29.01.2012 · Es gibt moralische Bedenken angesichts der materiellen Zuwendungen für Kommissar Perlmann, weshalb man auch beim „Tatort“ vom Bodensee sofort an Christian Wulff denken muss.
Von Michael HanfeldDie Sehgewohnheiten der deutschen Zuschauer erscheinen - Generation für Generation - unabänderlich. Sonntags zwanzig Uhr „Tagesschau“ und danach der „Tatort“. Das ist das Programm für mindestens sechs bis sieben Millionen eher etwas reifere Zuseher, ebenso wie eine Mehrheit der Jüngeren das erste und zweite Programm auf der Fernbedienung gar nicht mehr findet. Die ARD könnte wahrscheinlich Jens Riewa und Kai Pflaume ermitteln lassen, der „Tatort“ holte noch immer die besten Quoten.
Womit nichts gegen den Bodensee-„Tatort“ gesagt sei, der an diesem Sonntag läuft. Es ist ein durchaus spannender, lange Zeit eine Atmosphäre latenter Bedrohung vermittelnder Krimi mit einer ansprechend doppelt verzwirnten Auflösung (Buch: Birgit Grosz und Leo P. Ard).
Eva Mattes und Sebastian Bezzel spielen die Kommissare Klara Blum und Kai Perlmann routiniert und locker. Die Gastrollen - allen voran Julia Koschitz als von Erpressern bedrängte Zollbeamtin - sind gut besetzt. Es läuft alles wie am Schnürchen, ohne großes Auf und Ab.
Im still daliegenden See widerspiegelt sich die Stimmung, die Anmutung dieses „Tatorts“ (Regie: Jürgen Bretzinger). Und trotzdem: Es würde einen nicht wundern, tauchte plötzlich Heinz Rühmann auf und ginge es weiter mit „Es geschah am helllichten Tag“. Das Fernsehen der Fünfziger, Sechziger, Siebziger erscheint im Bodensee-„Tatort“ als dasjenige von heute.
Der Zollbeamte Robert Riebsahl ist ermordet worden. Ein Einzelgänger, Prototyp des korrekten Beamten, unauffällig, unbestechlich, unnahbar. Er hatte offenbar Kollegen im Visier, die im Bunde mit Geldschmugglern stehen und mitkassieren. Ein kleiner Drogendealer gerät in Verdacht, dann ein Kollege vom Zoll, dann ein Limousinenverleiher und schließlich ein Schweizer Bankier mit der Lizenz zum Schwarzgeldwaschen. Der wahrt sein Bankgeheimnis so lange, bis es ihm in der Konstanzer U-Haft-Zelle zu viel wird. Er erträgt den Dreck dort nicht. Den aber muss er selbst wegwischen, die deutsche Polizei hat kein Geld für die Grundreinigung.
Der Humor, den sich das Drehbuch erlaubt, ist zeitlos und gewinnt doch Aktualität - durch die Geschichte von unbestechlichen und bestechlichen Zöllnern und die Eskapaden von Sebastian Bezzels Kommissar Perlmann, der in diesem Fall den dankbareren Part hat als Eva Mattes’ Kommissarin Blum.
Mal bekommt Perlmann eine Reh-Terrine spendiert und muss überlegen, ob er sich im Dienst einladen lassen darf. Dann wird ihm vorgehalten, er habe für 2,53 Euro über den Preis den Dienstwagen betankt, und schon zu Beginn, als ein fieser Landtagsabgeordneter und Wurstfabrikant belegte Schnittchen ausgibt, fragt man sich: Geht das? Das ist wahrscheinlich der Wulff-Effekt. Plötzlich kommt einem, was zuvor so klein und nichtig erschien, spanisch vor. Auch in diesem Fall zu Recht.
Am Ende wird Klara Blum am See sitzen. Einfach so. Und ganz zum Schluss stehen sie, Perlmann und die neue Assistentin Tanja Kraft (Alwara Höfels) im Dunkeln. Im Büro ist ein Bewegungsmelder installiert worden. Nach fünf Minuten Stillstand geht das Licht aus. Vorsichtiges Tasten. „Das ist meine Bluse, Herr Perlmann“, sagt Tanja Kraft. „Und das ist jetzt meine Bluse, Herr Perlmann“, sagt Klara Blum. „Das ist meine Waffe, Frau Blum“, kommt es von Perlmann. „Das ist Ihre Waffe?“ Humor wie zu Großvaters Zeiten. Die Quoten sind garantiert.