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„Tatort“ als Ideengeschichtsschreibung : Und Schimanski warf zwei rohe Eier ein

Die Leiber der Kommissare wurden leichter, ihre Dienstwagen schwerer und ihr Privatleben zum Problem: Warum man nicht Habermas lesen, sondern „Tatort“ schauen sollte, um die Ideengeschichte der Bundesrepublik zu studieren.

          Im Jahr 1992 kam die Hochschulgruppe der Duisburger Jungsozialisten auf eine ziemlich gut Idee. Sie schlug vor, die bis dahin namenlose Gesamthochschule Duisburg nicht wie vorgesehen nach Gerhard Mercator zu benennen, sondern Horst-Schimanski-Universität. Den hätte immerhin jeder gekannt. Es wurde aber nichts daraus, doch der Einfall als solcher zählt, denn er zeigt, dass es keinesfalls der Realismus ist, die dargestellte Wirklichkeit, was manche Leute sonntags um 20.14 Uhr den Hörer vom Telefon nehmen läßt, damit sie beim „Tatort“ nicht gestört werden.

          Sie wollen sich nicht informieren, wie die Bundesrepublik ist, sondern wie sie sein soll: Aufklärungsquote hundert Prozent, gut ausgestattete obzwar überlastete Beamte, Machos, die nahe am Wasser gebaut haben und - siehe Schimanski - de facto mehr verprügelt werden als verprügeln, ein überragender Frauenanteil im gehobenen Dienst, stabile Vorurteile zwischen Landsmannschaften, ungemütliche Helden.

          George warnte noch

          Für Leute, die es sich mit der Soziologie leicht machen, ist alles mögliche ein „Spiegel der Gesellschaft“: der Fußball, die Schulen, die Hip-Hop-Musik, die Eliten, die Bundeswehr oder das Tanztheater. Auch vom „Tatort“ ist das oft behauptet worden. Als Schimanski 1991 aufhörte, hieß es in dieser Zeitung sinngemäß, nach dem Niedergang der Sowjetunion verlasse nun der letzte proletarische Held die Serie (siehe auch: 1991: Horst Schimanski quittiert den Dienst am Tatort). „Oh, Vorsicht“, kommentierte allerdings kurz darauf Götz George die Reserven gegen jenen Namensvorschlag für die Duisburger Hochschule, „nichts gegen das Proletariat, das ist wieder stark im Kommen!“ Er hat Recht behalten.

          Ein Spiegel sind „Tatorte“ also nicht von dem, was ist, sondern von dem, wie wir das Land - und Österreich und eine zeitlang auch die trotz des fabelhaften Ermittlers Phillip von Burg (Lázló I. Kish und Ernst C. Sigrist) sinnlos dem „Tatort“ untreu geworden Schweiz - gerne hätten.

          Aussagekräftiger als Habermas

          Darum lassen sich an ihnen einige deutliche Trends des deutschen Normalitätsverständnisses ablesen. Das Durchschnittsgewicht der Kommissare hat - trotz Freddy Schenk (Dietmar Bär) als Kölner Kompensation mit Dortmunder Akzent für den großartigen Martin Lüttge in der Rolle des nachdenklichen Düsseldorfer Saunagängers Flemming - deutlich abgenommen. Und das, obwohl der essende oder sogar kochende Kommissar - man denke an den ständig futternden Moritz Eisner oder den saarländischen Genußmenschendarsteller Max Palu - inzwischen zu einer Pflichtsequenz geworden ist. Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass einer von zehn Fällen im gastronomischen Milieu spielt. Auch hier hatte Götz George als Schimanski vieles vorausgeahnt, als er bei seinem ersten Auftritt zwei rohe Eier aß, weil keine saubere Bratpfanne zur Hand war.

          Zugenommen haben dagegen die Dienstfahrzeuge an Gewicht und Pferdestärken sowie die Ausstattung der Ermittler mit fachfremden biografischen Accessoires. Das Beamtentum selber hat an Chic, um nicht zu sagen: an Erotik gewonnen. Die Krimi-Regel aus den klassischen Zeiten der Gattung, dass man den Kommissar aus erkenntnistheoretischen Gründen so weit wie möglich von Beziehungsfragen fernhalten soll - eben damit er die Beziehungsfragen klarer sieht, mit denen er sich ja zumeist als der beliebtesten Motivquelle fürs Töten befassen muss -, diese alte Regel ist lange aufgegeben. Manfred Krugs Kommissar Stöver war vielleicht der letzte vollsublimierte Ermittler, wozu aber auch er schon des Singens bedurfte.

          Wäre heute noch eine Folge wie „Reifezeugnis“ von 1977 (was waren das für Schulhofdiskussion damals über einige Aspekte von Fräulein Kinski!) denkbar, mit einem für die Zumutungen der Triebwelt (siehe auch: „Tatort: Reifezeugnis“ in der F.A.Z.-Kritik (1977)) völlig unempfänglichen Kommissar wie es Finke (Klaus Schwartzkopf) war? Finke sang nicht und war trotzdem ausgeglichen. Oder eine Frau wie Kommissarin Hanne Wiegand (Karin Anselm), die sich zum moralischen Exzess im Mord verhielt wie eine gütige Stadtteilbibliothekarin, wofür wir sie verehrt haben? Wer die Ideengeschichte der Bundesrepublik studieren will, sollte nicht Habermas lesen, sondern sich „Das Lederherz“ von 1981 anschauen.

          Privatleben als Verhaltensstörung

          Es war eine Zeit, als die Beamten noch einen Vorzug darin sahen, ihre Gedanken und ihren Lebensstil für sich behalten zu können. Den Lebensstil, den hatten die Opfer, vor allem aber die Täter. Seit Schimanski ist das anders, seitdem, so sagt uns jedenfalls unser trügliches Zeit- und Seriengefühl - so viele Wiederholungen, die wir nicht missen möchten, haben die gefühlte Chronologie durcheinander gebracht - sind wir heraus aus der Epoche, in der wir uns den Helden als Mitglied einer Organisation wünschten.

          Seitdem schauen uns Individuen mit und ohne Hornbrille an, die sich ein Privatleben leisten und abends öfters nicht zuhause sind. Ein wenig haben sich insofern die Kommissare vor das restliche Personal des „Tatorts“ geschoben; die erhöhte Frequenz der Serie führt zu einem Formproblem. Zu einem lösbaren. Man merkt das an den hinreißenden Beispielen zuweilen fast inaktiver Kommissare wie Borowski (Axel Milberg), die uns zeigen, dass das Privatleben eine Verhaltensstörung ist, oder an den Folgen des „Tatorts“, die nicht schrecklich oder lustig oder realistisch sind, sondern tieftraurig, so wie es als Figur der Epochenschwelle zweier Selbstbilder der Bundesrepublik auch Horst Schimanski war. Aus München und aus Berlin kommen derzeit ab und zu solche Fälle, die jeden Chics und jeden Abenteuers entbehren.

          Ein guter Freund hat einmal, als wir ihm einen „Tatort“ ans Herz legten, nachdem er ihn gesehen hatte, gespottet: Jetzt wisse er, dass wir eine Vorliebe für Langweile hätten. Das stimmte: Die Bewunderung für die Langmut im Herzen des Beamten, dem der Mord Aufregung genug ist, gehört zu den Lernprozessen, für die wir den besten „Tatorten“ dankbar sind. Und warum wir dann ausgerechnet Schimanski liebten? Weil wir damals jünger waren.

          Quelle: F.A.Z.

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