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„Tatort“-Folge „Angezählt“ im Ersten : Ein Kind als Waffe

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Wehrhaft: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sucht sich die härtesten Gegner Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg

Urbaner Sklavenhandel: Die „Tatort“-Folge „Angezählt“ zerrt ans Licht, was die Gesellschaft gerne verdrängt. Ein vergeblicher Notruf macht den Anfang.

          Täuscht das, oder verweichlicht der deutsche Fernsehermittler? Vielleicht liegt es am Zeitgeist. Die mentale Distanz zwischen einem aktuellen „Tatort“-Chefschnüffler und Horst Schimanski dürfte schließlich ähnlich groß sein wie die zwischen Angela Merkel und, sagen wir, Alfred Dregger. Nur nominell gehört man noch zum selben Verein. Ziemlich häufig sitzen Fernsehkommissare in letzter Zeit denn auch beim Psychologen und laborieren an einer lehrbuchartigen Depression herum; lehrbuchartig, weil zur Verzweiflung am beinharten Polizeidienst in der Regel noch ein so flott erfundenes wie überwundenes Kindheitstrauma hinzukommt. Genau das macht nun die sich bislang doch so wackere Bibi Fellner (Adele Neuhauser) durch. Dafür erweist sich der sonst herrlich weltschmerzzerknautschte Eigenbrötler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) diesmal als rationaler Vorschriften-Cowboy.

          Noch während die Protagonistin also ihrer Psychologin gesteht, emotional erkaltet zu sein, klingelt das Telefon: ein Hilferuf, dessen sie sich nicht annimmt. Wenig später ist die Anruferin tot. Als gefühllos erweist sich Major Fellner keineswegs, ganz im Gegenteil: Der Tod von Yulya Bakalova wühlt sie gewaltig auf, animiert sie zu gefährlichen Alleingängen. Offenbar war es aber zwingend nötig, in neunzig Minuten nicht nur diesen Fall zu lösen, sondern - wie ein Kameraschwenk andeutet - auch den vorgeblich seit Jahrzehnten schwelenden Familienzwist.

          Unter Menschenhändlern

          Diese turbotherapeutische Nebenhandlung (inklusive verschwommenen Muttertraums) ist aber die einzige plump-kitschige Standardsituation in „Angezählt“. Ansonsten zeigt sich ein weiteres Mal, warum der Wiener „Tatort“ zu den besten der Reihe gehört. Das liegt zu großen Teilen an den hervorragenden Schauspielern, aber eben auch an den Drehbüchern, die sich selbstbewusst Freiheiten gegenüber der Krimikonvention herausnehmen.

          Prostituiert sich unter Zwang: die Bulgarin Nora Radneva, gespielt von Daniela Golpashin

          Der Autor Martin Ambrosch und die Regisseurin Sabine Derflinger, die uns vor anderthalb Jahren schon die morbide Mafia-Episode „Falsch verpackt“ mit drei zerhackten Chinesen beschert haben, wenden sich diesmal einem noch brisanteren Thema zu: organisierte Zuwanderung aus Bulgarien und Zwangsprostitution (erst im Juli wurde ein bulgarischer Menschenhändlerring in Wien zerschlagen). Schon nach wenigen Minuten steht der Täter fest und befindet sich in den Händen der Polizei: ein zwölfjähriger und damit nicht strafmündiger Junge.

          Mit seiner Pumpgun-Wasserpistole hat er die junge Bulgarin in einer Zigarettenpause mit Benzin nassgespritzt, Sekunden später stand sie in Flammen. Schnell deutet alles darauf hin, dass es sich um einen Racheplan des einst mit ihrer Hilfe eingebuchteten, nun frühzeitig entlassenen Ex-Zuhälters Yulyas handelte (ein beeindruckend furchtlos-böser Murathan Muslu mit noch viel böseren Kumpanen). Wie aber soll man das beweisen, wenn der Junge hartnäckig schweigt und dann verschwindet?

          Eine mächtige Schattenwirtschaft als Gegner

          Für den üblichen Ermittlungs-Bürofetischismus wie an die Wand geklebte Opferfotos oder Kaffeemaschinenslapstick interessiert sich dieser „Tatort“ dankenswerterweise nicht. Stattdessen geht es um ein psychologisches Kräftemessen. Vor allem aber tauchen wir in langen Nachtfahrten in Wiener Verhältnisse jenseits der Hochglanzprospekte ein. Nicht nur hart und schäbig geht es zu auf der sonnenabgewandten Seite der Stadt, sondern bestens organisiert.

          Tatsächlich bekommt man ein Gefühl dafür, warum die Polizei diesem Schattenwirtschaftssystem machtlos gegenübersteht. Für jede ausgefallene Frau - ob tot oder freigekauft - treffen mehrere neue ein. Eisner ruft denn auch seine Kollegin, die gegen die skandalösen Verhältnisse anrennt („Keiner tut was dagegen. Weil die, die was dagegen tun könnten, sich auch so gern von einer Fünfzehnjährigen einen blasen lassen“), zur Ordnung: „Man kann sich nicht um alle kümmern. Da muss man hart bleiben, da muss man durchgreifen, verstehst du?“

          Aber diesen einen, der gezwungen worden war, das Allerschlimmste zu tun, den wollen sie dann doch retten. Und das führt am Ende zu einer Gewaltszene, die man eher in einem „Schimanski“ vermuten würde - allerdings in eigenartiger Brechung. Man darf sich freuen auf diesen „Tatort“.

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