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Veröffentlicht: 11.06.2017, 17:23 Uhr

„Tatort“ aus Dresden Wer ins Netz geht, kommt darin um

Im Dresdner „Tatort“ wird ein jugendlicher Online-Star tot aufgefunden. Hat er die falschen Filme gedreht und ins Internet gestellt? Die Spuren führen die Dresdner Kommissare in die digitale Welt.

von Matthias Hannemann
© MDR/Gordon Muehle Simson (Merlin Rose) denkt sich Sachen aus, die er lustig findet, und hält dann drauf. Das wird ihm zum Verhängnis.

Mit diesem Internet lässt sich theoretisch Sinnvolles anstellen. Das ahnt sogar Simson, ein Teenager kurz vor der Volljährigkeit, der es zum Online-Star gebracht hat und sich insgeheim eine Karriere als investigativer Reporter erträumt. Er kann ein Smartphone bedienen; das ist ja schon etwas. Er hat mehr als eine Million Menschen an sich geknüpft; das ist eine Menge. Und ganz Dresden hält still, wenn Simson (Merlin Rose) es will.

Simsons Live-Schaltungen, die ohne viel Aufwand mithilfe einer Handy-App möglich sind, beschränken sich bislang allerdings auf geschmacklose Streiche, wie etwa einen Drohnenflug, bei dem Simson die Kamera auf das Toilettenfenster einer Rocker-Kneipe zufliegen lässt. Warum? Weil es geht.

46891984 © MDR/Gordon Muehle Vergrößern Jetzt aber mal ehrlich: Die Zeugin Emilia (Caroline Hartig, links) wird von den Kommissaren (Martin Brambach, Alwara Höfels, Karin HanczewskI) befragt.

Spaßig ist das nur für Simsons Fans. Sie starren rudelweise auf ihre Telefonbildschirme, drücken dem Drohnenpiloten zu Beginn des Dresdner Tatorts „Level X“ von allen Plätzen der Stadt, aus allen Straßenbahnen und Küchen heraus feixend die Daumen. Die Rocker (als Filmfiguren seit einiger Zeit wieder so gefragt wie zu Ottos „Chrome de la Chrome“-Zeiten) ballen die Fäuste und stürmen hinaus.

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Ein Drohnensausen später liegt Simson tot auf der Straße. Sein Vater, ein Parkplatzwächter, der sich seit dem frühen Tod seiner Frau um ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinem Sohn bemüht, hält das zunächst für einen Scherz. Bei „Prank“-Videos im Internet, die zu einem Genre gehören, gegen das sich die „Versteckte Kamera“ feinsinnig ausnimmt, geht es gerne mal makaber zu. Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Henni Sieland (Alwara Höfels) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), die eher drögen Ermittler der Mordkommission Dresden, die in ihrem dritten Fall herumlaufen wie bestellt und nicht abgeholt, wissen es besser: Simson wurde erschossen.

Im Zweifel fürs Abschalten

Nur vom Täter wissen sie nichts. Vom Geschehen in der Altstadt gibt es allein Simsons unbrauchbare Drohnen-Aufnahmen sowie Handyfilmchen, die wütende Rockergesichter zeigen. Die Bande ist von Schüssen ebenso überrascht wie alle anderen auch. Immerhin sind einige Mitstreiter Simsons so freundlich, sich bei der ersten Begegnung mit den Kommissarinnen am Fuße Friedrich August des Gerechten verdächtig zu machen. Der Unternehmer Magnus Cord (Daniel Wagner), ein bärtiger Hipster, den der Drehbuchautor Richard Kropf eine enervierende Fülle englischer Szene-Floskeln aufsagen lässt („Content ist king und er hat delivered“), verkauft Simson-Solidaritätsbändchen für zwei Euro das Stück. Er leitet die Agentur, bei der Simson unter Vertrag stand, verdiente mit seinem Namen Geld. Ein Mann, der die Füße gern auf dem Tisch hat, wenn er mit seinen „Prankstern“ nicht gerade Niveau-Limbo tanzt. Kaum sympathischer: der schmierhaarige Amateurfußballer Dennis Tobor (Wilson Gonzalez Ochsenknecht). Der nennt sich im Internet Scoopy und reißt Fremden gern die Hosen vom Leib. Außerdem wären da mindestens noch ein Arzt, der am Hungertuch nagt, sowie Emilia Kohn (Caroline Hartig), eine blasse Pfarrerstochter, die sich dem Internet öffnet, aber ihrer Mutter verschließt.

© ARD Fernsehtrailer: „Tatort: Level X“

Das Resultat: ein lauwarmer Fall. An nicht eine Figur bringt uns die Regie von Gregor Schnitzler wirklich nah ran, und das schließt die Ermittler mit ein. Allerdings zeigt er recht hübsch, wie die Faszination, die vom Internet ausgeht, und die Folgen, die online gestellte Filme für Einzelne haben können, Hand in Hand gehen. Wie es alles durchdringt.

Selbst die Kommissare finden sich der Beobachtung und Bewertung durch die Internet-Gemeinde ausgesetzt. Sie erleben wie alle anderen auch, dass das Netz ihre Arbeit verändert, müssen sich dazu verhalten. Kommissariatsleiter Schnabel wäre im Zweifel fürs Abschalten. Aber das ist Unsinn. Das Netz hat schließlich auch Vorzüge, zu denen nicht nur die von Schnabel geschätzten Partnerschaftsbörsen gehören.

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