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„Tatort“ am Sonntag Am Bodensee fallen die Lebensträume ins Wasser

Doppelte Böden, so weit das Auge reicht: Der „Tatort. Die schöne Mona ist tot“ zeigt, wie gut ein Krimi sein kann.

© SWR Mona (Silke Bodenbender), die titelgebende „Schöne“, verliert die Kontrolle.

Acht Minuten. So lange war für Fritz Schönborn (Ronald Zehrfeld) die Tür offen zur großen Fußballerkarriere. Damals. Mit seinem eins zu null hatte er Wolfsheim im Pokal gegen den VfB Stuttgart in Führung gebracht. Eine Führung, die genau acht Minuten Bestand hatte. Danach schoss Stuttgart dreizehn Tore, die Tür schlug zu. Fritz Schönborns Tor bezeugt nur noch der goldene Fußballschuh auf dem Tresen des Sportlerheims. Was Schönborn blieb, waren verblassender Lokalruhm, das Dümpeln als vermeintliches Finanzgenie, welches Unbedarften isländische Anleihen verkaufte, und die Rolle des Dorfcasanovas. Außerdem ein unverputztes Haus, eine glanzlose Ehe mit der reizlosen Birgit (Anne Weinknecht), das Töchterchen und Rum-Cola bis zum Abwinken im Vereinsheim. Antriebslosigkeit, wohin man schaut.

Ein einziger Moment war da noch, in dem das Blatt sich hätte wenden können. Hätte, wäre, sollte. Wie für Schönborn ging auch für den grobschlächtigen Fleischer Stefan Mader (Tristan Seith), Bruder der toten Mona, und viele andere im Dorf die Hoffnung auf viel Geld verloren, als ihre Grundstücke direkt am See, Bauerwartungsland bis dahin, wertlos wurden. Wobei ausgerechnet Monas im Dorf verhasster Ehemann, Christian Seitz (Sylvester Groth), den Bericht über die Umwidmung des Landes in Naturschutzgebiet veröffentlichte. Dank des brütenden Silberreihers gab es Millionenverluste oder eher: real empfundene Verluste potentieller Reichtümer allerorten. Erwartungen perdu.

Von großen Erwartungen

Aber auch Seitz’ Hoffnungen hatten sich, obwohl er mit der schönen Mona einen unverbaubaren Bodensee-Blick genießt, nicht erfüllt. Nur wegen Mona war er, der ironische Feingeist und intellektuelle Snob, nach Wolfsheim gezogen. Während sie im Vereinsheim Polonaise tanzte (nicht das Tanzen, sondern die „Löcher aus dem Käse“-Polonaise sei für ihn „ein Mordmotiv“, wie er später Klara Blum sagt), kochte er asiatisch, hörte Beethoven und trank Bordeaux, allein. Bei der Zeitung angetreten, die Redaktion umzukrempeln, landete er, früher Kriegsfotograf in Tschetschenien und Asien-Kenner von Rang, an den großen Zusammenhängen interessiert, im Lokalen und bei den örtlichen Kaninchenzüchtervereinen. Wegen der schönen Mona. Die auch ihre Erwartungen hatte. Wegzugehen mit Fritz, neu anzufangen. Geld hatte sie ihm gegeben, viel Geld. Das Geld ist futsch, als sie es zurückhaben will. Und Mona (Silke Bodenbender), mit dem Auto von der Straße in den Abgrund gedrängt, wenig später tot. Ihre Leiche bleibt verschwunden.

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Von illusionären „großen Erwartungen“ im Sinne von Charles Dickens und deren Scheitern handelt der neue, richtig gute „Tatort“ vom Bodensee. Von Beziehungen, Lebensplänen, die sich in Luft aufgelöst haben, von kleinen und großen Enttäuschungen, Selbsttäuschungen und Verletzungen. Man kann das auch Kontingenzerfahrung nennen, was hier vorgeführt wird.

Mehr als Scherz und Ironie

“Die schöne Mona ist tot“ ist dabei immer noch ein Krimi, in dem der Mord an der Vielbegehrten und dessen Aufklärung im Mittelpunkt stehen, aber er hat durchweg einen doppelten Boden. Nicht zuletzt spielt er mit den Erwartungen, die der Zuschauer ans Genre hat. Souverän geben das Drehbuch von Wolfgang Stauch und die Regie von Ed Herzog Silke Bodenbender, Ronald Zehrfeld und Sylvester Groth Gelegenheit, aus dem Sonntagabend-Krimi einen aufregenden Fernsehfilm zu machen.

Einen Film, in dem die Kommissare Perlmann (Sebastian Bezzel) und Blum (Eva Mattes) ermitteln, so wie in deutschen Krimis eben üblich, Indiz auf Indiz und Motiv auf Motiv häufend, aber eben nur fast so. Auch ihr Tun hat einen doppelten Boden. Zwei Hauptverdächtige, Seitz und Schönborn, gibt es. Wer war’s? Fein säuberlich präpariert Klara Blum jedem seine Mordmotive heraus, unterstellt Verständnis, ja, Mitgefühl, um sie zum Geständnis zu bewegen. Jeder der beiden hatte Grund genug, Mona zu töten, ermuntert Blum. Man muss es ihr nur sagen. Doch das Geständnis lässt auf sich warten. Und auch die Leiche muss so lange verschwunden bleiben, bis dieser „Tatort“ unter Beweis gestellt hat, dass er tiefere Bedeutung anstrebt als Scherz und Ironie, die dem Genre als Differenzierungsmerkmal noch zur Verfügung zu stehen scheinen. „Die schöne Mona ist tot“ ist endlich wieder ein Grund, den „Tatort“ einzuschalten.

Der Tatort. Die schöne Mona ist tot läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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