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„Tatort“-Doppelfolge Eva heißt sie nicht ohne Grund

Die „Tatort“-Ermittler aus Köln und Leipzig bearbeiten zu Ostern gemeinsam einen Fall. Die Geschichte ist überkonstruiert, die vier Hauptdarsteller aber machen das Beste daraus.

© WDR/Willi Weber Vergrößern Die Kommissare (Klaus J. Behrendt, Freddy Schenk, Simone Thomalla) beim Feierabendbier. Kollege Keppler (Martin Wuttke) bleibt bei der Limonade

Hauptkommissarin Eva Saalfeld kann man entweder bemitleiden oder für hochgradig unprofessionell, ja dilettantisch erachten. Schon in der Leipziger „Tatort“-Folge „Todesbilder“, die Mitte Januar zu sehen war, beging sie einen kriminalistischen Kardinalfehler, indem sie völlig allein in die Wohnung eines Mordverdächtigen eindrang und dort auch prompt in eine lebensgefährliche Falle geriet. Der Schaden hat sie keineswegs klüger gemacht. Denn am Ostermontagabend wird sie diese Dummheit wiederholen. Aufs Neue wird sie niedergeschlagen, aufs Neue ist sie, dieses Mal an einen Heizkörper gefesselt, ohnmächtig dem Treiben und der Triebdynamik eines Täters ausgesetzt.

Jochen Hieber Folgen:  

Nun ist Eva Saalfeld aber eben eine Fernsehermittlerin und somit der Perfidie von Drehbuchautoren und Regisseuren ausgesetzt. Zudem wird sie von Simone Thomalla gespielt, die als Kommissarin auch deshalb so hoch in der Zuschauergunst steht, weil sie neben allen inzwischen längst Standard gewordenen emanzipatorischen Eigenschaften - in ihrem Fall: Denkvermögen, Schlagfertigkeit, berufliche Härte, bürgerliche Selbständigkeit - stets etwas genuin und traditionell Weibliches ausstrahlt: Eva eben. Ihre Empathie mit Verbrechensopfern, aber auch mit sozial zu kurz gekommenen Tatverdächtigen ist enorm, gern regelt sie ein Problem im vertraulichen Gespräch von Frau zu Frau - vor allem aber signalisiert ihr rehbrauner Blick, dass auch sie oft unsicher und schutzbedürftig ist, deshalb Hilfe sucht und dankbar annimmt.

Ballauf hat es nicht leicht

Dem ewig Weiblichen an Simone Thomalla bieten nun just zu Ostern der Drehbuchautor Jürgen Werner und der Regisseur Thomas Jauch vielfach Entfaltung. Denn wir haben es am Sonntag und Montag gleich mit einer „Tatort“-Doppelfolge zu tun, bei der das Leipziger Ermittlerduo überdies drei Fernsehstunden lang mit den Kölner Kommissarskollegen zusammenarbeitet. In diesem Ost-West-Quartett ist Eva Saalfeld die einzige Frau. Ebenfalls erst in den „Todesbildern“ hatte ihr Andreas Keppler (Martin Wuttke), polizeilicher Partner wie Exehemann, aufs Neue seine Liebe gestanden. Nun ist auch noch der wohlbeleibte, also Stabilitätsruhe ausstrahlende Kölner Currywurst-Kriminalist Freddy Schenk (Dietmar Bär) sofort und sehr in sie vernarrt, weshalb er Eva Saalfeld, Premiere seines Autofahrerlebens, auch umstandslos den wieder einmal sehr pompösen Oldtimer anvertraut.

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Einzig der im mittlerweile zwanzigjährigen „Tatort“-Dienst melancholisch ergraute Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hält sich aus allen Liebeshändeln raus. Ihm schenkt das Drehbuch dafür die beeindruckendsten Szenen. Im zweiten Teil der Doppelfolge, der angesichts der Themen Straßenkinder und Kinderprostitution entschieden zu zynisch „Ihr Kinderlein kommet“ heißt, muss er zunächst einer trostlosen Mutter erklären, dass die seit drei Jahren vermisste Tochter nie mehr zurückkehren wird. Gestehen muss er überdies, dass ihr inzwischen geschiedener und auf Ein-Euro-Jobs heruntergekommener Ehemann einst zu Unrecht verdächtigt, verhaftet und damit seiner beruflichen Existenz beraubt wurde, weil Schenk und er selbst aus den von vornherein bloß vagen Indizien auch noch die falschen Schlüsse gezogen hatten. Diese Sequenz ist wirklich groß.

Das Beziehungsballett ist beste Unterhaltung

Hinlänglich plausibel ist auch, warum angesichts einer in Leipzig ermordeten Jugendlichen und einer durch schieren Zufall aus dem Rhein gefischten Wasserleiche das Zusammenwirken von Ost und West überhaupt nötig wird. Ansonsten wirken beide Fälle überkonstruiert. Weshalb etwa sollte eine fünfzehnjährige Ausreißerin, die in der Leipziger Straßenszene schon Horror en masse erleben musste, ausgerechnet dann aufs Neue türmen, als sie endlich an einen sicheren Hort gelangt ist? Und wie wahrscheinlich ist es wohl, dass die Kölner Polizeitaucher erst Wochen nach ihrem ersten Fund an just derselben Stelle auf drei weitere und ebenfalls schon vor langer Zeit versenkte Mädchenleichen stoßen?

Tatort © MDR/Junghans Vergrößern Den Leipziger Minderjährigen-Strich lässt sich die „Tatort“-Kamera nicht entgehen

Wie beide Folgen ihr Thema behandeln, stimmt generell unbehaglich. Zwar brechen alle vier Kommissare immer wieder in ein mit mancherlei Statistik unterfüttertes Lamento über das Elend der Straßenkinder und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus - die Kamera lässt sich jedoch weder den Leipziger Minderjährigen-Strich noch die Hölle eines Kölner Verstecks für entführte Mädchen entgehen: Voyeurismus, als soziale Anklage und moralischer Appell getarnt.

Angesichts der stupend stabilen „Tatort“-Quoten und der Popularität der Leipziger wie der Kölner Ermittler kann das Erste pro Osterfolge bis zu zehn Millionen Zuschauer erwarten. Richtig gut unterhalten werden sie durch die bisweilen gewitzten Dialoge, vor allem aber vom Beziehungsballett einer polizeilichen Viererbande.

Kinderland, der „Tatort“ aus Leipzig, an diesem Ostersonntag, Ihr Kinderlein kommet, das Kölner Pendant, folgt Ostermontag, jeweils um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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