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„Tatort: Kein Entkommen“ : Mach mir meinen Tag

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) nimmt sich die Barfrau (Amila Sijamija) vor Bild: rbb

Falsche Namen, falsche Lebensläufe, falsche Hoffnungen: Der „Tatort: Kein Entkommen“ dreht sich um die Frage, ob irgendwer der ist, der er vorgibt zu sein - und ist grandios-düsteres Kino.

          Dirty Harry ist nicht die Wirklichkeit, sondern Clint Eastwood in der Rolle des Polizisten Harry Callahan: ein Marmorblock von einem Gesicht, in dem sich kein Fältchen rührt und die Pupille nicht zuckt, während er einem Schurken mit Geisel im Arm seine Smith & Wesson an die Stirne hält und ohne die Zähne auseinanderzunehmen, sagt: „Go ahead, make my day.“ Vier Ganoven hat er zuvor bereits kaltblütig erlegt - nein: hingerichtet.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Moritz Eisner ist auch nicht die Wirklichkeit, sondern Harald Krassnitzer in der Rolle eines Hauptkommissars im Wiener „Tatort“. Aber er kommt der Wirklichkeit vermutlich erheblich näher als Eastwood in „Sudden Impact“, wenn er seine Dienstwaffe auf einen Serben richtet, der droht, ein Kind zu töten.

          „Du hast Angst, Scheißangst“

          Es wäre immerhin der Zweite, den Eisner in diesem „Tatort“ erschießt, weshalb die Regel, dass Gesetz auch Gesetz bleiben muss, ausgeblendet scheint. Und dann ist alles denkbar, während ein Strahlen über das Gesicht von Krassnitzer zieht, die Augen zu leuchten beginnen, die Zunge über die Lippen fährt, wenn er lächelt, während er dem Gegner die Mündung an den Kopf drückt, Freude empfindet angesichts dieser Macht und als Zeichen seiner Aggression so fest die Zähne zusammenbeißt, dass die Wangenknochen hervortreten, und er mit einem an Wahnsinn grenzenden Grinsen sagt: „Du hast Angst, Scheißangst.“ Und dann lässt er den, der mit seiner paramilitärischen Einheit während des Balkankrieges Tausende von Muslime hingerichtet hat, niederknien zur Exekution.

          Vordergründig geht es im Tatort „Kein Entkommen“ um Kriegsverbrecher des Balkankrieges, die sich in Wien mit neuen Identitäten niedergelassen haben und die alles dafür tun, nicht entdeckt zu werden. Wirklich alles. Weshalb es in diesem „Tatort“ vermutlich mehr Tote gibt als je zuvor in dieser Serie. Hier stapft die Polizei buchstäblich über Leichen, vor allem über die von Kollegen.

          Qualitäten eines Daniel Craig

          Tatsächlich aber geht es um die Frage, ob irgendwer der ist, der er vorgibt zu sein. Von falschen Namen, falschen Lebensläufen, falscher Freundlichkeit und falschen Hoffnungen ist es hier nur ein kleiner Schritt zu falscher Rechtsauffassung - und wie soll da ein Kommissar nicht die Nerven verlieren, wenn man ihn Weichei nennt, einen Wichser und ein Serbe von ihm sagt, dass solche wie er bei ihnen im Kindergarten arbeiteten und nicht bei der Polizei.

          Jedes Mal noch besser: Adele Neuhauser als Bibi Fellner

          In diesem Milieu hat auf Dauer Krassnitzers Dackelblick nichts mehr verloren. Und dann zeigt ihm auch noch einer der ehemaligen Milizionäre, wie man im Alleingang mit einem ganzen Trupp bestellter Killer fertig wird - und wie man mit knapp und präzise vorgetragenen Angaben eine ganze Polizeidienststelle in Bewegung bringt. Das hat durchaus die Qualitäten eines Daniel Craig.

          „Kein Entkommen“ hat viel mit Kino zu tun (Regie und Kamera Fabian Eder). Es ist eine rasant erzählte Geschichte dort, wo die Idee der ethnischen Säuberung auf eine Welt stößt, deren Phantasie nicht ausreicht, sich all die Greueltaten vorzustellen. Und wo es ebenso der Polizei und Interpol wie dem Zuschauer schummrig vor Augen wird, wenn in der Leitstelle immer mehr Fotografien von Leichen und untergetauchten Kriegsverbrechern an der Wand hängen, bis kein Fleckchen mehr frei ist.

          Und es ist ein wunderbar rühriger Fernsehfilm dann, wenn jede der Figuren ihr eigenes Mittel gegen die grassierende Grippeepidemie preist - aber alle krank sind außer der gar nicht mehr so neuen Assistentin Bibi Fellner (jedes Mal noch besser: Adele Neuhauser), die ihren Patienten reichlich Obstbrand in heißen Zitronensaft gießt. Sie selbst aber verzichtet auf jeden Schnaps, sogar nachdem sie den nicht enden wollenden Kugelhagel aus einer Kalaschnikow überlebt hat und guten Gewissens ihre Wiedergeburt feiern dürfte. Stattdessen sagt sie an einer Stelle nur lakonisch, sie halte das nicht mehr aus. Wir hoffen doch.

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