http://www.faz.net/-gqz-8k68n

Flüchtlingsberichterstattung : Apropos Willkommenskultur

Der Slogan „Refugees Welcome“ hat Schule gemacht. Bild: dpa

Diese Studie eckt an: Die Hamburg Media School hat untersucht, wie die Medien zur Flüchtlingskrise berichteten. Es zeigt sich, dass Angela Merkels „Wir schaffen das“ lange wirkte.

          Mehr als 34.000 Pressebeiträge hat ein von Michael Haller geleitetes Projektteam an der Hamburg Media School (HMS) ausgewertet, um zu klären: Wie haben deutsche Medien in den Jahren 2009 bis 2015 über die Flüchtlingspolitik berichtet? Welche Akzente setzten, welche Sichtweisen beförderten, welches Bild von „Willkommenskultur“ zeichneten sie?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die von der Otto Brenner Stiftung der IG Metall geförderte Studie wird erst im Herbst abgeschlossen. Zwischenergebnisse liegen schon vor. Haller, emeritierter Professor der Universität Leipzig, leitet die Journalismusforschung der HMS und ist Direktor des Leipziger Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung. Er spricht noch von „Thesen“, die sich allerdings auf seine bisherigen Auswertungen stützten.

          Von 2009 an hätten Medien das von der Politik eingeführte Narrativ der „Willkommenskultur“ aufgegriffen. Bis Anfang 2015 habe sich in der Berichterstattung - nicht in Kommentaren - der Subtext etabliert, dass Deutschland aus seiner Vergangenheit gelernt habe und, nachdem es von anderen europäischen Ländern wegen seines Umgangs mit der Flüchtlingsproblematik in Italien und der Griechenland-Krise als egoistisch wahrgenommen worden war, nun auf vorbildliche Weise Menschen aufnehme.

          Sieben Beiträge pro Zeitung pro Tag

          Mit dem wachsenden Zustrom von Geflüchteten sei die Berichterstattung, welche die Willkommenskultur thematisierte, regelrecht explodiert: Für das Jahr 2015 zählte Haller 19.000 Beiträge, 4.000 mehr zum Thema als in den sechs vorherigen Jahren zusammen. Zwischen Juli und September 2015, als die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreichte, hätten einzelne Zeitungen im Durchschnitt sieben entsprechende Beiträge pro Tag gebracht.

          Insgesamt seien 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zwölf Prozent rein berichtend, sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Reichweitenstarke Medien hätten sich das Motto der Bundeskanzlerin - „Wir schaffen das“ - zu eigen gemacht. Haller zitiert die „Zeit“, die im August 2015 mit „Willkommen!“ titelte.

          Jenseits der Frage, ob der Journalismus damit seiner Rolle als kritischer Beobachter gerecht wurde, stellt Haller in Rechnung, dass diese Berichterstattung auch wünschenswerte Effekte gezeitigt haben könnte: Dass in vielen Städten Menschen, Gruppen und Initiativen eine Willkommenskultur lebten, die den Zustrom bewältigen half, stehe möglicherweise auch mit der Tendenz der Berichterstattung in Zusammenhang. Überregionale und regionale Publikationen hätten die Hilfsbereitschaft der Deutschen gezeigt, nur wenige Berichte hätten Phänomene wie die Überforderung von Behörden beleuchtet.

          Probleme „übersehen“?

          Die Studie untersucht auch die Tonalität von Beiträgen reichweitenstarker Medien im Sommer 2015. Zwanzig Prozent der Berichte der „Tagesschau“ seien implizit wertend gewesen, bei „Spiegel Online“ an die vierzig Prozent, bei der Online-Ausgabe der „Welt“ fünfzehn Prozent. Nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Heidenau und dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf habe der Begriff Willkommenskultur Anfang September 2015 seinen diskursiven Höhepunkt erlebt, bevor der Begriff Grenzkontrolle an ihm vorbeigezogen sei.

          Rund zwei Drittel der tonangebenden Medien hätten zunächst „übersehen“, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellen würden. Nur ein Drittel der Berichte hätten von September 2015 an Probleme aufgegriffen. Parallel dazu habe sich die Einstellung der Bevölkerung gewandelt. Insbesondere die „Tagesschau“ habe das Thema jedoch fast nur abstrakt, entlang der politischen Debatten in Berlin aufgeschlüsselt.

          Erst im Herbst hätten Vor-Ort-Recherchen an Gewicht gewonnen. Die Berichterstattung sei der sich ändernden Wahrnehmung in der Bevölkerung hinterhergelaufen und habe dadurch bis zum Jahresende 2015 an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Aus dem Konsensbegriff Willkommenskultur sei ein Begriff des Dissenses geworden.

          Weitere Themen

          Wird Zypern ein neues Lampedusa?

          Syrer flüchten aus Libanon : Wird Zypern ein neues Lampedusa?

          Obwohl es keine Landverbindung in andere EU-Staaten gibt, landen immer mehr Migranten auf Zypern. Die Regierung in Nikosia schlägt in Brüssel Alarm, fordert von der EU aber vor allem finanzielle Unterstützung für zwei andere Staaten.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Hauptsache, Mensch

          Herbert Grönemeyer im Gespräch : Hauptsache, Mensch

          Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger: Herbert Grönemeyer spricht über sein neues Album „Tumult“, über die Fehler von Mesut Özil und Angela Merkel sowie über vergebliche Anrufe bei dem legendären Produzenten Rick Rubin.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Brexit : Einlenken, oder für immer schweigen

          Zum ersten Mal steht auf Papier, was der Brexit wirklich bedeutet. Jetzt sollen die Minister in London abstimmen. Verweigern sie Premierministerin May die Gefolgschaft, waren die erbitterten Austrittsverhandlungen vergebens. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.