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„Tatort: Der Tote im Nachtzug“ Ermittler auf Spurensuche im Abteil

Eine Razzia der Feldjäger, eine witzige Bettszene, Beweise, die sich in Luft auflösen: Der „Tatort“ aus Frankfurt treibt es ganz schön weit. Womöglich zu weit.

© HR/Johannes Krieg Vergrößern So könnte es passiert sein: Kommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) spielt das Opfer, ihr Kollege Frank Steier (Joachim Król) den möglichen Täter.

Wüssten der Staatsanwalt und die internen Ermittler der hessischen Polizei, was die Zuschauer am Sonntagabend über die beiden Kommissare im „Tatort“ aus Frankfurt erfahren werden: Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Frank Steier (Joachim Król) würden augenblicklich suspendiert, sie müssten mit einem Dienstverfahren wegen des Beseitigens von Beweismitteln und des Fälschens ihres Abschlussberichts sowie mit Strafanzeigen wegen Betrugs rechnen.

Jochen Hieber Folgen:  

Angesichts der Sachlage würde jeder von ihnen ziemlich sicher zu mehr als einem Jahr Gefängnis verurteilt, verlöre deshalb den Beamtenstatus und sämtliche Pensionsbezüge. Mögen ihre Motive auch gutmenschlich und edel sein, entschuldbar ist ihr Handeln nicht.

Wir sind es inzwischen ja längst gewohnt, dass die Fernsehermittler im „Tatort“ wie im „Polizeiruf 110“ die Gesetze, denen ihre Einsätze unterliegen, recht unbürokratisch zu ihren Gunsten dehnen. Obendrein gewinnen sie für ihre kleinen und mittleren Dienstvergehen auch noch unsere Sympathie. Hier mal rasch eine Wohnungsdurchsuchung ohne richterliche Anordnung, dort ein bewusster Verstoß gegen die Anordnung eines naturgemäß ungemein bornierten Vorgesetzten: So unbotmäßig sehen wir unsere Gesetzeshüter gern. Sind ja auch nur Menschen.

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Was sich Mey und Steier in der Folge „Der Tote im Nachtzug“, ihrem zweiten Fall, jedoch leisten, ist kein Kavaliersdelikt mehr, sondern schlicht die Manipulation einer Mordermittlung. Es ist, im Einsatz für das Gute, nichts anderes als willkürliche Selbstjustiz. Dass sie sich darüber wechselseitig erpressbar machen, kommt hinzu: Jeder kann den anderen nun jederzeit hochgehen lassen. Und wenn ihnen bei einem ihrer nächsten Einsätze der Tatverdächtige und dessen Umfeld moralisch mal nicht so in den Kram passen sollten wie im aktuellen Fall, werden sie dann die Indizien und Beweise einfach negativ steuern?

Tatort © HR/Johannes Krieg Vergrößern Die Zusammenarbeit mit den Feldjägern und ihrem Offizier Thomsen (Benno Fürmann, rechts) läuft nicht immer reibungslos

Den Gesetzesbruch ins Drehbuch geschrieben hat der Autor und Regisseur Lars Kraume. Zur Anstifterin hat er Hauptkommissarin Mey erkoren, die mit ihrem von Angst- und Panikattacken gebeutelten Kollegen Steier letztlich leichtes Spiel hat. Dabei geht es ihr doch nur um reine Menschlichkeit. Kaum ist Steier dem Krankenhaus entronnen und zum Tatort an den Frankfurter Hauptbahnhof geeilt, wird ihn Conny Mey bewillkommnend umarmen: „Schön, dass Sie wieder da sind.“ Im Büro findet er dann ihren Blumenstrauß vor, den er zwar verächtlich „Mädchengemüse“ nennt, insgeheim aber durchaus zu schätzen weiß. So ist er eben, dieser waidwunde und bärbeißige Steier, weshalb er auch eine Paraderolle abgibt für den Schauspieler Joachim Król, seinerseits ein Athlet der äußeren Zurückhaltung und des inneren Vulkanbrodelns.

Körperkult um Kunzendorf

Conny Mey ist in etwa anderthalb Jahrzehnte jünger als der Spätfünfziger Steier und nutzte schon beim Frankfurter „Tatort“-Debüt das Polizeipräsidium als ihren ganz persönlichen Laufsteg. Im Gegensatz zu früheren, eher introvertierten Rollen (etwa in Rainer Kaufmanns „In aller Stille“ von 2009) darf Nina Kunzendorf als Kommissarin vom Main nun naive Nonchalance und görenhafte Munterkeit versprühen, überdies mit leicht prolliger Mode punkten - Tunika mit engem Taillengürtel, tief auf der Hüfte sitzende Jeans, weiße Cowboystiefel. Dem Körperkult um Kunzendorf dienen auch das abendliche Boxen im Studio und das Joggen in aller Herrgottsfrühe.

Das ungleiche Paar versteht sich zunehmend besser. Und der Fall, vor dem die beiden stehen - in einem Schlafwagenabteil des Nachtzugs aus Warschau findet sich ein Toter mit einer Schusswunde in der Brust -, wird von Lars Kraume sehr originell entwickelt. Das deutsch-polnische Drogenmilieu sieht sich durchleuchtet. Die posttraumatischen Heimsuchungen wie kriminelle Verstrickungen ehemaliger Afghanistan-Soldaten geraten ins Visier, was auf einer zweiten Ebene den Bundeswehroffizier Thomsen (Benno Fürmann) und dessen Feldjäger ins Spiel bringt.

Tatort © HR/Lars Kraume Vergrößern Ganz schön fit: Conny Mey (Nina Kunzendorf) beim morgendlichen Joggen am Main

Für Conny Mey hat die Zusammenarbeit zunächst fatale Folgen - ein Elektroschocker streckt sie nieder. Aber die Liebesnacht mit Thomsen, die ihr das Drehbuch danach gönnt, lohnt jedes Berufsrisiko, zumal die Bettszene, welch eine Rarität, sehr ungewöhnlich und überaus witzig vonstattengeht. Die Kamera von Armin Alker liefert zu alldem stadtskulpturale Bilder des nächtlichen Frankfurt, die durch eine ganz unbayerische Blauweißaura bestechen.

Hochgeschwinigkeitsblutspritzer

Der Höhepunkt dieses „Tatorts“ aber ist die Rekonstruktion des möglichen Tathergangs, die der analytisch brillante Steier und die phantasievoll perfekte Mey im Schlafabteil des Nachtzugs vornehmen. Viel Zeit lässt sich die Regie dafür - sie folgt variantenreich jener wahren Begebenheit, die der reale Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann im vergangenen Jahr in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen“ minutiös geschildert hat. Für Studenten an Filmhochschulen kann Lars Kraumes hochintelligenter Transfer von Tatsachenmaterial in filmische Fiktion künftig ein ebenso vergnügliches wie erhellendes Lehrstück abgeben - unvergesslich für den Laienkriminalisten in uns allen wird vor allem die stupende Aussagekraft von „Hochgeschwindigkeitsblutspritzern“ am Abteilfenster bleiben.

Es ist vieles sehr gut in diesem „Tatort“. Zu gut vielleicht. Mit jedem neuen und präzise ermittelten Detail vergrößert sich das moralische Dilemma der Kommissare Steier und Mey. Also nehmen sie die Sache selbst in die Hand, indem sie das Ergebnis des Showdowns zwischen Feldjägern und Drogendealern für ihre guten Sozialzwecke nutzen und zurechtinterpretieren. Dass sie ihrerseits zu Unterschlagung und Versicherungsbetrug greifen müssen, führt zwar zum gewünschten Ergebnis, dürfte in die Geschichte des „Tatorts“ aber als wohl singulärer Fall einer erheblichen Straftat durch die Strafverfolger eingehen - und zwar vor unser aller Augen. Ob der Staatsanwalt doch noch übernimmt?

Der „Tatort: Der Tote im Nachtzug“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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