25.02.2010 · Im Auftrag der „Bunten“ soll eine Agentur das Privatleben von Politikern systematisch ausgespäht haben. Das berichtet der „Stern“. Zu den Opfern sollen Franz Müntefering und Horst Seehofer zählen. Die „Bunte“ nennt die Vorwürfe eine „Verleumdung“.
Von Michael HanfeldDas Privatleben von Politikern ist schon lange nicht mehr tabu. Wie weit, warum und wann man es zum Thema macht, das ist eine der heiklen Fragen des Journalismus, sie betrifft nicht nur Klatschblätter.
Was der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe über die Methoden und Absichten der Mitarbeiter der Berliner Foto- und Rechercheagentur CMK berichtet, deutet auf eine Überschreitung der Grenzen hin. Sie sollen Franz Müntefering, Oskar Lafontaine und Horst Seehofer nachgestiegen sein. Besonders frappierend sollen die Recherchen zu dem früheren SPD-Vositzenden angestellt worden sein: Franz Müntefering und seine heutige Frau Michelle Schumann seien seit Ende 2008 über Monate hinweg beschattet worden, Oskar Lafontaine sei Anfang 2008 ins Visier geraten wie auch der CSU-Parteichef Horst Seehofer.
Bei der Beschattung Münteferings soll der Briefkasten seiner heutigen Frau „manipuliert“ worden sein, es habe auch den Plan gegeben, die Fußmatte vor Münteferings Domizil in der Berliner Wilhelmstraße zu präparieren. Die Darstellung des „Stern“ stützt sich, wie das Magazin schreibt, auf interne Unterlagen der Agentur CMK, unter deren Adresse auch eine Detektivagentur gemeldet sei, und auf die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter der Firma. Die Methoden der Rechercheure, so der „Stern“, glichen auch denen von Privatdetektiven. Sie arbeiteten nach Erkenntnissen dieser Zeitung zumindest so verdeckt, dass den Bewachern des Bundeskriminalamts, die Müntefering bis in den letzten Herbst hinein begleiteten, nichts auffiel.
Im Fall Lafontaine sollte eine mögliche Beziehung zu der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht beleuchtet werden, ein Mitarbeiter der Agentur habe versucht, einen Praktikumsplatz bei der Linken zu bekommen, um etwas herauszubekommen, zudem sei geplant gewesen, eine Kamera vor Lafontaines Schlafzimmerfenster zu installieren. Die CMK teilte dem „Stern“ nach dessen Bekunden mit, die Recherchemethoden hätten sich „stets im Bereich des presse- und standesrechtlich Zulässigen“ bewegt.
Patricia Riekel setzt sich zur Wehr
Spannend wird die Geschichte vor allem dadurch, dass die Recherchen im Auftrag der Burda-Zeitschrift „Bunte“ unternommen wurden. Deren Chefredakteurin Patricia Riekel bestätigt die Aufträge, bestreitet aber, etwas über unlautere Recherchemethoden gewusst oder diese gar veranlasst zu haben. In ihrer Lesart ergibt sich die Geschichte als eine ganz andere, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung sagt: „Es geht um die Verleumdung eines sehr erfolgreichen Mitbewerbers, nämlich der ,Bunten’“, sagt sie. „Ich sehe das als frontalen Angriff auf einen Mitbewerber, der den ,Stern’ in den letzten drei Quartalen im Einzelverkauf klar abgehängt hat.“ Sie könne nicht verstehen, dass sich der „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn daran auch noch mit einem Kommentar beteilige.
Die „Bunte“, sagt Riekel, habe in einer „auch in anderen Redaktionen üblichen Verfahrensweise“ die Agentur CMK beauftragt, „Hinweisen nachzugehen, die die Redaktion erhalten hatte.“ Es sei üblich, externe Dienstleister mit Rercherchearbeiten zu betrauen. Im Fall Lafontaine habe man den Auftrag zurückgezogen, weil sich die Hinweise nicht verifizieren ließen. Im Fall Horst Seehofers habe sich dessen Geliebte entschlossen, selbst mit der Zeitschrift zu sprechen, Franz Müntefering schließlich habe seine private Beziehung ohnehin öffentlich gemacht. CMK, erzählt Patricia Riekel, sei als als korrekte Agentur bekannt, auch der „Stern“ habe mit ihr zusammengearbeitet: „Von unseriösen oder unlauteren Recherchemethoden haben wir nichts gewusst“. Wenn der „Stern“ den gegenteiligen Eindruck erwecke, liege er völlig falsch. „Mir ist nichts davon bekannt“, sagt Patricia Riekel, und – mit Anspielung auf Spähmethoden, die erwogen, aber nicht umgesetzt wurden wie die Installation einer Kamera auf einem Hausboot –, „das alles ist nicht passiert, wie man dem ,Stern’ auch entnehmen kann.“ Sie finde es zudem seltsam, dass der „Stern“ schreibe, es sei privat, was beruflich-politisch keine Relevanz besitze, dann aber, nachdem Seehofers Geschichte öffentlich geworden sei, selbst ein Bild von dessen Begleiterin – mit Kind – gedruckt habe, aufgenommen von - der Agentur CMK. Der Bunte Entertainment Verlag werde juristische Schritte gegen den „Stern“ einleiten. „Das ist Diffamierung.“ In einer Stellungnahme des Verlags heißt es, der „Stern“ erwecke den Eindruck „als stecke die ,Bunte’ hinter den gemutmaßten unsauberen Recherchemethoden.“ Die „Bunte“-Chefredaktion weise „diese Unterstellung entschieden zurück.“
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt
Den „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn wiederum ficht dieser Vorhalt nicht an: „Das halte ich für absoluten Unsinn“, sagt er dieser Zeitung. „Worin besteht die Verleumdung? Wir haben eine klare Faktenlage.“ Die „Bunte“ sage nur, sie habe von den Methoden nichts gewusst, „das haben wir auch nicht behauptet. Wir haben sauber berichtet und auch alle Einlassungen der ,Bunten’ eingearbeitet. Wir haben recherchiert, wie beschattet wurde und wer die Detektive sind, daran ist nichts Unsauberes.“ Ob es sich um Detektive oder Journalisten gehandelt habe, sei schwer zu entscheiden, schließlich sei „Journalist“ keine geschützte Berufsbezeichnung. Dass der „Stern“ selbst einmal ein Foto von der Agentur CMK bezogen habe, sei kein Geheimnis, sagt Osterkorn, das teile man selbst am Rande der Geschichte mit. Ein Bild zu kaufen und zu drucken sei allerdings etwas ganz anderes, als Politiker zu beschatten. Daraus eine Zusammenarbeit mit der Agentur oder Aufträge seitens des „Stern“ zu konstruieren, sei unsinnig.
Stefan Kießling, der Inhaber der Agentur CMK, die auf Anfrage bisher nicht zu erreichen war, hat der „Bunten“, wie diese wiederum mitteilt, „versichert, dass seine Agentur die im ,Stern' gemutmaßten unlauteren Recherchemethoden nicht angewendet hat.“ Er habe zudem erklärt, „dass er sich von zwei ehemaligen Mitarbeitern, auf die sich der ,Stern’ als Informanten beruft, im April 2009 im Streit getrennt habe.“
Die Geschichte sei „der dümmliche Versuch, durch lautes Blöken vom journalistischen Niedergang des ,Stern' abzulenken“, sagte der Verlagsvorstand von Burda, Philipp Welte, im Gespräch mit FAZ.NET. „Hilft nicht: ,Bunte'ist am Kiosk die Nummer eins im Wettbewerb der aktuellen Magazine am Donnerstag.“
Die Geschichte ist, wie es scheint, noch nicht zu Ende erzählt.