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„Tatort“ in Schwarz-Weiß : Herausgefallen aus Zeit und Farbe

  • -Aktualisiert am

Rückblende in Schwarz-Weiß: Die Stadtpolizisten Hubi (Thomas Unger) und Bernie (Christoph Bach) auf Streife Bild: Honorarfrei lediglich für Ankünd

Der Münchner „Tatort“ geht einen Schritt zurück und lässt seine Kommissare in Schwarz-Weiß-Bildern im Prostituiertenmilieu ermitteln. Gegen die Anordnung des Programmdirektors, doch mit einem brillanten Ensemble und einem sehenswerten Ergebnis.

          Wie mache ich einen Film in dreiundzwanzig Tagen, für den eigentlich sechs Drehtage mehr nötig wären? Das ist die Kardinalfrage, der sich Produzenten, Regisseure und Schauspieler heute ausgesetzt sehen. Nicht nur bei Lindström-Filmchen auch in der ARD-Königsdisziplin, dem „Tatort“. Um so frappierender, wenn ein so bemerkenswertes Produkt dabei herauskommt, wie die BR-Episode „Der oide Depp“. Ein kleines Meisterwerk ist das geworden, das geschickt mit verschiedenen Zeitebenen spielt und ein unglaubliches Ensemble brillieren lässt.

          Allen voran Jörg Hube, der Ende 2009 Edgar Selge im „Polizeiruf 110“ als Kommissar beerben wird. Hier spielt er Roy Esslinger, den ehemaligen König der Münchner Halbwelt, in dessen Amischlitten eher zufällig ein Dolch gefunden wird, mit dem vor 42 Jahren zwei Münchner Edelprostituierte getötet wurden. Als sich die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) Esslinger vorknöpfen, zeigt der den Kommissaren die Stirn und ihre Grenzen auf. Zur Unterstützung des ratlosen Ermittler-Duos gesellt sich der seltsame, alte Beamte Sirsch (Fred Stillkrauth), der mit der Bierflasche in der Hand durch die Korridore des Präsidiums schlurft und so gar keine Hilfe ist, also ganz das Bild des „oiden Depps“ erfüllt, eine geschickte Tarnung, wie sich noch zeigen wird. Nach dem Ausscheiden des Kollegen Menzinger wird dessen genaue Recherchearbeit händeringend vermisst.

          Gegen den Direktorenwunsch

          Das alles klingt noch nach einem gewöhnlichen BR-„Tatort“ mit dem gewohnten Lokalkolorit. Was den 49. Fall von Batic und Leitmayr über andere Vertreter des Genres erhebt, ist die Visualisierung des Zeitsprungs. Der Autor Alexander Adolph hatte dafür in seinem Buch Schwarzweiß-Szenen vorgesehen – doch dem entgegen stand eine interne Anordnung des ARD-Programmdirektors Günter Struve, dass in Filmen um 20.15 Uhr im Ersten Schwarzweiß nichts zu suchen habe. Man muss schon ein Renommee haben wie die Redakteurin Silvia Koller und die BR-Fernsehspielchefin Bettina Reitz, um sich über eine solche ungeschriebene Regel hinwegzusetzen, und darüber hinaus „etwas mehr Budget als sonst üblich“ zu stellen, wie Bettina Reitz verschämt anmerkt. Man will schließlich keine Begehrlichkeiten wecken.

          Im Milieu der Edelprostitution: Unterweltkönig und Streifenpolizist kommen ins Gespräch

          Dafür ließ der Regisseur Michael Gutmann, Professor an der Münchner Filmhochschule, eigens neue Sets bauen, weil unverfälschte Architektur aus den sechziger Jahren in München selten geworden ist, Lokalitäten wie Roys Sixties-Etablissement „Seven Club “ und das alte Polizeirevier. Hinzu kam die Suche nach Oldtimern, einer „Isar 12“-BMW-501-Funkstreife (Barockengel), eines NSU Prinz, eines alten Käfer, eines Ford Granada.

          Ein Plädoyer für Schwarz-Weiß

          „Wir wollten möglichst nur Stilmittel und Techniken verwenden, die es bereits vor 42 Jahren gab“ sagt der Regisseur Gutmann. Aus diesem Grund habe man sich auch für altes Schwarzweiß-Negativ-Filmmaterial entschieden. Der Kameramann Kay Gauditz holte sich Rat bei Veteranen seines Fachs und trieb zu hohem Aufwand bei Licht und Szenenbild, schließlich sollten die „Rückblenden so scheinen, als seien sie Teil eines verloren gegangen Films.“ Gutmann bereitete sich wochenlang akribisch vor und hatte dann wenig Zeit. Entscheidend fürs Gelingen sei gewesen, „dass wir hervorragende Theaterschauspieler hatten, Leute die lange Einstellungen durchstehen können.“ Das gilt auch für die Besetzung der Rollen in den Schwarzweiß-Szenen: Thomas Unger taumelt als junger Streifenpolizist Hubi mit atemraubenden Körperlichkeit durchs Rotlichtmilieu, mit ihm Christoph Bach als Kollege Bernie; Muriel Roth in der Rolle der Prostituierten Gina wickelt den Zuhälter Roy Esslinger (Nicholas Ofczarek) und den ehemaligen Polizeipräsidenten Landgräber (Gerd Fitz) gleichermaßen um den Finger.

          Das Spiel der Darsteller ist so eindringlich, dass man sich fragt, ob der Verzicht auf Farbe den Blick auf die Charaktere schärft. Rainer Michel, für die Musik zuständig, bestätigt dies. „Oft genug muss ich mit meiner Musik Schwächen des Buchs oder der Schauspieler überdecken“, sagt er. „Hier aber stimmte alles, ich konnte mich darauf konzentrieren, mit Orgel, Flöte und Gitarre den richtigen Sixties-Sound zu kreieren.“ Originalmusik det Sechziger wäre wegen der Lizenzkosten zu teuer gewesen. An dieser Stelle kann Günter Struve wenigstens aufatmen. Er sollte das Schwarzweiß-Verbot noch einmal überdenken. Den seit 1970 insgesamt 696. „Tatort“ veredeln die „alten“ Szenen ungemein.

          Der neue Münchner „Tatort“ sieht alt aus, schön alt: Ein Klassiker in Schwarzweiß.
          Der Regisseur bricht damit
          ein ehernes Gesetz der ARD.

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