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„Tatort: Melinda“ im Ersten : Ein saarländischer Irrweg

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Kaum als Kommissar im Amt, ist Devid Striesow auch schon mächtig ramponiert Bild: SR/Manuela Meyer

Der Saarländische Rundfunk bringt es glatt fertig, seinen neuen „Tatort“ ganz ohne regionale Bezüge zu produzieren. Auch deshalb kann Devid Striesow „Melinda“ nicht retten.

          Viele Menschen kennen ja das Saarland nicht. In dem am heutigen Sonntagabend ausgestrahlten, im Auftrag des Saarländischen Rundfunks produzierten und in Saarbrücken spielenden „Tatort“ kann man aber einiges über das jüngste westliche Bundesland erfahren.

          Beispielsweise scheint dort die Einrichtung der Notrufnummer 110 noch auszustehen, selbst Polizisten in Lebensgefahr wählen umständlich eine Durchwahl um Hilfe, übrigens die Hilfe einer einzigen Kollegin anzufordern. Die Technik, Mobiltelefone zu orten, hat sich dort noch nicht etabliert. Es ist dort nicht üblich, dass die Menschen, wenn etwa vor einem Baumarkt Schüsse fallen, die Polizei rufen - logisch, denkt sich der Zuschauer, sie werden die Durchwahl nicht haben.

          Saarbrücken, so lernt man weiter, ist die einzige deutsche Universitätsstadt ohne einen einzigen deutschsprechenden Araber, einen arabischsprechenden Deutschen oder gar Arabisch-Dolmetscher. Es ist dort selbst der Polizei nicht bekannt, dass es weitreichende deutsch-französische Rechtshilfeabkommen gibt, zumal bei Gefahr im Verzuge. Die Nachricht des 1990 geschlossenen Schengener Abkommens ist noch nicht bis dorthin gedrungen, man unterhält weiterhin eine Grenze zu Frankreich.

          Der Polizist im Nebenzimmer

          Es existiert im Saarland dieses Films kein Jugendamt, das sich um verwahrloste Kinder, und kein Gesundheitsamt, das sich um private Kliniken kümmert. Polizisten rücken grundsätzlich allein aus, auch wenn sie damit rechnen müssen, auf eine Überzahl bewaffneter Gauner zu treffen. Darum ist es einem Übeltäter auch ohne weiteres möglich, einen Mord zu begehen, während solch ein saarländischer Polizist im Nebenzimmer sitzt.

          Saarländer kommen nicht auf die Idee, einem Mädchen, das sich schwer traumatisiert und verletzt im Wald verstecken musste, neue Kleidung anzubieten. Ärztinnen in saarländischen Kliniken untersuchen ihre Patienten nur partiell, und wenn, dann ungern.

          Es ist das einzige Bundesland, in dem eine Gruppe schwarzgekleideter Gangster mit gezogenen Pistolen durch die Straßen fahren kann, mehrere Tage lang, ohne Aufsehen zu erregen. Das Saarland dieses Films ist ein Bundesland, in dem niemand irgendeinen Dialekt spricht, auch nicht - nur zum Beispiel - saarländisch.

          Nun ist es nicht die primäre Aufgabe eines Krimis, die Region vorzustellen, der soll ja vor allem spannend unterhalten. Wenn eine Region aber fast kein anderes und sicher kein besseres Mittel hat, sich darzustellen, und wenn die Existenz des Regionalsenders wie des Bundeslandes überhaupt immer wieder zur Diskussion steht, wird man sich als Freund des Saarlandes schon fragen müssen, wie klug die Gesamtstrategie ist, die darin besteht, das Saarland aus den in Saarbrücken spielenden „Tatorten“ restlos zu eliminieren.

          Jeder Tag ein guter Tag zum Schwenken

          Man sieht auch nichts von Saarbrücken oder dem Saarland, gedreht wurde „Melinda“ offenbar in Bielefeld. Nur ein regionaltypischer Satz hat sich retten können: Der Baumarktleiter bemerkt, heute sei „ein guter Tag zum Schwenken“ - der Zubereitung von Grillgut auf einem von drei verbundenen Stangen herabhängenden, an einer Kette über der Glut hin und her schwenkenden Rost. Gerade dieser einzige saarländische Satz ist aber sinnlos, denn im Saarland ist jeder Tag ein guter Tag zum Schwenken.

          Und das würde man ja noch verschmerzen, wenn der Film nicht so völlig misslungen wäre. Devid Striesow spielt gut wie immer, alle anderen auch okay, aber die Geschichte ist an den Handtuchfasern eines mordenden Maghrebiners herbeigezogen, und der Film wechselt zwischen Krimikomödie und Actionparodie, findet sein Genre nicht. Zwischendrin scheint er ganz den Faden verloren zu haben, da fahren alle die immer gleiche Straße auf und ab, und man hört eine leicht irre Zirkusmusik.

          „Melinda“ ist zugleich konfus und langweilig, albern und anstrengend und über mehrere Minuten einfach ein Werbespot für einen Wagen der Marke Range Rover. Eine Gesamtkatastrophe.

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