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„Tatort“-Folge „Macht und Ohnmacht“ Milde Sorte, harter Tobak

 ·  Batic, Leitmayr und Menzinger: Auch ergraute Herren können noch kräftig zulangen. Ein hervorragender „Tatort“ thematisiert Überforderung und Brutalität der Polizei.

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Nach sechzehneinhalb nicht unbedingt österlich gestimmten, dafür an ungeschminkt harte französische Krimiserien wie „Braquo“ erinnernden Minuten voller Tragik, Geheimnis und nackter Gewalt (und übrigens auch viel Nacktheit im Wortsinn; dieser Einstieg dürfte Rekord sein), nach sechzehneinhalb packenden Minuten also, die sich um die im täglichen Straßenkampf brutaler gewordene, von Matteo Lechner (Emilio de Marchi) geführte Polizeieinheit drehen, setzt plötzlich „Tatort“-Bräsigkeit ein: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) stolpert über den Flur des Kommissariats, hat Krempel in der Hand, darunter Kraut im Blumentopf, kann das Handy kaum halten, dann schreibt der Kugelschreiber nicht. Herrgott, diese lustigen Einfälle immer!

Man muss aber dazusagen, dass Witzchen und Abschweifungen diesmal im Gegensatz etwa zum jüngsten Münster-“Tatort“, dessen Handlung mit Kraut im Blumentopf ganz gut beschrieben wäre, auf eine Hauptnebenhandlung beschränkt bleiben: den Besuch des im Jahre 2007 nach Thailand entschwundenen und dort als Hotelier zu Geld gekommenen Exkollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz).

Dieser wartet schon in Leitmayrs Büro, wird von diesem und dem inzwischen ebenfalls eingetroffenen anderen Münchner Grauhaardackel, Ivo Batic (Miroslav Nemec), mit großem Hallo begrüßt. Der Ehemalige, obwohl im Herzen stets Polizist geblieben, stellt in München freilich schnell fest, dass dies „oa Scheißberuf“ ist: quasi das Motto des gesamten Films. Dauerhaft ins Team zurückkehren soll Menzinger denn auch nicht, wie es bei der Premiere dieses „Tatorts“ beim Kölner Festival „Großes Fernsehen“ hieß, aber man sehe ihn vielleicht auch in Zukunft hin und wieder.

Probleme mit dem Gastermittler

Vor allem aber haben wir Menzinger schon in den ersten sechzehneinhalb Minuten gesehen. Er ist nämlich gar nicht der Ex-Kollegen wegen im Land, sondern möchte einen anderen alten Freund überreden, als Trauzeuge zu fungieren, und zwar - Herrgott, diese Zufälle immer! - ausgerechnet Lechner. Der aber winkt ab, ist auch sonst nicht mehr derselbe wie früher. Seine Frau hat ihn verlassen, weil er selbst nach Dienstschluss nichts als seine Arbeit kannte und immer stärker Recht gegen Ordnung abzuwiegen begann: „Kein Mensch will wissen, was da draußen wirklich vor sich geht. Alle machen Augen und Ohren zu, weil niemand die Verantwortung übernimmt. Aber ich bin Polizist. Und ich übernehme Verantwortung.“

Das kann nicht gutgehen. Die Kaputtheit greift um sich. Ein junger, depressiver Kollege aus Lechners Einheit erschießt sich vor den Augen Menzingers, bevor dann auch noch Lechners Informant mausetot aufgefunden wird. Das ist die Verknüpfung der beiden Stränge: Leitmayr und Batic übernehmen den Fall, müssen sich nun mit Lechners „Klienten“ herumschlagen und lassen Menzinger ein wenig gastermitteln. Je mehr aber Lechners Einheit selbst ins Visier gerät, desto stärker ist Menzinger auch emotional involviert.

Wir sehen, wie das nicht oft vorkommt im „Tatort“, Polizisten zwischen Verzweiflung und Überreaktion. Sie sind durchaus sympathisch, trauern und trinken gemeinsam, wissen aber anders als der oberkorrekte Leitmayr - „Es gibt Recht und es gibt Unrecht, dazwischen verläuft eine ganz klare Linie“ - mit ihrer Macht angesichts des Gefühls von Ohnmacht nicht immer richtig umzugehen. Das ist sicher nicht die Regel bei Deutschlands Polizei, doch Entgleisungen existieren, offenbar gerade auch in Bayern, wo sich entsprechende Vorwürfe in den vergangenen Jahren häuften.

Der Film macht es sich nicht leicht. Weder klagt er einfach Polizeibrutalität an, noch erhebt er den einsamen Kämpfer gegen den Schmutz zum Helden, wie es einem alten Kinoklischee entspräche. Das Überschreiten der Kompetenzen in Richtung Faustrecht - und auch die sonst eher braven Ordnungshüter geraten hier in Versuchung - scheint nachvollziehbar, entwickelt aber seine eigene Logik. Dass bei diesem melancholisch-ehrlichen Blick auf den Polizeialltag „Polizisten“ von Extrabreit läuft - „Sie rauchen ,Milde Sorte’, weil das Leben ist doch hart genug“ -, ist so stilsicher und stimmig wie alles an diesem Osterkrimi, dem man (freilich ohne jede Chance) wünscht, dass er die Einschaltquoten der Roland-Kaiser-Börne-Thiel-Clownerie noch übertrifft.

Der Tatort. Macht und Ohnmacht läuft an diesem Ostermontag, 1. April, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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