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Intendant im Deutschlandradio : Sie haben keine andere Wahl

Bezugsfertig: Der Sitz des Deutschlandradios in Berlin. Bild: DLR/Detlef Maugsch

Das Deutschlandradio sucht einen Chef, einziger Kandidat ist der MDR-Chefredakteur Stefan Raue. Dass die Wahl auf ihn zuläuft, hat auch politische Gründe. Doch die sollten nicht den Ausschlag geben.

          Stellt euch vor, beim Deutschlandradio ist Intendantenwahl und nur einer geht hin. Dieser eine und Einzige, der sich dem Hörfunkrat des Senders am 8. Juni zur Wahl stellen soll, ist Stefan Raue, Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks. Auf ihn als Kandidaten wird sich der Verwaltungsrat des Deutschlandradios dem Vernehmen nach Ende dieser Woche bei einer Beratung offiziell einigen. Dass Raue dann tatsächlich vom Wahlgremium, dem Hörfunkrat, zum Nachfolger des Amtsinhabers Willi Steul bestimmt wird, gilt als sehr wahrscheinlich, doch ausgemacht ist es nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es muss sich nämlich eine Mehrheit von zweimal zwei Dritteln für Raue als Intendanten entscheiden: Zuerst muss ihn der Verwaltungsrat mit Zweidrittelmehrheit vorschlagen, dann muss ihn der Hörfunkrat mit Zweidrittelmehrheit wählen. Wobei mit dem Vorschlag des achtköpfigen Verwaltungsrats die Wahl schon vorherbestimmt ist, durchaus zum Missvergnügen der vierzig Hörfunkräte. Dem in diesem Punkt sonderlichen Staatsvertrag des Deutschlandradios zufolge aber kann überhaupt nur ein Kandidat zur Wahl vorgeschlagen werden.

          Vier gegen Vier

          Leicht hat sich der Verwaltungsrat mit dem Vorschlag nicht getan, was damit zusammenhängt, dass in diesem Gremium vier Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf vier Vertreter der Politik treffen. Chef des Verwaltungsrats ist der ZDF-Intendant Thomas Bellut, Vizechef sein WDR-Kollege Tom Buhrow; zu ihnen gesellen sich die ZDF-Verwaltungsdirektorin Karin Brieden und die frühere RBB-Intendantin Dagmar Reim. Auf der Seite der Politiker finden sich die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), der Chef der Berliner Staatskanzlei Björn Böhning (SPD) und der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann (SPD), der sich vor längerer Zeit auch einmal selbst als Intendanten-Kandidat ins Spiel bringen ließ.

          Bislang Chefredakteur beim MDR, demnächst Intendant beim Deutschlandradio: Stefan Raue.
          Bislang Chefredakteur beim MDR, demnächst Intendant beim Deutschlandradio: Stefan Raue. : Bild: MDR/Marco Prosch

          Dem Vernehmen nach haben die SPD-Vertreter Böhning und Eumann (Letzterer am deutlichsten) eine parteipolitische Linie verfolgt. Ihrer Arithmetik zufolge muss beim Deutschlandradio ein Intendant mit sozialdemokratischem Stallgeruch ans Ruder. Warum?

          Der jetzige Intendant Willi Steul gilt als Konservativer, ist vor allem aber ein unbequemer und anarchischer Geist, ein ehemaliger Afghanistan-Korrespondent, der mit Parteipolitikern generell keine Geschäfte macht. Auf konservativer Seite verrechnet die Parteipolitik zudem den Intendanten des Auslandsrundfunks, der Deutschen Welle, Peter Limbourg.

          Deshalb, so das immer noch vorherrschende, krude Denken von Politikern, die damit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie den beteiligten Kandidaten selbstverständlich einen Tort antun, sei beim nationalen Inlandsradio mit seinen drei Programmen – Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen – nun ein Sozi an der Reihe.

          Frequenzjäger: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul.
          Frequenzjäger: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul. : Bild: dpa

          Raue hat ein Parteibuch, aber das wird die übrigen sechs Verwaltungsräte kaum bewegen, ihn als Kandidaten zu empfehlen. Ihnen leuchtet Raue vielmehr als integrer Journalist mit Managementqualitäten ein, der – auch das zählt mit Blick auf die Geschichte des 1994 aus Deutschlandfunk, Rias und dem Ost-Berliner DS Kultur gebildeten Senders – durch seinen Job beim MDR über Ost-Erfahrung verfügt.

          Bis zuletzt im Kandidaten-Rennen war im Hörfunkrat jedoch auch Eckart Gaddum, Leiter der Hauptabteilung Neue Medien im ZDF. Der Programmdirektor des Deutschlandradios, Andreas-Peter Weber, und Martin Hoffmann, der Intendant der Berliner Philharmoniker, zählten ursprünglich auch zum Kreis der Bewerber.

          Intendantenwechsel zum Geburtstag?

          Dass beim Deutschlandradio zurzeit überhaupt ein Intendant gesucht wird – außerhalb des normalerweise fünfjährigen Amtsturnus der Senderchefs, hat damit zu tun, dass sich der amtierende Radiointendant Steul, der bis zum Jahr 2019 gewählt ist, zu seinem letzten Amtsantritt ausbedungen hatte, auch früher und mit dem Erreichen der Pensionsgrenze gehen zu können: Am Freitag feiert Willi Steul seinen sechsundsechzigsten Geburtstag, zu dem er wohl schon gerne Intendant a. D. gewesen wäre. Nun muss er mindestens bis Juni bleiben.

          Das Haus, das er übergibt, ist gut bestellt, Insbesondere der am Senderstandort Köln beheimatete Deutschlandfunk steht für ein qualitätvolles Informationsprogramm. Hervorgetan hat sich der Intendant Steul zudem als Vorreiter der Digitalisierung. Dass die bundesweite Verbreitung des digitalen Radiostandards DAB+ nun doch nach Jahren der Stagnation voranschreitet, ist zu einem guten Teil ihm zu verdanken. Im Literaturhaus Berlin stellte Steul am Mittwoch indes ein Buch vor, in dem er als Herausgeber mit einer weiteren Expertise aufwartet: „Koran erklärt: Ein Beitrag zur Aufklärung“.

          Quelle: F.A.Z.

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