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„Tatort“ aus Dresden : Wozu Menschen fähig sind

Auch der Regen bringt keine Erlösung: Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) beobachtet die Bergungsboote der Polizei. Bild: MDR/Wiedemann

Abgründe, soweit das Auge reicht: Im Dresdner „Tatort: Déjà-vu“ geht es um ein Verbrechen an einem Kind. Das treibt den Chefermittler in die Verzweiflung.

          Dieser „Tatort“ ist eine Zumutung. Der Film des Regisseurs Dustin Loose kreist um den Missbrauch und den Mord an einem minderjährigen Jungen. Die unerbittliche Hitze eines Elbtal-Sommers und die Schwere des Falls treiben alle Beteiligten von der ersten Minute an zum Äußersten. Als wolle sich der Film als Vorbote eines gesellschaftlichen Klimawandels andienen: Die Temperatur im Inneren der Menschen steigt stetig, während sie nach außen hin immer kälter werden. Sie vergessen, wer ihnen nahe stand.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Oberkommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) erfahren auf der Wache von dem vermissten Jungen namens Rico. Ihr Chef, Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), ist angefasst. Auf ihm lastet ein ähnlicher Fall, den er vor Jahren nicht abschließen konnte. Doch Sieland, die in diesem „Tatort“ von der Wortwahl bis zum Gang überzogen burschikos auftreten muss, befindet leichtfertig: „Der taucht schon wieder auf.“ Wenig später wird der Leichnam des Jungen aus der Elbe geborgen. Die Kamera von Clemens Baumeister erspart uns den Anblick nicht. Auch die Kommissarinnen erwischt es kalt. In einiger Entfernung johlen ein paar Gaffer und knipsen das Geschehen mit ihren Handys. „Wie sind die Leute nur so krank geworden?“, fragt Sieland. „Die waren schon immer so“, entgegnet Gorniak, „nur gab es früher keine Smartphones“. Wenig später sitzen die Beamten in der Wohnung der Eltern des Jungen. Schon diese Szenen zwischen Nachbetreuung und Befragung durch die überforderten Beamten verlangen den Schauspielern der Eltern – Franziska Hartmann und Jörg Malchow als Sandra und Stefan Krüger – Höchstleistungen ab.

          Fassungslos: Karin Hanczewski, Martin Brambach und Alwara Höfels (von links) als Dresdner „Tatort“-Kommissare.

          Eine verlässliche Spur hat das Team der Kripo Dresden lange nicht – da kann ihr Leiter Schnabel noch so sehr aus der Haut fahren. Der Zuschauer allerdings weiß mehr, denn die Geschichte der Autoren Mark Monheim und Stephan Wagner verrät früh, wer dem Jungen nachgestellt hat: René Zernitz (Benjamin Lille) lebt die meiste Zeit bei seiner Freundin Jennifer Wolf (Alice Dywer). Der Film erzählt von der Tat zunächst nur in Andeutungen. Die Handlung wechselt zwischen den beiden Strängen hin und her. Und während die Polizisten stetig, vor allem durch die Presse, unter Druck geraten, hadert der Täter mit sich selbst. Doch schon kursieren falsche Verdächtigungen: Ricos Schwimmtrainer, Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt), gerät auf einen anonymen Tipp hin unter Verdacht und wird gejagt. Sein Auto geht in Flammen auf. Er ist quasi vogelfrei: „Das Monster von der Elbe“, lautet eine Schlagzeile.