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Tatort aus Köln: Fette Hunde : Von Gejagten und Versehrten

Auf dem Sprung, auf der Jagd: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hat es mit Drogenkurieren und deren Mördern zu tun Bild: Erik Lee Steingroever/WDR

Ein sehenswerter Kölner Tatort bringt den Afghanistan-Konflikt nach Deutschland. Mit Belehrungen hält er sich angenehm zurück, zugunsten einer ungeahnt dichten filmischen Atmosphäre.

          Mancher hätte dem Kölner „Tatort“ mit seiner inzwischen etwas ausgeleierten Beziehung zwischen Max Ballauf und Freddy Schenk eine solche Intensität nicht mehr zugetraut. Es wird auch gar nicht viel geredet. Dafür ist die Musikauswahl sehr gut, sie hebt die Kontraste der Szenen und Welten hervor; Afghanistan dort und Deutschland hier. Die angegriffenen Kriegsheimkehrer, die besorgten Mütter und Frauen und die besserwissenden Söhne. Die dubiose Kumpelei der Heimkehrer. Das afghanische Geschwisterpaar Milad und Amina Rahimi (Reza Brojerdi und Maryam Zaree). Die Ausgelassenen, die Gejagten und die Versehrten.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Vor allem die Darstellerin der Amina, die mit ihren großen Augen so wunderbar überzeugend das gehetzte und am Ende auch betrogene Rehlein gibt, trägt zur Atmosphäre bei - dann aber auch Wanja Mues in der Rolle des kriegsbeschädigten Matthias Jahn; einen Arm hat er verloren, aber die Gewaltbereitschaft kommt ihm noch aus allen Poren. Selbst dann, wenn er seine sehr angeschickerte Mutter Huckepack ins Bett wirft. Es ist ein schöner Kunstgriff, dass das Wort „Trauma“ kein einziges Mal fällt, obwohl der heimkehrende Dolmetscher Sebastian Brandt (hervorragend dargestellt von Roeland Wiesnekker) plötzlich die Begrüßung durch seinen Hund nicht mehr erträgt und erst langsam einleuchtet, was er erlebt hat und warum das treue Haustier ihm so unwillkommen ist. Wie überhaupt der sonst tatortübliche Bekenntnis- und Probleme-Thematisierungsdrang wohltuend zurücktritt. Lehrvorträge sind nicht zu befürchten.

          Ein Blick auf Köln als fremde Stadt

          Stattdessen sprechen die Szenen und die Gesichter und die Blicke. Am Anfang sieht man Menschen, Frauen vor allem, hinter einem Glasfenster, und sie sehen aus wie Leute, die gerade Zeugen einer Wundererscheinung werden. Eine weint. Und dann wird klar, dass sie am Flughafen die Maschine aus Afghanistan erwarten. Nun schiebt sich eine zweite Handlung ein. Das afghanische Geschwisterpaar sehen wir im Zug von Frankfurt nach Köln, auch sie sind erst vor zwei Tagen angekommen.

          Diesmal ohne Currywurst: Freddy Schenk (Dietmar Bär) bleibt bei Kaffee

          Mit ihnen beginnt nun der eigentliche Fall; der Bruder bricht im Zug zusammen, die Schwester zieht die Notbremse und beide entkommen erst einmal dem Schaffner, aber nicht den gefährlicheren Jägern. Drogenkuriere sind sie beide, bei ihm hat die Magensäure ein Kondom aufgelöst, das er verschluckt hatte, darin war das Heroin. Milad wird von einem Killer förmlich liquidiert. Das Rehlein irrt fliehend durch Köln und schläft in einem Hausflur, und sehr geschickt passt sich die Kamera ihrer Perspektive auf die fremde Stadt an.

          Mit viel Wehmut

          Tatort“-üblicher ist es, und vielleicht inzwischen unvermeidlich, dass Ballauf und Schenk ausgerechnet Sebastian Brandts Ehefrau Lissy kennen, sie waren früher Kollegen. Üblicher noch, dass die lange Beziehung Schenk-Ballauf auch diesmal wieder einen etwas albernen homoerotischen Akzent kriegen soll, zum Glück dauert es nicht länger als eine Minute. Ansonsten aber hat der Film des Regisseurs Andreas Kleinert und des Drehbuchautors André Georgi manchmal fast die Qualität guter alter Italo-Western.

          Zusammenhänge zwischen dem Geschwisterpaar und der Truppe gab es - auch Amina war als Dolmetscherin im Lager - aber auch zu der zweifelhaften Stiftung „Pro Afghanistan“ eines gewissen Rüther, der die Flugscheine bezahlt hatte. Schließlich erfreut eine dritte Nebenhandlung: Franziska, die Kollegin von Ballauf und Schenk, macht sich für ein Rendezvous nun wirklich sehr schick; es wird zwar kein Erfolg, aber am Ende kommt auch sie mit einem kleinen Wunder zu ihrem Recht. Das ist dann ganz besonders schön. Denn Wehmut gibt es ansonsten gerade am Schluss genug; der Film kehrt in einer Kreisbewegung zum Schauplatz der ersten Szene zurück. Sehenswert.

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