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Tatort-Folge „Großer schwarzer Vogel“ : Früher war alles viel melancholischer

Am Ort des Geschehens: Die Kommissare Stark (Boris Aljinovic, links) und Ritter (Dominic Raacke) Bild: rbb/Conny Klein

Boris Aljinovic und Dominic Raacke steigen beim Berliner Tatort noch einmal gemeinsam in den Ring. Der Episode „Großer schwarzer Vogel“ sieht man an, warum das ihr letzter Auftritt ist.

          Was für ein Abgang. Abgang? Es ist gar keiner. Einmal noch sehen wir Boris Aljinovic und Dominic Raacke im „Tatort“ des Rundfunks Berlin Brandenburg ermitteln, dann haben ihre Kommissare Ritter und Stark dienstfrei. Für immer. Aus der Handlung der Episode „Großer schwarzer Vogel“ ergibt sich das nicht. Dominic Raacke hatte schlicht keine Lust, sich für eine geplante Farewell-Folge noch einmal vor die Kamera zu stellen, nachdem der RBB seinen Feierabend im vergangenen Herbst mir nichts, dir nichts verkündet und suggeriert hatte, das geschehe in feinstem gegenseitigem Einvernehmen. „Die große Abschiedsnummer wird es nicht geben“, hatte Raacke der „Berliner Morgenpost“ gesagt, „ich bin da raus.“ Er ist also mal raus. Das beschert seinem Kollegen Boris Aljinovic in der letzten Folge ein Solo. Was im „Tatort“ inzwischen irgendwie üblich ist, wenn Ermittlerpaare gehen. Beim Hessischen Rundfunk kann man davon ein Liedchen singen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Schluss mit lustig. Schluss mit gespielter Harmonie – das merkt man auch den Kurzinterviews mit den Hauptdarstellern an, die sich im Presseheft des RBB finden. Was er an seiner Figur besonders geschätzt habe und was er an ihr mochte, wird Dominic Raacke gefragt: „Ich erinnere mich, dass Ritter in seinen Anfangsjahren kaputter war. Er rauchte und trank, und die Figur war insgesamt einsamer und melancholischer angelegt. Diese Eigenschaften verschwanden mit der Zeit. Er wurde vernünftiger und angepasster. Das war für manche Fälle sicher zuträglich, aber insgesamt ging der Charakter dabei verloren.“

          Ritter ist müde

          Stimmt. Zu Beginn der seit 2001 gedrehten, nunmehr dreißig Folgen aus Berlin war dieser Ritter nicht nur melancholisch, sondern vor allem unangepasst. Und stand damit sehr passend neben dem ausgeglichenen, vernünftigen Kommissar Felix Stark, dem Boris Aljinovic Lebensklugheit mitgab: Don Quichotte und Sancho Pansa.

          Jetzt ist Ritter nur noch müde. Buchstäblich. Er ist so müde, dass er nicht mehr schlafen kann und irgendwann bei dem Radio-Onkel Nico Lohmann (Florian Panzner) anruft, um davon zu erzählen. Womit wir beim aktuellen, letzten gemeinsamen Fall der Berliner Kommissare wären. Der beginnt mit einer Szene, nach der man schon bedient ist: Ein Junge tollt durchs Treppenhaus, seinem Fußball hinterher. Der plumpst auf einen Briefumschlag, in dem eine Bombe versteckt ist. Die geht hoch. Von nun an und bis zum Ende sehen wir immer wieder eine verzweifelte Mutter, die wissen will, warum ihr Kind sterben musste. Für sie gibt es keinen Trost. Am Radio-Sorgentelefon schon gar nicht.

          Trostlose Bilder und Dialoge

          Der Anschlag galt selbstverständlich nicht dem Jungen, sondern dem Moderator im Radio, der sich nächtens mit den Sorgen anderer herumschlägt. Und seiner eigenen nicht Herr wird. Der cholerische Schläger von Ehemann, dessen malträtierte Frau sich bei Lohmann ausgeweint hat, könnte der Täter sein, oder auch der, dessen Familie bei einem Autounfall ums Leben kam, den Lohmann – vielleicht – verschuldet hat. Dritte im Bunde ist seine verflossene Freundin Henriette (Julia Koschitz), die auf ihn wartete. Die er aber wegschickte, nachdem er aus dem Koma erwacht und in der Reha war. Oder wie wäre es mit seinem Vater (Hans Uwe Bauer), der den Leistungsschwimmer Lohmann unbedingt zu den Olympischen Spielen zwingen wollte? Was dem Filius so viel Druck bescherte, dass er zusammenbrach.

          Das Tableau der Tristesse ist also bereitet, und genauso ist der Film. Trostlos in seinen Bildern, in den Dialogen, in der Handlung (Drehbuch Jochen Greve nach einer Idee von Titus Selge, Regie Alexander Dierbach). Mit Sätzen wie „Du verstehst mich nicht, oder? Ich verstehe mich ja selber nicht“, ausgesprochen von einem Anrufer in Lohmanns Hotline, beginnt das Ganze und geht so leider auch weiter. Und obendrüber fliegen die Krähen, am Haus am See, in dem Lohmann aufwuchs, am Ort des tödlichen Unfalls, eigentlich überall. Ein Menetekel. So oft im Bild, damit es auch jeder kapiert.

          Wir können verstehen, dass Dominic Raacke sagt: Danke, das reicht. Doch ist es um die Figuren, die er und Boris Aljinovic spielen, sehr schade. Ein um das andere Mal in den letzten Jahren dachten wir uns: Wieso kriegen die eigentlich nie ein vernünftiges Drehbuch? Warum müssen ihre Geschichten immer so unheilsschwanger überladen sein? Wann springen die endlich mal aus der Hose?

          Der Kollege vom „Tagesspiegel“ hat, mit Blick auf die, die im RBB-„Tatort“ nun folgen sollen, aber noch nicht bekannt sind, geschrieben, Berlin verdiene „die ganz coole Sau“. Das klingt nach Til Schweiger. Den hat sich der NDR für Hamburg geangelt. Oder nach den Komödianten vom „Tatort“ in Münster. Eine „coole Sau“ hatten sie in Berlin aber längst. Hat beim RBB nur keiner gemerkt. Sind wohl zu müde.

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