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„Tatort“ aus Ludwigshafen : Zeig mir deine Narben, Kleiner

Mit dieser Narbe kreuzt Lu Wolff plötzlich im Leben der Kommissarin auf. Um ihre Herkunft macht er ein Geheimnis. Bild: SWR/Alexander Kluge

Wie stets prägt bittere Melancholie die Miene der Kommissarin. Doch könnte es sein, dass sie sich verliebt, in den Falschen natürlich? Ulrike Folkerts und Jürgen Vogel spielen im „Tatort“ groß auf.

          Das ist mal wirklich mehr als Routine. Dieser „Tatort“ aus Ludwigshafen (Regie: Jobst Christian Oetzmann) ist fast ein richtiger Film, altertümlich-grobkörnig, wenn’s dunkel wird. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) profiliert sich diesmal nicht über Meinungen und allgemeine Gutmenschlichkeit, sondern über eine bittere Melancholie, die ihr ins Gesicht geschrieben steht und die einen Anlass kaum noch braucht. Lachen kann sie eigentlich nicht. Gefunden wird eine Leiche, „irgendwas Ost-Mafiöses“, so ein Sergej oder Sascha, weiß der Mann von der Spurensicherung. Der Tote, ein Auftragskiller, war 1999 in den Mord an einem Chemiker verwickelt. Auftragsmorde setzen einen Auftraggeber voraus. Beim Fachbereich Chemie liegen Drogen nahe.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber die Suche nach dem Auftraggeber von damals und dem aktuellen Täter bildet nur den nötigen Hintergrund für ein ganz anderes psychologisches Drama, das sich nun entfaltet. In der Nähe des Tatorts sieht Lena Odenthal einen Mann, durch eine große Gesichtsnarbe gezeichnet, der dann immer wieder auftaucht. Es ist Lu (was für ein schöner Gangstername!) Wolff, und Jürgen Vogel ist schlechthin die Idealbesetzung für einen solchen mit allen Fasern seiner Persönlichkeit kriminellen und dabei rätselhaft faszinierenden Mann. Verfällt ihm die Kommissarin, oder setzt sie das, was da spürbar wird, strategisch ein, um ihn zu überführen oder ihn besser auszuhorchen? So viel kann man sagen: Die beiden erkennen einander, so tief, wie sie wohl noch nie erkannt wurden.

          Johanna Stern (Lisa Bitter) muss auf dem Dach eines Kaufhauses beim Nachstellen der Tat als Opfer herhalten. Bilderstrecke
          Johanna Stern (Lisa Bitter) muss auf dem Dach eines Kaufhauses beim Nachstellen der Tat als Opfer herhalten. :

          Der Film ist voll subtiler Komik, auch Tragikomik. Zu danken ist das dem Drehbuch von Dagmar Gabler. Zu den komischen Obertönen gehören alle Szenen, in denen Lena Odenthal die junge Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) an- oder hinter ihr hergiftet („Pest und Cholera!“). Johanna Stern macht alles mit dem iPad, sie geht die Wege der Tat nach (nicht ganz erfolglos), dann rekonstruiert sie die Szene und sagt, als mutmaßlich der Schuss fiel, „peng, peng“. Mit sicherem Instinkt bemerkt Johanna Stern auch schnell das unprotokollarische Verhalten, das Lena Odenthal gegenüber Lu an den Tag legt. Aber niemals wird die polizeiinterne Komik zur Hauptsache, selbst ein persönliches Gespräch zwischen Lena Odenthal und ihrem Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) bleibt in einer schönen Beiläufigkeit. „Tatort“-Kommissare haben halt auch Krisen, und das war’s dann schon.

          Auffallend viele Burka-Trägerinnen müssen beim Casting für die Statisterie vorgesprochen haben, sie bevölkern die Straßen als stumme Macht im Hintergrund. Was, wenn sie einmal zu sprechen beginnen? Werden sie verhandeln? Auch der Film weiß es nicht. Bei der Beschattung eines Verdächtigen kann man sich jedenfalls hinter so einem unförmigen Kleidungsstück schon mal verstecken. Tragikomisch auch: Der nach einem Schuss von 1999 schwerbehinderte Michi (glänzend: Hendrik Heutmann) kann, wenn die Polizei ihn im Pflegeheim befragen will, seine Beschädigung so übertreiben, dass die Fragenden resigniert aufgeben. Seine Pflegerin telefoniert auf dem Handy, während sie ihm ziemlich ruppig das Essen einlöffelt. So werden wir durch alle nur denkbaren Milieus geleitet: durch die Industrielandschaft, die Oberschicht, die der Motorrad- und Lederleute, die von Migranten bevölkerte Straße, das Bordell. Charlotte, die Madame von damals, ist in die Jahre gekommen, und wie schön war die Idee, ihre Rolle mit Ingrid van Bergen zu besetzen. Auch für den Chemie-Firmenvorstand Köhler hätte man kaum ein besseres Gesicht als das von Jürg Löw finden können. So weit oben: das ist die elegante Ruhe selbst. Hohes Einkommen, edel gedämpfte Gefühle.

          Exzellent schließlich die schnittige Musik, für die Dieter Schleip verantwortlich zeichnet. Das Ende – man sollte unbedingt durchhalten! – ist überraschend, es ist blutig und auf ungemein schöne Weise traurig.

          Fernsehtrailer : „Lu“ & „Der Irre Iwan“

          Tatort. LU, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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