Home
http://www.faz.net/-gsb-72qtw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Streit um und bei Wikipedia Antisemitismus online

In der deutschsprachigen Wikipedia wird über Artikel zum Themenbereich „Antisemitismus“ gestritten. Das Autorenkollektiv kommt dabei einem intellektuellen Bankrott sehr nahe.

© Michael Gottschalk/dapd Vergrößern Blick auf die deutschsprachige Wikipedia

Ein wissenschaftliches Gutachten zum Antisemitismus in der deutschsprachigen Wikipedia (WP) wird es vorerst nicht geben. Das entsprechende Vorhaben ist in der vergangenen Woche gescheitert. Die aufgeheizte Debatte auf den öffentlich einsehbaren Diskussionsseiten des Online-Lexikons zu diesem Projekt wird jedoch fortgesetzt. Sie offenbart eine intellektuelle Bankrotterklärung des Autorenkollektivs.

In der deutschsprachigen Wikipedia finden sich mehr als dreihundert Artikel zum Themenbereich „Antisemitismus“, Hunderttausende informieren sich durch die Lektüre. In der hiesigen Wikipedia selbst steigern sie das Urteilsvermögen nicht. Besonders auf den Diskussionsseiten, auf denen sich die ganz überwiegende Zahl der Autoren hinter einem Pseudonym, dem sogenannten Nickname, versteckt, finden sich immer wieder Aussagen klar antisemitischen Inhalts.

Sie werden von Administratoren meist rasch gelöscht. Doch es gibt eine breite Grauzone von Formulierungen, deren Charakter nicht gleich offenkundig ist. Darüber wird dann ausführlich und rabiat diskutiert, regelmäßig ohne Ergebnis.

Die nächste Langstreckendebatte

Einer der streitbarsten Aktiven der deutschsprachigen Wikipedia, Nickname „Atomiccocktail“, wünscht sich eine Entscheidungsgrundlage. Er stellte bei der deutschen Niederlassung der Betreibergesellschaft „Wikimedia Foundation“ einen Antrag zur Finanzierung eines Gutachtens. Mit der vorgesehenen Gutachterin hatte er schon ein günstiges Honorar ausgehandelt. In der Antragsbegründung heißt es, in der deutschen Wikipedia verfügten Textbearbeitungen, „die im Verdacht stehen, antisemitische Züge zu tragen, über ein großes destruktives Potential: Die Autorenschaft zerstreitet sich, Außenstehende und Medien können darauf aufmerksam werden,

Folgen für die Reputation des Projekts ergeben sich, auch Auswirkungen auf das zukünftige Spendenaufkommen sind denkbar.“ In einem einschlägigen Fall, heißt es weiter, sei es nicht gelungen, gemeinsam zu ermitteln, ob die fraglichen Textpassagen tatsächlich antisemitische Vorurteile reproduzierten oder nicht.

Mehr zum Thema

Der Antrag wurde abgelehnt, aus Protest trat „Atomiccocktail“ von einer Funktion in einem Projektausschuss zurück, und die nächste Langstreckendebatte begann. Viele Diskutanten halten ein Gutachten für nützlich, manche befürchten, mit ihm würde in der deutschen Wikipedia ebenso umgegangen wie mit den schon vorliegenden Texten. Schließlich wurde eine Privatsammlung initiiert, das Honorar kam schnell zusammen.

Inzwischen hatte aber die vorgesehene Gutachterin die Debattenbeiträge gelesen und viel über die Diskussionskultur in der deutschen Wikipedia gelernt. Sie steht nicht mehr zur Verfügung. „Atomiccocktail“ kommentierte abschließend: „Was lernen wir aus der Sache? Antisemitische Edits sind in der deutschsprachigen Wikipedia jederzeit und wiederholt möglich.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Berlin Tausende demonstrieren gegen Antisemitismus

Bundeskanzlerin Merkel hat auf einer Kundgebung in Berlin jede Form von Judenfeindlichkeit scharf verurteilt. Der Zentralratsvorsitzende Graumann wünschte sich mehr Empathie von den Deutschen. Mehr

14.09.2014, 17:20 Uhr | Politik
Pistorius zur Tatzeit voll schuldfähig

Der des Mordes angeklagte südafrikanische Sprintstar Oscar Pistorius war zur Tatzeit voll schuldfähig, zu diesem Ergebnis sind pychiatrische Gutachter gekommen. Mehr

30.06.2014, 15:49 Uhr | Gesellschaft
Antisemitismus an der Hochschule Mit harten Bandagen gegen das Unschickliche

Eine amerikanische Universität sagt einem berufenen Professor palästinischer Herkunft wieder ab. Denn der meint, Freunde Israels seien scheußliche Menschen. Mehr

17.09.2014, 11:54 Uhr | Beruf-Chance
Viktor Orban kann für weitere vier Jahre regieren

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban kann vier weitere Jahre regieren - seine rechtsgerichtete Fidesz-Partei ist die klare Siegerin der Parlamentswahl. Sorgen bereitet auch ein weiteres Wahlergebnis: Die antisemitische und rechtsextreme Jobbik-Partei kam auf einen Stimmenanteil von mehr als 20 Prozent. Mehr

07.04.2014, 17:58 Uhr | Politik
Antisemitismus Wenn Juden demonstrieren

Die Kundgebungen gegen den neuen Antisemitismus sind ungewöhnlich für die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Selten setzten sie auf öffentlichen Protest. Die Straße jetzt zu mobilisieren, hat gute Gründe. Mehr

18.09.2014, 14:42 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.09.2012, 16:40 Uhr

Objektivitätszensur

Von Jürg Altwegg

Zur Dokumentation „Vol spécial“, über die Abschiebung unerwünschter Einwanderer, verhält sich die Schweiz bedenklich - das Land will kritische Filme einfach nicht mehr ins Ausland schicken. Mehr 2 6