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Talkshows Aus fünf mach vier, aus vier mach drei

Die ARD diskutiert über die Frage, wie viele Talkshows sie eigentlich braucht. Außer Günther Jauch darf sich dabei wohl niemand seiner Sache sicher sein.

© dpa Vergrößern Das Talkshow-Moderatoren-Quintett im Ersten von links nach rechts: Frank Plasberg, Sandra Maischbereger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann

Reformen dauern bei der ARD stets etwas länger, schließlich haben wir es hier mit einem Rundfunkgebilde zu tun, das den Föderalismus der Bundesländer abbildet. Wer bei der ARD etwas bewegen will, kann also nicht früh genug anfangen, um schließlich irgendwann ans Ziel zu kommen. Irgendwann, das wäre in diesem Fall Ende 2013, denn dann laufen bei einigen der Betroffenen die Verträge aus. Und das Ziel wäre: weniger als die jetzt vorhandenen fünf Talkshows im Ersten, „höchstens vier“, also vielleicht auch nur drei. So steht es in einem Strategiepapier, das der Programmdirektor der ARD, Volker Herres, für die Intendanten verfasst hat.

Beim Publikum, schreibt Herres, kämen die Talkshows außerordentlich gut an, doch schränkten sie die Flexibilität der Programmplanung ein. Herres will die Zahl der Talkshows also nicht aufgrund etwaiger Probleme einzelner Sendungen reduzieren, es ist auch nicht davon auszugehen, dass er persönlich die Riege der Talkmaster dezimieren will. Er geht vielmehr auf eine Debatte ein, die in den ARD-Gremien längst läuft.

Herres gibt nichts vor, macht in seinem Papier aber Andeutungen: Besonders schwierig etwa sei der Sendeplatz von Reinhold Beckmann, der am Donnerstagabend erst sehr spät laufe und zudem gegen Maybrit Illner im ZDF senden müsse. Doch verfüge Beckmann mit seiner Sendung über ein ganz besonderes Profil, betont Herres. Das zeigt, dass der Programmdirektor insbesondere Beckmann nicht allein an Quoten messen und nicht von vornherein schwächen will.

Die Quote muss stimmen

Herres will generell nicht eine reine Quoten-, sondern auch eine Qualitätsdiskussion führen. In dieser könnte dann, wie er schreibt, auch eine Rolle spielen, ob die einzelnen Sendungen inzwischen zu einem klaren Profil gefunden haben und mit diesem je eigenen Beitrag etwas zu einem vielfältigen Gesamtangebot beisteuern. Neben einem „politischen Salon“ ginge es da um die harte Kontroverse, um die Sendung mit Service- und Lebenshilfethemen und um eine, die Persönlichkeiten herausstellt.

Anhand dieses Kriterienkatalogs könnte man nun herumraten, auf wen welche Zuschreibung passt und inwiefern Sandra Maischberger und Anne Will, Reinhold Beckmann, Günther Jauch und Frank Plasberg einen besonderen Beitrag leisten. Doch werden für die Chefredakteure und Intendanten auch andere Faktoren eine Rolle spielen, besonders für die Vertreter der beiden Sender, welche die Talkshows verantworten: Da trifft der NDR mit Beckmann, Jauch und Will auf den WDR mit Maischberger und Plasberg. Fein raus ist eigentlich nur Jauch, der bei der ARD irgendwie als gesetzt gilt, ganz gleich, wie gut oder wie mäßig er sich in Form zeigt. Bei ihm muss am Sonntagabend vor allem die Quote stimmen. Und die stimmt, sogar wenn seine Sendung missrät, die inhaltlich zerfahrene Ausgabe mit Manfred Kachelmann etwa sahen sich 5,6 Millionen Zuschauer an.

Illner will reden, Lanz quatschen

Abgesehen davon, schössen sich die Intendanten mit einer vorzeitigen Demission Jauchs selbst ins Bein: Nur weil sie ihn unbedingt wollten, ist es zu dem Talkshow-Überangebot überhaupt erst gekommen. Inwiefern man aber den eigenen Erfolg über die Quote definiert - nicht nur bei den Talkshows -, das ist die eigentliche Frage, um die sich die ARD kümmern sollte. Dieser Ansicht ist auch Volker Herres, wie man seinem Strategiepapier entnehmen kann. Er stellt die Grundsatzfrage, die man natürlich am besten geführt hätte, bevor man Jauch ins Boot holte. Die Debatte ist offen.

Da die Zielvorgabe „höchstens vier“ lautet, könnten am Ende sogar nur drei Talkrunden im Ersten bleiben. Die, das sollte man der ARD bei der anhaltenden Kritik an den Talkshows zugutehalten, immer noch mehr Vielfalt bieten als die Kollegen im Zweiten. Da kümmert sich Maybrit Illner als Solitärin zumeist sehr ertragreich und profund um das ernsthafte Fernsehgespräch. Ansonsten quatscht Markus Lanz beinahe allabendlich den Bildschirm voll.

Und vielleicht könnten die Intendanten ja auch endlich einmal beginnen, auf die inhaltliche Verfasstheit (nicht nur) der Talkshows zu schauen. Warum hat es zum Beispiel so lange gedauert, bis sich jemand des Themas Rechtsterrorismus annahm? Wie jetzt am Sonntag endlich Jauch? Im November vergangenen Jahres, als sich die beiden NSU-Täter Böhnhardt und Mundlos das Leben nahmen, war es Thema, danach aber fast gar nicht mehr, gerade noch bei Reinhold Beckmann.

Themen sind Geheimsache

Dafür gab es eine nicht enden wollende Wulff-Orgie und haufenweise Sendungen, die ad hoc auf Geschichten reagierten, die gerade en vogue waren. Wobei in der Gesamtübersicht Maybrit Illner mit einer ausgeprägten Vorliebe für Wirtschafts- und Europa-Themen hervorsticht (Griechenland und die Eurokrise bis zum Abwinken) und Anne Will sich deutlich auf sachpolitische Debatten konzentriert, bei ihr gibt es wenig Larifari.

Wer sich mit den Themen der Talkshows und deren Zuschnitt und Themenkonjunktur beschäftigt, findet übrigens auch schnell heraus, wo die Hybris wohnt. Die Redaktion von Maybrit Illner (mit dem Zweiten mailt man besser) reicht den Überblick über anderthalb Sendungsjahre im Nu durch, ebenso die von Anne Will, Beckmann und Jauch. Nicht weiterhelfen hingegen kann bei der Frage nach Themen und Gästen der jüngeren Vergangenheit die Produktionsfirma von Sandra Maischberger (“müssen wir Sie leider bitten, sich direkt an die WDR-Presseabteilung zu wenden“).

Und den Vogel schießt Frank Plasbergs „hart aber fair“-Truppe ab: „Leider“, schreibt der verantwortliche Redakteur, „können wir Ihnen nicht weiterhelfen. Wir geben generell keine Informationen nachträglich über unsere Sendungen und Gäste heraus.“ Wer hätte das gedacht: Plasbergs Gäste- und Themenliste ist Geheimsache. Ein echter Brüller. Wenigstens den Intendanten, welche die Talkshows bis zum nächsten Frühjahr „evaluieren“ wollen, wird er sie doch wohl herausgeben. Oder ist das im Nachhinein so hochnotpeinlich?

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Quelle: FAZ

 
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