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„Tatort“ aus Dortmund : Getrieben vom täglichen Wahnsinn

  • -Aktualisiert am

Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel, links) mit dem IT-Experten des SEK: Mikey (Tino Mewes) ist dem Attentäter auf der Spur. Bild: WDR/Frank Dicks

„Sturm“, der zehnte Dortmunder „Tatort“, macht den islamistischen Terror zum Thema. Einmal ist er deshalb schon verschoben worden. Nun läuft er – mit aller Gewalt, ohne viel zu deuten.

          Statt am Neujahrstag wird „Sturm“, der zehnte „Tatort“ aus Dortmund, nun an diesem Ostermontag gezeigt. Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags von Berlin, bei dem der Attentäter einen Lastwagen in die Besuchermenge auf einem Weihnachtsmarkt unweit der Gedächtniskirche steuerte, wurde der Film zur Jahreswende verschoben. Wer ihn gesehen hat, versteht die Entscheidung. Nicht, dass Terror im Namen des sogenannten „Islamischen Staates“ in diesem „Tatort“ eine Rolle spielt, dürfte ausschlaggebend gewesen sein. Auch andere Fernsehkrimis, auch „Tatorte“, haben sich schon mit dem Thema befasst. Vor kurzem erst zeigten die Schweizer einen „Tatort“ auf der Spur eines in Luzern untergetauchten tschetschenischen Islamisten.

          Ist der Zeitpunkt der Ausstrahlung nun angemessener? Nach Berlin gab es London, es gab Stockholm. In der vergangenen Woche detonierten in Dortmund die Sprengsätze, die den Mannschaftsbus des BVB schwer beschädigten. Ein Begleitpolizist und der Spieler Marc Bartra wurden verletzt. Ob wirklich Islamisten hinter dem Attentat auf den Fußballverein stehen, dessen gesellschaftlich integrierende Funktion für die Ruhrpottstadt in Deutschland ihresgleichen sucht, ist trotz Bekennerschreiben unklar.

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          Realitätsnähe galt stets als Markenzeichen manch aktueller Krimiproduktionen. Denn nicht jedem gefällt Komik und Klamauk, und nicht alle finden die Konzentration auf Psychoprobleme der Kommissare attraktiv. Für Letzteres allerdings stand bislang der Dortmund-„Tatort“, insbesondere die Figur des Ermittlers Faber (Jörg Hartmann), einer Borderline-Persönlichkeit, der immer wieder von Todessehnsucht heimgesucht wird. Um es vorwegzunehmen: Für Kommissarpsychologie hat „Sturm“ keine Zeit. Fast in Echtzeit erzählt, trennt er seine vier Ermittler gleich zu Beginn. Jeder erhält seine dramaturgische Funktion, jeder folgt seiner Spur, bevor es kurz vor Schluss unmittelbar an der U-Bahn-Station Dortmund-Mitte zu der Szene kommt, die auch mit Distanz zum Berliner Terroranschlag aufwühlend und anstößig wirkt.

          Hier, in der Fiktion, sind es nur wenige kaum zu ertragende, aber nicht nur wegen der Parallelen zu den realen Ereignissen dieser Tage obszöne Bilder. Wichtige Bilder sind es nur im Kontext von Dramaturgie und Montage (Buch Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler, exzellenter Schnitt von Knut Hake). Sie wurden für die Ausstrahlung nicht entfernt. Ein Kleintransporter fährt auf eine Menschenmenge zu. Darin sitzen zwei selbsternannte Gotteskrieger, die auf der Flucht sind, und ihre Geisel. Diese Bilder sind starker Tobak, zumal der Zuschauer das Geschehen quasi durch die Augen des Attentäters sieht.

          Soll die Bank gestürmt werden oder gelingt es Kollege Faber, die Situation alleine zu lösen? Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) und der Leiter des SEK, Günsay (Ercan Karacayli) sind sich nicht einig.

          Man täte diesem ersten wirklich gelungenen und in seiner Bildsprache insgesamt außergewöhnlichen „Tatort“ aus Dortmund unrecht, wollte man ihn nur auf diese Sequenzen reduzieren. Die Story ist stark und spannend erzählt (Regie Richard Huber), Anna Schudt bekommt als Kommissarin Martina Bönisch Gelegenheit, Führungsqualitäten zu beweisen: Sie hält alle Verbindungsfäden der einzelnen Ermittlungsstränge in der Hand. Denn ausgerechnet Peter Faber schließt sich mit einem nervösen Fast-Selbstmordattentäter zum verbalen Duell ein, um ihn fast neunzig Minuten lang zum Aufgeben zu bewegen. Daniel Kossik (Stefan Konarske, dessen „Tatort“-Ausstieg schon vor einiger Zeit bekannt gegeben wurde) gerät beim Versuch einer Geiselbefreiung ins Visier der skrupellosen IS-Konvertiten, und Nora Dalay (Aylin Tezel) hat nicht nur einmal mit den Tränen zu kämpfen.

          Schon der Anfang von „Sturm“ ist fiktional rasant. Zwei Streifenpolizisten werden um vier Uhr morgens in der Innenstadt erschossen. In der Nähe des Tatorts entdeckt Faber in den Räumen einer Privatbank einen Mann, der eine Überweisung nach der anderen in das Computerterminal hackt. Es ist Muhammad Hövermann (Felix Vörtler), seit seiner zweiten Heirat mit der geflüchteten Syrerin Hanifah (Dorkah Gryllus) zum Islam konvertiert. Hövermann trägt einen Sprengstoffgürtel, hat die Hand am Auslöser. Im Laufe dieser Nacht und am folgenden Tag klären sich Ausmaß und Tragik des Falls (Lars Beckers „Nachtschicht“ lässt grüßen). Weitere Personen werden ermittelt, verfolgt und eingekreist. Einige werden den Tag nicht überleben. „Sturm“ ist schnell, direkt und brutal. Der Film interessiert sich nirgends für die Motive der Terroristen oder ihren Weg der Radikalisierung. Er zeigt lediglich die mörderischen Auswirkungen. Man kam ihm an keiner Stelle falsches Verständnis vorwerfen. Bleibt die eine verstörende Szene, in der wir mit den Augen des Attentäters sehen.

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