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„Tatort“-Folge „Kaltblütig“ Dickicht der Ambivalenzen

 ·  Die Geschwisterliebe eine Spur zu innig, ihre Erklärung eine Spur zu plakativ: Der Ludwigshafener „Tatort“ zelebriert ein Psychodrama.

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Bleiern ist das Gesicht von Katharina Brenner (gespielt von Anna Loos), als Roza Lanczek den Wagen aus der Werkstatt abholt, mit dem sie wenig später tödlich verunglückt. Aber eine ganz andere, eine entspannt-heitere Frau Brenner sehen wir, als sie in Gegenwart der ermittelnden Kommissare mit ihrem Hund Alex kommuniziert. Aber sie ist nicht die Einzige, auch Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) spricht mit ihrer Katze über den Fall, der kein Unfall war: An der Bremsleitung des Autos hatte jemand geschickt manipuliert.

Die Kommunikation mit Haustieren, so hat es Sigmund Freud einmal gesagt, sei die einzige von Ambivalenz völlig freie. Und wie sehr gilt dies für den Ludwigshafener „Tatort“ von Andreas Senn, in dem ein wahres Dickicht von Ambivalenzen mühsam durchdrungen werden muss. Alle Liebe birgt hier schon den Hass in sich. Frank Brenner (ziemlich gut: Götz Schubert), der geschiedene Mann von Katharina, lebt doch mit dieser immer noch zusammen und betreibt die Firma mit ihr. Aber Roza war seine Lebenspartnerin, und sie war von ihm schwanger. Wollte er sie erst zu einer Abtreibung überreden und am Ende einfach nur noch loswerden? Das jedenfalls gesteht er sehr bald den Ermittlern. Aber es gibt Fotos, die Frank und Roza als glückliches Paar zeigen, das sich auf das kommende Kind freut. Belastet wird Frank auf gewichtige Weise von seiner Exfrau Katharina. Das mit Roza sei „nichts Ernstes“ gewesen.

An sich kein schlechter Kunstgriff

Ambivalenz Nummer zwei (oder drei, wenn man Katharina und Roza getrennt zählt) ist das Verhältnis von Brenner zu seiner Schwester Anne (Sandra Borgmann, als verrücktes Huhn sehr überzeugend), Galeristin und mit ihren bemalten Steinen mäßig erfolgreiche Künstlerin, die gerade in der Emdener Volkshochschule „eine Vernissage“ hatte, was später für die Ermittlungen eine Rolle spielt. Hegel, der Philosoph, hatte die Geschwisterliebe als die „reinste“ gesehen; er dachte an Antigone. Rein verhält sich ja auch Anne. Ihre Aussagen entlasten den Bruder. Dafür aber scheint sie an den Frauen, die Frank in der Vergangenheit nahestanden, kein gutes Haar lassen zu wollen. Ein bisschen zu innig ist diese Geschwisterliebe. Und ein bisschen zu plakativ in dem ansonsten kaum zu tadelnden „Tatort“ ist dann nur die Aufklärung der Vergangenheit der Geschwister Brenner, naturgemäß handelt es sich um ein „Trauma“, genauer und dem Namen schicksalhaft gemäß darum, dass der Vater, ein Alkoholiker, die Kinder im Wohnwagen einmal mit Benzin übergossen und dann alleingelassen hatte. Die Wiederkehr des Traumas wird dann am Ende des Films auch gut trivialpsychologisch zelebriert.

An sich ist die psychologische Intensität, die man schon am vergangenen Sonntag im Berliner „Tatort“ beobachten konnte, kein schlechter Kunstgriff. Das Kammerspielartige bekommt dem deutschen Fernsehkrimi sehr gut. Ebenso ein bisschen sarkastische Kapitalismuskritik. Als ihr Mann in U-Haft sitzt, verkündet Katharina das Ende der Firma (die ihr zu 51 Prozent gehört), selbstverständlich werde die Auflösung der Arbeitsverhältnisse „sozialverträglich“ geregelt. Diese Kälte sollte man im Auge behalten, wenn man, wie es beim „Tatort“ eigentlich das Hauptvergnügen der Zuschauer ist, im Kreis der Lieben gegen 21 Uhr das Raten nach dem Täter anfängt. (Aber so einfach, wie Sie jetzt glauben, ist es am Ende doch nicht!)

Tatort. Kaltblütig, an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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