29.01.2012 · Es gibt moralische Bedenken angesichts der materiellen Zuwendungen für Kommissar Perlmann, weshalb man auch beim „Tatort“ vom Bodensee sofort an Christian Wulff denken muss.
Von Michael HanfeldRichtlinien für Lesermeinungen
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Es stimmt nicht, dass nur ältere Leute den Tatort sehen. Ich bin eine 21jährige Studentin und sehe mir regelmäßig mit Freunden den Tatort an, da er auch immer besser und besser wird. In größeren Städten gibt es "Tatort-Kinos", wo man sich Sonntags trifft und sich kollektiv (gratis) die neueste Sendung ansieht, dort ist es immer gestopft voll mit Studenten.
Die Tatorte der letzten Wochen waren sensationell fad und 0815 - ein
Mord in der ersten Minute, danach 88 Minuten Frage-Antwort-Quiz zwischen
Kommissaren, Verdächtigen und Zeugen, und am Ende eine Minute
Schlussgag. Entweder habe ich nach wenigen Minuten abgeschaltet, wohl
wissend, wie die Massenkrimiware weitergeht, oder ich habe die
Beschreibung im Programm gelesen, mir "laaangweilig" gedacht,
und gleich was anderes gemacht.
Der Bodensee-Tatort vom Sonntag hielt mich im Gegensatz dazu im Sessel,
mögen es die tangierten Themen gewesen sein, der weder fehlende
noch überstrapazierte Humor, der Verzicht auf Hipness, ich kann es
gar nicht genau sagen. Aber die Bodensee-Kriminalisten stehen auf jeden
Fall auf meiner kurzen Sonntag-20-Uhr-15-Vormerkliste, die sie sich mit
dem Tatort Münster und (noch) Hamburg, und dem Polizeiruf
München teilen.
Mal davon abgesehen, dass der Tatort aus Konstanz sich - wie der Tatort so oft - im Bereich von Klischees bewegte, war er einfach schlampig und unrealistisch gemacht. Das Verhalten der neuen Assistentin war absurd und unrealistisch (so verhält sich kein neuer Kollege), der steuerhinterziehende Abgeordnete hat dank Gewaltenteilung nichs im Bereich der Exekutive zu suchen, Fenster, die nur 2 mal jährlich geputzt werden, sind im Bürobereich normal und nicht völlig verdreckt, Beamte erhalten keine Abmahnungen sondern Disziplinarverfahren, Banken geben i.d.R. auch Darlehen von Beamten (denn die haben auch bei geringem Einkommen ihre Dienstbezüge als Sicherheit) nicht mal so eben an ein dubioses Inkasso-Unternehmen. Insgesamt zeichnet gerade die sozialromantischen Tatortausgaben fehlende Kenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit aus. Dann doch lieber die Prise Absurdität, die als Ironie erkennbar ist, wie im Münsteraner Tatort. Aber das war bestenfalls gut gemeint...
Der gestrige Tatort ergibt überhaupt keinen Sinn. Dass der
Oberzöllner Dreck am Stecken hat, war mir schon nach wenigen
Minuten klar. Dass diese Politheini Steuerhinterziehung betreibt und dem
Schweizer Banker das Alibi liefert, war auch fünf Minuten vorher
vorherzusehen. Was mich aber am meisten verstört, ist die
Täterin. Kollegen versehentlich erscheißen und noch Geld
erpressen, gleichzeitig aber Angst vor der Bestechung haben... das passt
doch nicht.
Der Konstanzer Tatort ist einer der schwächeren.
Hölzerne Weltveränderungs-Dialoge im Tatort
Auch aus diesem Konstanzer Tatort - wie bei so vielen in der
jüngeren Vergangenheit - trieft fingerdicke politische Korrektheit.
Über weite Strecken hat man den Eindruck, ver.di habe das Drehbuch
geschrieben oder zumindestens die Handlung bestimmt.
Ich habe mich inzwischen mit den hölzernen
Weltveränderungs-Dialogen weitgehend abgefunden, wenn insgesamt
noch ein halbwegs unterhaltender Krimi dabei herauskommt.
Schließlich erwarten einen ja auf anderen Kanälen oft auch
nichts Besseres.
Und vielleicht - aber jetzt mach' ich nur Spaß - entdecken die
Tatort-Verantwortlichen ja auch mal im öffentlich-rechtlichen
Rundfunk Selbstbedienung und Korruption auf Kosten der Zwangsbeitragszahler.
Hatte Mitte Januar das Vergnügen, die etablierte Theaterschauspielerin Eva Mattes in Köln aus ihrer Biografie lesen zu hören und zu sehen. Die Reihe"Tatort" ist der erste "Mainstream",den Frau Mattes "macht" und ich finde es gut, dass in einem Tatort nicht immer die "wilde action"im Vordergrund steht.Freue mich auf "Klara Blum und Perlmann".
Darum ist der Tatort so beliebt.
Lieber Herr Hanfeld,
weil der Tatort so ist wie Sie ihn beschreiben, ist er eben so beliebt.
Es wäre schade, wenn sich von den Jüngeren tatsächlich
keiner mehr auf die öffentlich rechtlichen Sender einlassen
würde. Die verschiedenen Tatort-Teams mit immer anderen Regisseuren
und Autoren haben in all den Jahren den Reiz behalten wenn nicht sogar
erhöht. Denken Sie nur an die Folgen, die Mankell geschrieben hat.
Wenn Sie glauben, dass dies nur für das reifere Publikum
interessant ist, so jung sind Sie ja auch nicht mehr, fände ich das
immer noch kein Manko. Es können eben nicht alle Sendungen für
20-jährige gemacht sein. Und wer lieber "holt mich hier
raus" sehen möchte, kann das ja tun.
Mankell
Mankell hat ein paar Drehbücher für den Kieler Tatort geliefert. Das waren die schwächeren Folgen.
Der Deutsche/Schwedische Krimi:
als ob es nur noch ein Drehbuch gäbe, dessen ewig gleiches
Szenen-Pflichtenheft routiniert, stets in Reihenfolge und Ausstattung
etwas variiert, abgearbeitet wird.
Undenkbar, heute so etwas wie einige (nicht alle) der frühen
Schimi-Tatorte z.B. "Kielwasser" oder "Ruhrort"
gezeigt zu bekommen. Wobei sich der Eindruck aufdrängt, daß
da allein schon Kurt Beck davor ist, uns ÖRR Untertanen diesen
pc-triefenden, impertinent 'menschelnden' Einheitsbrei (inkl.
Wimmermusiksoße) alternativlos zu servieren.
Dabei gibt es gute Deutsche Krimis. "Die innere Sicherheit"
oder "12 Winter" sind Beispiele, wie spannende, kritische und
atmosphärisch stimmige Filme gehen können.
Stattdessen wird der Zuschauer für unreif gehalten, weshalb er vor
allem 'emotional', d.h. pilchermäßig anzusprechen ist
– arbeitet das Ermitter-Duo holzschnittartig die jeweiligen,
boulevardmäßigen Pro- und Contra korrekt ab - werden die
wirklichen Sauereien im Land mal überhaupt nicht mehr thematisiert.
Sonntags 20:00 Karambolage, 20:15 Tatort
Leider nicht mehr, weil Karambolage auf 19:30 vorgezogen wurde.
Dafür bleibt die Welt heil: solange der Mediathek-Stream Tatort
abends schon angefordert worden war, vereitelt nächsten mittens die
Jugendschutzsperre nicht, nachschlaflich den Täter doch noch zu
ermitteln. So läßt sich auch zuverlässig vermeiden, im
Talk-Getöse wiederaufzuwachen.
So war mein Sonntagabend auch immer.
Jetzt verpasse ich Karambolage meistens, weil die neue Sendezeit so ungewohnt ist.