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Studie zu Manipulation im Netz : Die neue Propaganda

  • -Aktualisiert am

Fast ein Fünftel der Twitter-Diskussion während der Wahlen im Amerika kam mit großer Wahrscheinlichkeit von Bots, heißt es in der Studie. Bild: dpa

Eine Studie des „Oxford Internet Instituts“ untersucht die digitale Meinungsmache. Sie liefert umfassende Zahlen zu Bot-Netzwerken in neun Ländern und ihrer Wirkung auf die Meinungsbildung im Internet.

          Längst haben klassische Medien ihr Monopol auf die Weitergabe von Information an die großen Plattformen und sozialen Netzwerke des Internets verloren. Dadurch ist ein weniger stark reglementierter Raum für Propaganda entstanden, dessen Einfluss spätestens seit der Präsidentschaftswahl in Amerika offensichtlich geworden ist. Eine Studie des „Oxford Internet Instituts“ liefert nun Erkenntnisse zu Umfang und Wirkung dieser Art von Meinungsmanipulation. Die Studie ist eine der ersten, die anhand von Zahlen belegt, wie Soziale Plattformen international als Kanäle für gezielte Desinformations-Kampagnen fungieren.

          Über Monate haben zwölf Wissenschaftler des „Computational Propaganda Research Projects“ soziale Netzwerke in neun Ländern untersucht, mit Experten gesprochen und Millionen von Posts auf verschiedenen Social-Media-Plattformen ausgewertet. Untersucht wurden die Vereinigten Staaten, Russland und die Ukraine, China und Taiwan, Deutschland, Kanada, Brasilien und Polen. Als „Computational Propaganda“ definieren die Wissenschaftler den „Einsatz von Algorithmen, Automatisierung und menschlicher Kuration“, um „vorsätzlich irreführende Informationen“ über soziale Netzwerke zu verbreiten. Da die Nutzung des Internets in den behandelten Ländern unterschiedlich reglementiert ist, weichen auch die angewandten Untersuchungsmethoden allerdings deutlich voneinander ab.

          Die Wahl 2016 in Amerika war ein Wendepunkt

          Der Erkenntnisgewinn ist dennoch groß. Das Team beweist, dass es möglich ist, die Anzahl von sogenannten Bots, also automatisierten Profilen, die auf Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken menschliche Nutzer simulieren, zu messen. Allerdings werden dabei nur sehr aktive Exemplare erfasst. Die Forscher messen aber auch den Einfluss dieser automatisierten Stimmungsmacher. Etwa durch Analysen in Amerika, die zeigen, wie oft echte Nutzer von Bots generierte Nachrichten weiterverbreiteten.

          „Die Wahl in 2016 war ein Wendepunkt für den Gebrauch von politischen Bots und ‚Computational Propaganda‘“, heißt es in der Studie. „Fast ein Fünftel der Twitter-Diskussion während der Wahlen kam mit großer Wahrscheinlichkeit von Bots.“ Bots sind in den Vereinigten Staaten zum akzeptierten Wahlkampfmittel auf beiden Seiten geworden. Doch waren die Pro-Trump-Bots laut Studie fünfmal aktiver als jene, die zugunsten Hillary Clintons agierten. Die Urheber dieser Art von Manipulation auszumachen sei jedoch schwierig: Russische Hacker kämen ebenso in Frage wie Kampagnenteams oder einfache Bürger.

          Dass Russland heute zu einer der stärksten Kräfte in Sachen Online-Manipulation zählt, liegt unter anderem daran, dass die Presse schon seit Jahren als unfrei eingestuft wird, während das Internet mit seiner vielfältigen Blogosphäre in Russland vergleichsweise unberührt geblieben ist. Um dennoch Einfluss nehmen zu können, hat die Regierung früh auf Bots, Trolle und Hackingangriffe auf Oppositionelle als Schlüsselinstrumente ihrer Propaganda gesetzt. Insgesamt kämen etwa 45 Prozent der Twitter-Aktivitäten in Russland von automatisierten Nutzer-Accounts.

          Das Recht auf freie Meinungsäußerung

          In Deutschland wiederum sei automatisierte Propaganda zumindest derzeit kein evidentes Problem. Die Forscher untersuchten die sozialen Medien im Vorlauf der Bundespräsidentenwahl und der Landtagswahl im Saarland, stellten aber nur marginale Bot-Aktivitäten fest. Viel drängender sei das Problem jener „Fake News“, die in Deutschland durch Menschenhand verbreitet würden: Fehlinformation und Junk-Nachrichten machten demnach „zwanzig Prozent aller politischen Nachrichten und Informationen auf Twitter“ aus. Mit dem von Justizminister Heiko Maas vorgeschlagenen Netzwerkdurchsuchungsgesetz, welches die sozialen Medien in die Pflicht nehmen soll, und verschiedenen Task Forces in Medien und Zivilgesellschaft sei Deutschland führend auf dem Weg, „Computational Propaganda“ zu kontrollieren. Vielen dieser Maßnahmen fehle aber die rechtliche Legitimation – und einige stünden in keinem Verhältnis zu den Einschnitten, die sie für das Recht auf freie Meinungsäußerung bedeuten würden.

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          Die Gefahren einer solchen Kontrolle werden durch einen Blick in die Befunde der Studie zu China deutlich. Letzterem attestieren die Forscher das „ausgeklügeltste Regime von Internetzensur und -kontrolle der Welt“. Die „Great Firewall“ blockiert den Zugang zu zahlreichen ausländischen Websites, während das Projekt „Golden Shield“ Informationen auf Webseiten aus China reguliert. Unternehmen sind hier für die Überwachung des Inhalts auf ihren Plattformen selbst verantwortlich. „Die Bemühungen des chinesischen Staates, Online-Informationen zu kontrollieren, erinnern an die Strategien, die im Westen gerade vorgeschlagen werden, um ,Computational Propaganda‘ zu bekämpfen“, heißt es in der Studie. Doch widerspräche ihre Anwendung allen demokratischen Prinzipien grundlegend.

          Quelle: F.A.Z.

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