist Rubin mit einem zweiten Fall beschäftigt. Eine Bloggerin findet in einem Waldstück die Leiche einer Joggerin. Auch dieser Fall ist auf den ersten Blick rätselhaft. Auch hier scheint der Täter kein Mensch gewesen zu sein. Doch dann geraten die Ehen der beiden Opfer ins Visier.

          Wir haben den neuen Fall einem Realitätstest unterzogen.

          ***

          Frage 1: Der Blutdruck von Tom Menkes Ehefrau, die Schließ-App für die Bäckerei von Reno Gröning; Daten werden im Film überall gesammelt und spielen eine große Rolle: Taugt Big Data als Beweismittel vor Gericht?

          Macht Bekanntschaft mit der Informatik: Kommissar Karow (Mark Waschke)

          Antwort von Dr. Uwe Ewald (Rechtsanwalt und Analyst):

          Big Data kommen in Strafverfahren häufig zum Einsatz. Wenn die Polizei zum Beispiel Funkzellen-Abfragen durchführt und so versucht, Bewegungsprofile zu erstellen, werden große Datenmengen erzeugt. Smartphone-Daten stehen dabei häufig im Fokus der Ermittler, aber auch Daten von Wearables wie Smartwatches oder Fitnessarmbändern können zu elektronischen Beweismitteln werden. Alles, was an die digitale Welt angeschlossen ist und Ihre Kommunikation und Bewegung vermisst, kann auch als Beweismittel verwendet werden. Das ist aber auch ein komplexes Feld, das von Strafverteidigern und auch Behörden neu erlernt und verstanden werden muss. Also: mit welchen Methoden der digitalen Forensik und Analyse wurden die digitalen Daten gesammelt und ausgewertet? Ist das technisch alles haltbar? Das ist ein Feld, auf dem auch rechtlich noch viel in Bewegung ist.

          ***

          Frage 2: Tom Menke wurde erstochen. Von einem Roboter. Wenn ein Roboter tötet, wer ist dann verantwortlich und wird vor Gericht gestellt?

          Fassungslos über den Tod ihres Mannes: Kathrin Menke (Valery Tscheplanowa)

          Antwort von Prof. Dr. Oliver Bendel (Wirtschaftsinformatiker, Herausgeber des „Handbuch Maschinenethik“):

          Der Begriff der Verantwortung kann aus ethischer und aus rechtlicher Perspektive interpretiert werden. Meiner Meinung nach kann ein autonomer Roboter (oder ein KI-System) kaum eine moralische Verantwortung haben. Man könnte allenfalls sagen, dass er, indem er eine Aufgabe übernimmt, eine Verantwortung trägt. Dies wäre eine sehr schwache Form der Primärverantwortung. Die Idee der elektronischen Person sieht durchaus vor, dass eine autonome Maschine verantwortlich sein und für etwas haften kann. Allerdings sind wir hier im zivil- und nicht im strafrechtlichen Bereich.

          Ein autonomer Roboter, der einen Mord ausführt, handelt im Auftrag, er übernimmt eine Aufgabe, aber die Verantwortung liegt beim Menschen. Man könnte nun noch fragen, welcher Mensch die moralische und rechtliche Verantwortung hat. Bei einem autonomen Roboter kann das derjenige sein, der den Befehl gegeben, aber auch der, der den Roboter entwickelt hat. Denn man hätte diesem ja beibringen können, dass er keinen Mord ausführen darf. Hierfür benötigt man wiederum die Maschinenethik.

          Ein Spezialfall wäre noch der selbstlernende Roboter. Aber auch hier sehe ich die moralische Verantwortung beim Menschen, selbst wenn sie nun sehr schwer festzumachen ist. Im Zweifel muss der Hersteller zur Verantwortung gezogen werden.

          ***

          Frage 3: Füchse im Wohngebiet, Raben auf Laternenmasten, Wildschweine am Brandenburger Tor: überall Tiere. Berlin wird als wahrer Großstadtdschungel gezeigt. Wie viele wilde Tiere und Tierarten gibt es eigentlich in Berlin? Und gehören Wildschweine dazu?

          Katzenparadies: die Wohnung von Kathrin Menke

          Antwort von Jutta Sandkühler (Geschäftsführerin des NABU Berlin):

          In Berlin leben zwischen 20.000 und 30.000 wilde Tierarten und es sind längst nicht alle Tiergruppen und deren Arten untersucht und erfasst. Berlin ist vor allem in den Randlagen, aber auch in innerstädtischen Bereichen – hier allerdings wegen der baulichen Verdichtung mit deutlich rückläufiger Tendenz – gut durchgrünt. In naturnahen Biotopen, in Wäldern und an Gewässern, in Grün- und Parkanlagen, aber auch in und an Gebäuden leben unterschiedliche Artengruppen. Allein die Insektenarten werden auf 17.000 geschätzt, nachgewiesen sind nur gut 4.000 Arten. Auch die Liste der Säugetierarten ist lang: 59 Säugetierarten leben in Berlin, darunter neben Biber, Waschbär, Marderhund und Hase auch das Wildschwein. Die Berliner Wildschweine leben vor allem in den Berliner Stadtwäldern in den Randbereichen, werden aber auch regelmäßig in Parks oder Gärten gesehen. Ihre Fluchtdistanz liegt deutlich unter derjenigen ihrer Brandenburger Verwandten - man hat sich an den Menschen gewöhnt und die Erfahrung gemacht, dass im befriedeten Bereich der Siedlungen nicht geschossen wird. Es gibt in Berlin drei genetisch differenzierte Wildschwein-Populationen, es wandern aber auch immer wieder Tiere aus Brandenburg ein.

          ***

          Frage 4: Carolina Gröning (Tatiana Nekrasov) wurde von einem Wildschwein angefallen und schwer verletzt. Wie viele Wildunfälle passieren in Berlin so im Jahr?

          Bloggerin Charlie (Stefanie Stappenbeck) findet im Wald die tote Joggerin Carolina Gröning (Tatiana Nekrasov) mit rätselhaften Blutspuren.

          Antwort von Jutta Sandkühler:

          Unfälle mit Wildscheinen sind sehr selten. In Berlin sind sie in der Regel Folge davon, dass Wildschweine von freilaufenden Hunden aufgestöbert werden. Trifft der Hund dabei auf eine Bache mit Frischlingen, kann sie zum Angriff übergehen, um die Jungen zu beschützen. Läuft der Hund dann zum Halter zurück, wird auch der angegriffen. Wildschweine sind keine Raubtiere, sie greifen Menschen nicht ohne Not an. Diese Unfälle wären leicht vermeidbar, wenn sich Hundehalter an die Leinenpflicht halten würden.

          ***

          Wie fanden Sie den neuen „Tatort“?

          Umfrage

          Wie fanden Sie den „Tatort: Tiere der Großstadt“ aus Berlin?

          Alle Umfragen

          Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

          Weitere Themen

          Das Internet der Pilze

          Romane und Trüffel : Das Internet der Pilze

          Stefanie de Velasco geht auf Trüffelsuche. Mit ihrem Hund. Weil es sie ans Schreiben erinnert. Und die apokalyptischen Teile ihres Schriftstellerinnenhirns animiert. Ein Gastbeitrag.

          „Tatort: KI“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Tatort: KI“

          Am Sonntag läuft um 20.15 Uhr der Tatort „KI“ im Ersten.

          Topmeldungen

          Rundumschlag beim FC Bayern : Lieber Mist statt Dreck?

          Der FC Bayern übt strenge Medienschelte und fordert: Sachliche Kritik ja, Polemik, Beleidigungen nie und nimmer! Ein schöner Vorsatz. Doch wenig später bezeichnet Uli Hoeneß die Leistung eines Spielers selbst schon wieder als „Scheißdreck“. Ein Kommentar.
          Kann vom 23. bis 25.10. neue Pläne machen: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

          Fall Khashoggi : Deutsche-Bank-Chef sagt Reise nach Saudi-Arabien ab

          Lange hat Christian Sewing gezögert, nun aber sagt der Chef der Deutschen Bank seine Teilnahme an einer wichtigen Investorenkonferenz in Riad ab. Um Siemens-Chef Kaeser wird es einsam.
          Den Vorhang lieber zu: So viel kann aa koa Engel saufn.

          Fraktur : Zwei Münchner im Himmel

          Frei nach Ludwig Thoma: Franz Josef und Wilfried im Gespräch über die CSU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.