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„Tatort: Der Weg ins Paradies“ im Ersten : Die Hassprediger nehmen ihm seinen Glauben

Der verdeckte Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) kriecht als muslimischer Pseudofanatiker in einem Männerwohnheim unter Bild: NDR/Hannes Hubach

Mehmet Kurtulus spielt zum vorletzten Mal den verdeckten Ermittler Cenk Batu. Dieser soll eine islamistische Zelle aufrollen. Einen so guten „Tatort“ sah man lange nicht.

          Als im September 2007 die Sauerland-Gruppe verhaftet wurde, war Deutschland nur knapp einem Bombenanschlag entkommen. Etwas anderes aber bewegte die Gemüter noch viel mehr: Deutsche Konvertiten hatten das Attentat geplant; junge Männer, die hier in guten Verhältnissen aufgewachsen waren, sich dann den Mantel des radikalisierten Islams überwarfen, um die eigene Kultur zu vernichten. Sie wollten das Land brennen sehen. Sie malten sich einen „zweiten 11. September“ aus.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Konvertiten, da sind sich Islamismus-Experten weitestgehend einig, stehen für das größte Gefahrenpotential der Radikal-Religiösen. Denn ohne Wurzeln zu der die Religion nährenden Kultur züchten sie ihren Glauben dogmatisch heran. In dieses Milieu wird der verdeckte Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) eingeschleust. Das BKA weiß, dass Hamburg Schauplatz eines furchtbaren Anschlags werden soll, doch wann und wo er stattfinden wird, weiß man nicht.

          Fest steht nur, dass die Planung und Umsetzung einer terroristischen Zelle um den Konvertiten Christian Marschall, genannt Al Malik, obliegt. Er hat sich in einer türkischen Moscheegemeinde eingenistet, gibt sich fromm und hilfsbereit, zeigt Kindern aber heimlich Propagandavideos und bastelt zu Hause Bomben.

          „Der Weg ins Paradies“ - so der Titel des hervorragend erzählten und spannenden „Tatorts“ - führt für ihn und seine Komplizen nur über die Ermordung der „Kafir“, der Ungläubigen. Der Hass gilt Amerika, vor allem aber gilt er dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

          Anschlag verhindert: Cenk Batu (Mehmet Kurtulus, Mitte), umringt von den Kollegen Uwe Kohnau (Peter Jordan, links) und Oswald vom BKA (Martin Brambach)

          Es ist nicht zu übersehen, das Cenk Batu sich zunächst gegen diesen Fall sträubt. Beinahe wirkt es so, als solle damit sein baldiger Abschied vom „Tatort“ vorbereitet werden - im Frühjahr 2012 spielt Mehmet Kurtulus zum letzten Mal den verdeckten Ermittler. In Flip-Flops kommt er daher, hat eigentlich noch Urlaub.

          Die Details, die ihm Verbindungsmann Kohnau (Peter Jordan) zu seiner neuen Rolle gibt, kann er sich nur schwer merken: Von nun an hat er Taylan zu sein, ein frommer, bärtiger Muslim, belesen im Koran, geübt in religiösen Verhaltensweisen, gerade aus einem syrischen Folter-Knast entlassen.

          Hasstiraden zum Überleben

          Kurz bevor Batu in diese Identität abtaucht, lernt er unglücklicherweise die junge Gloria kennen. In dem Ermittler - bisher kannten wir ihn nur als einsamen Wolf aus Überzeugung - entflammen die Gefühle. Die Sehnsucht nach der hübschen Frau wird für ihn zum Anker werden, den er in der Parallelwelt mit Moschee, Männerwohnheim und religiös-verbrämten Hasstiraden zum Überleben braucht.

          Der Film nimmt sich eines äußerst heiklen Themas an. Denn nicht nur in der medialen Verarbeitung fällt es seit dem 11. September schwer, zwischen Muslimen, die einfach ihren Glauben leben, und jenen Menschen zu unterscheiden, für die der Islam nur ein Vehikel für die Verwirklichung persönlicher Machtphantasien ist. Dem Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker gelingt es - ohne die Figuren plakativ zu vereinfachen.

          Da ist zunächst der türkische Imam, unter dessen Dach die Zelle agiert. Ganz richtig schätzt ihn die Polizei als liberalen Gläubigen ein. Dass er jedoch die kostenlosen Nachhilfestunden, die Al Malik Kindern seiner Gemeinde gibt, mit Argwohn beobachtet, bemerkt die Polizei nicht.

          Kein pädagogischer Zaunpfahl

          Der junge Konvertit, überzeugend gespielt von Ken Duken, ist ein Verführer, ist eitel, eiskalt und hochintelligent. Und doch ist da manchmal eine Angst zu spüren, nicht ernst genommen zu werden. Sie scheint auf, als er nach fast zwei Jahren erstmals wieder sein Elternhaus betritt. Anders als man es erwarten könnte, empfängt ihn der Vater nicht als verlorenen Sohn, sondern mit bösem Sarkasmus und stellt ihn vor Batu bloß. Ob die sich darin angedeutete familiäre Gefühlskälte den Sohn in den Fanatismus trieb, lässt der Film dankenswerterweise offen - auch sonst verzichtet Becker auf den Wink mit dem pädagogischen Zaunpfahl.

          Es ist jedoch die Rolle des Vaters, die Marschall innerhalb seiner Zelle ausfüllt: Da ist der pakistanische Medizinstudent Akbar (Murali Perumal), dessen Trauer über den Tod seiner Familie sich in Gewaltphantasien entlädt - seine Angehörigen starben bei einem Angriff der Amerikaner auf Taliban. Und da ist der Konvertit Rolf Peter Sperling (Tristan Seith), ein typischer, doch gewaltbereiter Mitläufer: Mit seiner verkrachten Biographie aus abgebrochenen Lehren, Vorstrafen und gescheiterter Ehe hält er die neu erworbene Religion für allein seligmachend. Noch wichtiger aber ist, dass sie ihm eine Bedeutung gibt.

          Was Cenk Batu in diesem Milieu erlebt, geht auch gegen ihn selbst, gegen seine Herkunft und seine Überzeugung: „Das was ich hier lerne, hat nichts mit Spiritualität zu tun. Geschweige denn mit dem Islam“, sagt er. Der Fall führt ihn an seine Grenzen. Lange hat man keinen so guten „Tatort“ mehr gesehen.

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