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Vergessener „Tatort“ im SWR : Zuerst war sie im Bild

  • -Aktualisiert am

Gestatten, Kriminaloberkommissarin Marianne Buchmüller: Nicole Heesters in dem „Tatort“ aus Mainz, der 1980 ausgestrahlt wurde und seither nicht mehr. Bild: SWR

35 Jahre lang lag die 109. Folge des „Tatorts“ im Giftschrank des SWR. Kritiker hatten sich bei der Erstausstrahlung 1980 an der Darstellung von Gewalt gegen Frauen gestört. Nicole Heesters war damals die erste Chefermittlerin der Reihe.

          „Scheiss Abend gestern, scheiss Onkel Theo“, flucht Harry (Michael Prelle) in sich hinein. Währenddessen steht der Mann mit der Prinz-Eisenherz-Frisur in einer Küche, die man in dieser Erscheinung heute allenfalls noch in einer Studenten-WG verorten würde, und kippt Cornflakes und Milch in eine Schüssel. Die Brotschneidemaschine, die Einbauschränke, das Küchenradio mit der ellenlangen Antenne, der Boiler an der Wand, das alles schreit: Hallo und Willkommen in der bürgerlichen Existenz der Bonner Republik Anfang der achtziger Jahre.

          So beginnt die 109. Folge des „Tatorts“ in Mainz: „Der gelbe Unterrock“. 35 Jahre lang lag sie im Giftschrank. Am Samstag um 23.25 Uhr zeigt der SWR die Ausgabe, in welcher der Triebtäter Harry das Mainzer Fastnachtsmillieu verunsichert. Den Fall übernimmt die erste Ermittlerin, die der „Tatort“ überhaupt hatte: Kriminaloberkommissarin Marianne Buchmüller, gespielt von Nicole Heesters, die diese Rolle zwischen 1978 und 1980 dreimal spielte. Damals also war Mainz „Tatort“-Standort, worum sich die Stadt wie viele andere aus dem Sendegebiet des SWR zuletzt vergebens wieder bemühte, als der Sender die Ortsmarke für sein neues „Tatort“-Team (Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner und Harald Schmidt) suchte, das nun von Freiburg aus den Schwarzwald durchstreift.

          Düstere Stimmung: Der Mainzer „Tatort“ ist kein fröhliches Karnevalstreiben. Er dauert 102 Minuten, statt der üblichen 90.
          Düstere Stimmung: Der Mainzer „Tatort“ ist kein fröhliches Karnevalstreiben. Er dauert 102 Minuten, statt der üblichen 90. : Bild: SWR

          Mit von der Partie sind in „Der gelbe Unterrock“ in kleineren Rollen die damals noch sehr jungen Henry van Lyck, Rolf Zacher und Barbara Sukowa. Bei seiner Erstausstrahlung am 10.Februar 1980 sorgte der „Tatort“ für heftige Reaktionen: Der damalige Südwestfunk (SWF, heute SWR) erhielt zahlreiche Leserbriefe und Beschwerdeanrufe. Kritiker störte vor allem die zu explizite Darstellung von Gewalt gegen Frauen und die wirre Geschichte um den Kleiderfetischisten Harry. „Dieser ,Tatort’ war das Letzte“, titelten die Hamburger „Morgenpost“ und der Kölner „Express“ nach der Ausstrahlung, schreibt François Werner auf seiner Internetseite „tatort-fundus.de“. Von einer schlechten Quote kann man aus heutiger Sicht indes nicht sprechen. In einer Zeit ohne Privatfernsehen sahen 14,12 Millionen Menschen den „Tatort“ aus Mainz, das war ein Marktanteil von 43 Prozent.

          Der Täter: Harry Wagner (Michael Prelle) ist ein Kleiderfetischist. Sein Opfer Marianne Klefisch (Esther Christinat) hat er mit einem Kissen erstickt.
          Der Täter: Harry Wagner (Michael Prelle) ist ein Kleiderfetischist. Sein Opfer Marianne Klefisch (Esther Christinat) hat er mit einem Kissen erstickt. : Bild: SWR

          Die damals zuständige SWF-Redakteurin Susan Schulte empfahl, den Film wegen inhaltlicher Schwächen nicht zu wiederholen – daran hat man sich bis heute gehalten. Interessierte hätten die „Tatort“-Folge aber seinerzeit beim Mittschnittdienst des Senders kaufen können, für den überdurchschnittlich hohen Preis von 580 D-Mark. „Was damals Zuschauer aufgeregt hat, würde heute niemanden mehr interessieren“, sagt die Fernsehfilmchefin des SWR, Martina Zöllner, heute über die „Tatort“-Episode „Der gelbe Unterrock“. Man muss wahrscheinlich gar nicht einmal auf einen Ermittler wie den von Til Schweiger gespielten Hamburger LKA-Mann Nick Tschiller schauen, der im Zweifel zur Panzerfaust greift, um nachzuvollziehen, wie sehr sich die Darstellung von Gewalt im „Tatort“ gewandelt hat.

          Es gebe „keinen Grund“, diesen alten „Tatort“ nicht zu zeigen, sagt Manfred Hattendorf, Abteilungsleiter für Film und Planung beim SWR, im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur. Er hebt den „zeitgeschichtlichen Wert des Films“ hervor. Was gehört zum Zeitkolorit? Ein John-Travolta-Poster an der Wand zum Beispiel. Oder der rostige VW Käfer, in dem der Täter Harry auf der Suche nach seinem nächsten Opfer durch Mainz kurvt. Auf der Windschutzscheibe klebt ein Sticker mit der Aufschrift „ADAC geprüft“. Das sieht man heute nicht mehr. Der „Tatort. Der gelbe Unterrock“ war denn auch der letzte, in dem Nicole Heesters als erste Chefermittlerin der Reihe auftrat.

          Der „Tatort“ Der gelbe Unterrock läuft am Samstag um 23.25 Uhr im SWR-Fernsehen.

          Quelle: F.A.Z.

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