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Problemformat Nachrichtenticker : Live dabei, wenn nichts passiert

  • -Aktualisiert am

Quote mit Live-Meldungen: Auch dank der suchmaschinenoptimierten Ticker erreichte Focus Online im Januar 11,98 Millionen Nutzer - und damit erstmals mehr als Spiegel Online Bild: dpa

Der Liveticker ist zu einem allgegenwärtigen Online-Format geworden. Aber sein Einsatz will bedacht sein: Wie aus Nachrichtentickern Nicht-Nachrichtenticker werden.

          Nach 81 Tagen nahm der „News-Ticker zu Michael Schumacher“ auf „Focus Online“ am Donnerstag eine überraschende Wendung. „Gerhard Berger geht es nach schwerem Skiunfall besser“, lautete mit einem Mal die Überschrift. Und die zugehörige Nachricht: Gerhard Berger, ein ehemaliger Formel-1-Fahrer (wie Michael Schumacher), sei beim Skifahren verunglückt (wie Michael Schumacher), habe sich aber bloß den Oberarm gebrochen (anders als Michael Schumacher).

          Ein Kommentator unter dem Artikel stellte die naheliegende Frage, ob „Focus Online“ mit solchen Meldungen den Michael-Schumacher-Newsticker „künstlich am Leben halten“ will. Andererseits: Wenn sich ein solcher Ticker fast drei Monate lang damit füllen lässt, dass es keine Neuigkeiten von Michael Schumacher gibt, ist es nicht so abwegig, ihn auch damit zu füllen, dass es Neuigkeiten nicht von Michael Schumacher gibt.

          Auch Nicht-Nachrichten sind Nachrichten

          Das Genre des „Newstickers“ im Online-Journalismus ist noch vergleichsweise jung, aber der Schumacher-Ticker von „Focus Online“ ist schon legendär. Man kann in ihm eine Ausdauerübung sehen, ein Experiment. Oder ein Mahnmal dafür, was aus einem Online-Journalismus wird, der ausschließlich davon getrieben ist, Klicks zu produzieren.

          Der Artikel ist inzwischen auf zweiundzwanzig Internetseiten verteilt und 330.000 Zeichen lang, das entspricht rund zehntausend Zeitungszeilen. Natürlich ließe sich deren Inhalt mit dem Satz zusammenfassen: Michael Schumacher ist beim Skifahren verunglückt und liegt im Koma. Aber irgendwas ist ja immer. Irgendjemand spekuliert, ob es Schumacher besser geht oder schlechter; irgendwer - im Zweifel „Bild“ - behauptet eine dramatische Neuigkeit, die sich im Nachhinein als höchstens halbwahr herausstellt; irgendwo passiert etwas, das irgendjemanden dazu bringt, irgendetwas über Michael Schumacher zu sagen. Und wenn jemand wie Damon Hill sich in einem Interview ausdrücklich nicht über die gegenwärtige Situation seines früheren Rivalen äußert, steht es hier auch.

          Hier wird jedes Gerücht mit Zeitstempel weitergetragen und, kurz darauf, jedes Dementi dieses Gerüchtes sowie, wann auch immer, jede Äußerung, dass es doof sei, Gerüchte zu verbreiten. Jedes Mal, wenn Schumachers Managerin Sabine Kehm sagt, dass sie zu Spekulationen keine Stellung nehmen werde und es keine Neuigkeiten gebe, wird es hier als Neuigkeit protokolliert.

          Suchmaschinen-Journalismus

          Nach Berechnungen des Branchendienstes „Meedia“ war der Schumacher-Ticker im Januar der mit großem Abstand meistaufgerufene Artikel auf deutschen Nachrichtenseiten. Er wurde viele Millionen Mal geklickt. „Focus Online“ hatte in jenem Monat mehr Seitenzugriffe denn je und erstmals mehr Leser als „Spiegel Online“. Insofern ist das Stück auch eine eindrucksvolle Demonstration, wie wenig Nachrichten es braucht, um eine vermeintliche Nachrichtenwebsite zum Erfolg zu tickern - auch wenn viele der Leser, die so kommen, auch schnell wieder weg sind.

          Es kommt vor, dass die acht meistgelesenen Artikel eines Tages auf „Focus Online“ Newsticker sind: über den Hoeneß-Prozess, über das Hoeneß-Urteil, über den verschollenen Flug der Malaysia Airlines, über die Krim-Krise, über Schumachers Unfall natürlich und über die letzte Folge der RTL-Kuppelshow „Der Bachelor“, deren Inhalt parallel zur Sendung mitgeschrieben und als „Protokoll“ nacherzählt wird („22:04 Uhr: Katja schwebt über den grünen Rasen Kapstadts, als sie Christian inmitten der Rosenblätter - äh, kitsch-kotz - erblickt“).

          Bei „Focus Online“ sind sie Meister darin, Inhalte so zu „optimieren“, dass sie bei Suchmaschinen besonders gut ankommen. Die Ticker bekommen immer neue Überschriften und Internetadressen, mit denen sie scheinbar frisch bei Google aufschlagen und regelmäßig ganz vorn auftauchen, wenn jemand nach „Schumacher“ oder „MH370“ sucht.

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