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Tatort „Brandmal“ : Hier bin ich Rom, hier darf ich's sein

Der Kommissar und das Mädchen: Ballauf (Klaus J. Behrendt) redet der jungen Lutvija (ganz und gar hervorragend: Muriel Wimmer) ins Gewissen Bild: WDR/Uwe Stratmann

Diesen Film wollte der Zentralrat der Sinti und Roma verhindern, weil er Vorurteile schüre. Der Vorwurf ist grotesk - und maßlos dumm. Denn der „Tatort. Brandmal“ ist ein braves Lehrstück in Sachen political correctness.

          Da hat Romani Rose etwas gründlich missverstanden. Einen diskriminierenden Film will er in dem neuen WDR-“Tatort“ mit dem Titel „Brandmal“ erkennen, der am Sonntag im Ersten läuft. Mehr noch. Er halte den Film „für gefährlich, weil dort die Stigmata und negativen Klischees über die Roma- und Sinti-Minderheit bestätigt werden, für die es nach dem Holocaust und der Nazipropaganda immer noch einen besonders fruchtbaren Boden in unserer Gesellschaft gibt.“ Das schrieb Rose der WDR-Intendantin Monika Piel vor zwei Wochen. Wer den Film gesehen hat, von dem hier die Rede ist, kann darob nur den Kopf schütteln. Der Vorwurf ist grotesk. Ginge es um eine persönliche Auseinandersetzung, müsste man von einem Rufmord sprechen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der WDR hat die Vorwürfe vorab in ruhigem Ton zurückgewiesen. Man habe Verständnis für die Sorge des Zentralrats, erklärte die WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff, doch sei man überzeugt, dass der Film „mit der Problematik sehr differenziert“ umgehe.

          In guter Absicht maßlos übertrieben

          Er tut viel mehr als das. Er meint es gut und ist das glatte Gegenteil dessen, was Rose sieht. Denn hier werden Roma eben nicht als „kriminell, grausam und schmutzig“ dargestellt, sondern als Menschen, die sich in einer bedrängten Lage befinden und denen es nicht leichtfällt oder nicht leichtgemacht wird, sich zu integrieren. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er es mit der guten Absicht, die in jeder einzelnen Szene aufscheint, maßlos übertreibt. Und deshalb ist dies leider auch kein guter „Tatort“, die hehre Botschaft bestimmt die Zeichnung der Figuren, die Dialoge und die Dramaturgie. Nur ganz zum Schluss löst der Film mit einer schönen Pointe die Klischees auf, die er neunzig Minuten lang lähmend und hölzern bekämpft. Und nur diese Pointe kann einen mit dem Film wieder versöhnen.

          In gewohnt bräsigem Dauergeplänkel lösen Ballauf und Schenk (Dietmar Bär) den Fall

          Im Keller eines Kölner Mietshauses ist ein Brand gelegt worden, in der Wohnung darüber stirbt eine junge Frau an einer Rauchvergiftung. Eine Tatverdächtige ist schnell gefunden: Die junge Lutvija Demiri (Muriel Wimmer), die gleich nebenan in einem Aufnahmeheim wohnt. Sie schwänzt die Schule, stiehlt und hat dem Ladenbesitzer Langer (Bernd Michael Lade) nach dem letzten Diebstahl gedroht, sie werde sein Haus anzünden - das Haus, in dessen Keller es brannte. Doch es gibt noch mehr Verdächtige: den Freund der Toten, der von einem neuen Nebenbuhler, von dem die Frau schwanger war, nichts wusste; der überschuldete Ladenbesitzer Langer; der Kneipier und Chef einer Bürgerinitiative, die sich gegen das Flüchtlingsheim richtet; dessen bezahlter Schläger und schließlich der große Unbekannte - der Liebhaber der Frau, die im Feuer starb.

          Eine maßlos dumme Kritik

          Die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) beschäftigen sich mit diesem Fall in der ihnen eigenen, von Dauergeplänkel begleiteten bräsigen Art, wie man sie kennt und bei der man sich nur noch wundert, dass sie überhaupt je zu einer Lösung kommen. Ein Krimi ist der „Tatort“ aus Köln nur in Ausnahmefällen, und eine solche Ausnahme sehen wir an diesem Sonntag nicht. Wir sehen vielmehr einen Film, den der Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer mit viel zu vielen erklärenden Passagen durchsetzt hat, in denen in gestanzter Rede Klischees aufgedröselt werden, die es über Roma und Sinti geben mag. Zum Glück gibt es noch den von Christoph Bach nüchtern unterspielten Kiez-Kommissar Mario Klemper, von dem sich im Laufe der Geschichte herausstellt, dass er selbst ein Rom ist. Und Rom, so lernen wir, heißt nichts anderes als - Mensch.

          Die maßlose Dummheit der Kritik des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma an diesem Film unterstreicht der Umstand, dass sie auf einer Anregung von Rudolf Sarközi beruht. Sarközi ist Gemeindepolitiker der SPÖ in Wien und Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma, geboren im Konzentrationslager Lackenbach. Bei der Verleihung des Civis-Preises, des europäischen Medienpreises für Integration, traf er im Dezember 2004 den Schauspieler Klaus J. Behrendt und den WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke und regte an, das Thema der Roma doch einmal in einem „Tatort“ aufzugreifen. Und so geschah es.

          Es gab in der jüngsten Vergangenheit eine Minderheit, die nicht ganz zu Unrecht Kritik an einem „Tatort“ übte. Damals ging es um die NDR-Episode „Wem Ehre gebührt“, die ein Verbrechen in einer alevitischen Familie thematisierte. Dass der Inzest, um den es hier ging, ein Vorurteil ist, ob dessen die Aleviten seit Jahrhunderten verfolgt werden, das war in diesem Fall ein triftiger Einwand, der allerdings im Zuge übertriebener Proteste, die in einen Demonstrationszug mündeten, politisch missbraucht wurde. In diesem Fall, dem Film „Brandmal“, ist die versuchte Instrumentalisierung noch viel eklatanter. Sie zeigt aber zugleich, welche Bedeutung dem dieser Tage gescholtenen Fernsehen zukommt.

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