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Tatort „Am Ende des Flurs“ : Für die Freunde der großen Oper

Da schimmert was von „Kir Royal“: Franz Xaver Kroetz und Fanny Risberg (links) spielen eine Liaison mit bösem Ende Bild: Denise Vernillo

Beim Münchner „Tatort“ ist was los: Die Kommissare erinnern an lässige Zeiten und Franz Xaver Kroetz brilliert als bajuwarischer Lebemann. Außerdem kommt ständig ein neuer Kollege um die Ecke.

          Wer einem uns seit 23 Jahren vertrauten Ermittlerpaar auf einen Schlag drei neue Figuren an die Seite stellt, der hat mehr vor, als nur einen ungewöhnlichen „Tatort“ zu inszenieren. Max Färberböck, renommierter Regisseur in Fernsehen und Kino („Aimée und Jaguar“), hat bei seinem späten Debüt in der erfolgreichsten deutschen Krimireihe gemeinsam mit Catharina Schuchmann auch gleich das Drehbuch geschrieben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Am Ende des Flurs“ heißt die Episode, die den beiden in Schrecken und Ehren ergrauten Münchner Kommissaren Franz Leitmayr und Ivo Batic (gespielt von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) jüngere Helfer beschert: den milchbärtigen Assistenten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), die resolute Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner) und den aus Salzburg seiner Opernliebe wegen nach München übergesiedelten Pathologen Steinbrecher (Robert Joseph Bartl), auf dessen Vornamen wir noch etwas warten müssen.

          Polizistengeliebte und Edelprostituierte

          Letzteren Herrn kann man beruflich wie geschmacklich leicht als Figurendiebstahl in Münster abtun, wo Jan Josef Liefers als arrogant-feingeistiger Gerichtsmediziner neben Alex Prahl agiert und dafür gesorgt hat, dass der WDR nach den legendären Schimanski-Folgen längst wieder die beliebtesten „Tatort“-Stücke produziert.

          Doch so etwas lässt den Bayerischen Rundfunk nicht ruhen, zumal Nemec und Wachtveitl mit mehr als sechzig Einsätzen die Dienstältesten beim „Tatort“ sind. In ihrem neuesten Fall ermitteln sie indes bald nebeneinanderher, denn die bildschöne Frau, die am Morgen tot auf dem Pflaster vor einem fünfzehnstöckigen Hochhaus gefunden wird, erweist sich als frühere Geliebte von Kommissar Leitmayr, mit der es seiner Ansicht nach durchaus mehr hätte werden dürfen als die verflossenen anderthalb Jahre reinen Partnerschaftsglücks.

          Dass bei solch amouröser Verstrickung der Fall bei Leitmayr nicht in besten Händen ist, leuchtet ein, doch da er anfangs seine Beziehung zu jener Lisa Brenner, die nach der Trennung vom Kommissar ihr früheres Dasein als Edelprostituierte wiederaufgenommen hatte, verschweigt, wird er auch noch suspendiert. Sein Freund Batic versteht die Welt nicht mehr, während die Welt durchaus versteht, was sie mit Frau Brenner verloren hat. Nämlich das Gspusi der halben Stadt, das nun noch postum Ehen zerrüttet. Ein entsprechender Dialog gefällig? „Hoffentlich kriegst du irgendwann Aids!“, giftet die jahrelang betrogene Ehefrau den Gatten an. Der blafft zurück: „Aber anstecken werd’ ich dich nicht!“

          Neu im Team: Jungspund Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) muss zur Waffe greifen Bilderstrecke

          Dieser schlagfertige Frechdachs wird gespielt von Franz Xaver Kroetz, und allein ihm zuliebe lohnt schon das Zuschauen, obwohl sich seine Bildschirmzeit auf kaum zehn Minuten addiert. Kroetz hat seine Rolle eines reich verheirateten Hallodris als Mischung aus dem eigenen Baby Schimmerlos und dem gleichfalls durch „Kir Royal“ unsterblichen Generaldirektor Haffenloher, wie Mario Adorf ihn protzen ließ, angelegt, und so etwas wird man lange nicht wieder sehen. Wie überhaupt die Spielfreude der Akteure groß ist, gerade weil sie die Grenzen zum Klischee mehr als nur ausloten sollen.

          Was wird aus Leitmayr?

          Doch was für ein Glück, dass Färberböck dieses Ensemble hat, denn sein Drehbuch ist nicht nur deshalb etwas zu sehr auf „Blue Velvet“ getrimmt, weil das in David Lynchs Spielfilm sehr prominent präsente Lied „Love Letters“ hier noch exzessiver eingesetzt wird. Die Blicke in den Flur des todbringenden Hochhauses, bei dem Michael Wieswegs Kamera sich etwas zu manieriert an Zooms versucht, tragen eher zur Banalisierung des zu lösenden Rätsels bei – als Zuschauer wird man leider schon optisch zielgeleitet, wenn Batic und Leitmayr noch parallel im Nebel stochern.

          Doch der Anfang ist grandios, vor allem, wenn man schon weiß, dass Leitmayr das Opfer kennt. Denn dann wird seine somnambule Stimmung am Tatort zum schauspielerischen Kabinettstück. Ein großer Auftritt von Udo Wachtveitl, eines Ermittlers würdig, der uns ans Herz gewachsen ist und nun vielleicht herausgerissen werden soll. Denn wozu brauchte man denn gleich drei neue Kräfte in München, solange es dort das dynamische Duo gibt?

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