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„Tatort“ aus Ludwigshafen : Mord nach Partitur

Hätte sie doch besser woanders eingecheckt: Für Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) kommt es mal wieder dicke. Bild: SWR/Martin Furch

Der „Tatort: Waldlust“ experimentiert sehr hübsch. Zuerst wurde für den Krimi die Musik geschrieben, dann die Handlung erdacht. Ein wenig verrückt ist das schon, aber auch sehr sehenswert.

          Tat und Täter sind mit dem ersten Satz klar: „Sie haben meine Kollegin niedergeschossen, Herr Lorenz“, sagt Johanna Stern (Lisa Bitter) von der Mordkommission Ludwigshafen im Vernehmungsraum. Sie guckt dabei eiskalt wie eine Saniererin beim Entlassungsgespräch. „Das tut mir leid“, entgegnet der Waldschrat und Hotelbesitzer Bert Lorenz, „hat sie’s überlebt?“. Und Heiko Pinkowski ist in dieser Rolle ein Ereignis: ein Baum von einem Kerl, harte Borke, weicher Stamm, Bud-Spencer-Statur mit Rolf-Hoppe-Gesicht. „Waldlust“, der neue „Tatort“ vom SWR, beginnt als starker Schauspielerfilm.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Und er beginnt als klassischer Krimi mit definierten Rollen und Sachverhalten. Das muss er auch, denn nach dem Vorgängerfilm des Duos Sönke Andresen (Drehbuch) und Axel Ranisch (Regie), dem improvisierten Mundartschwank „Babbeldasch“, hatte es in der ARD ein Gewitter gegeben: keine Experimente mehr beim „Tatort“, Schluss mit lustig, unbedingte Rückkehr zum leicht verständlichen Ermittlerkrimi – und zwar per Dienstanweisung an alle Sendeanstalten (F.A.Z. vom 30. Oktober 2017). Doch Andresen und Ranisch haben sich hier eine echte Eulenspiegelei erlaubt: Sie erfüllen die Vorgabe und durchkreuzen sie zugleich.

          Sofort mit der zweiten Szene ist nämlich Schluss mit Dienst nach Vorschrift. Der Spaß fängt an mit einer singenden Säge. Auf der Tonspur. „Waldlust“ ist nämlich nach einem recht ungewöhnlichen Verfahren entstanden: Nachdem der Ort – ein verkommenes Hotel im Schwarzwald, dessen Belegschaft nicht mehr alle Daunen im Kissen hat – festgelegt war, hatte Ranisch, der auch als Opernregisseur arbeitet, die Komponistin Martina Eisenreich gebeten, Musik für großes Orchester zu schreiben.

          Im Hotel ereignen sich seltsame Dinge, seltsame Auftritte haben hier einige.

          Er schickte ihr vorab nur kurze Skizzen, etwa: „Das Grauen der Welt erwacht, wittert, lauert, läuft, rennt und schnappt zu“. Oder: „Frohe Erwartungen bei der Fahrt durch weite, schneebedeckte Waldeshöhen“. Entstanden ist dabei eine fünfzigminütige Musik, eingespielt von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung der Dirigenten Christian Schumann und Angel Verez – und erst danach, inspiriert von der Musik, kam das Drehbuch.

          Die singende Säge mit Balalaika-Pizzikato der hohen Streicher und Glockenklängen ist wie Musik aus dem Zeitalter der Weinbrandbohne: erinnert an den Don-Kosaken-Klassiker „Abendglocke“, mit dem Kriegsheimkehrer als gestandene Eigenheimbesitzer im Westdeutschland der siebziger Jahre ihr Stalingradtrauma therapierten. Auch hier ist die Musik mehrfache Traumatherapie: für Doro (Eva Bay), deren Mutter Waltraud vor siebenundzwanzig Jahren umgebracht worden ist, und für ihren Onkel Bert, der für diesen Mord unschuldig fünfzehn Jahre im Knast saß. Vielleicht auch für das Ermittlerteam um Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), das den Abgang von Kopper in der letzten Folge noch nicht verkraftet hat und sich deshalb zu einem Seminar mit dem Teamtherapeuten Simon Fröhlich (Peter Trabner) ins besagte Hotel „Waldlust“ zurückgezogen hat.

          Erzählt wird die Geschichte eines unaufgeklärten Mordes in Rückblenden, zwar nicht ganz so anspruchsvoll wie im „Spreewaldkrimi“, aber mit Pointen, die von menschlichen Zehenknochen im vegetarischen Gemüseragout bis zum Geisterauftritt einer Filmdiva namens Liselotte Viardot reichen. Die Autoren hatten beim Schreiben wahrscheinlich zu wenig Tee im Rum, als ihnen die Idee kam, aus Liselotte Pulver und Pauline Viardot eine Figur zu machen. Ranisch hat hier noch einmal die Hauptdarsteller aus seinem Erfolgsfilm „Dicke Mädchen“ versammelt: Heiko Pinkowski, Peter Trabner und seine eigene Großmutter Ruth Bickelhaupt, Jahrgang 1921. Eine Klasse für sich.

          Entstanden ist ein Mystery-Thriller als Reality-TV. Lena Odenthal wirkt wie eine Tiertherapeutin in einer Familie mit einem verhaltensauffälligen Kakadu. Zugleich ist ein dreifaches Melodram zu erleben: über einen gescheiterten Psychologen, über eine Frau, die bis zum Schluss um ihre Liebe kämpft, und über einen Mann, der nie die Liebe seines Lebens fand. Sentimentalität und Humor kommen dabei in eine beschwipste Balance. Das liegt an der Regie, den Schauspielern, aber auch an der Musik, die zwar manchmal – mit tiefen Blechbläser- und Streichermischungen – zu den abgegriffenen Mitteln aus BBC-Dokumentationen über Pottwale Zuflucht nimmt, aber mit der singenden Säge genau den richtigen Ton trifft.

          Tatort: Waldlust, Sonntag, 4. März, um 20.15 Uhr im Ersten.

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