16.11.2007 · Stefan Aust, Chefredakteur des „Spiegel“, muss seinen Posten räumen. Er selbst gibt sich gefasst und gutgelaunt. Doch Austs Ära endet unwürdig. Dem Magazin steht eine stürmische Zeit bevor.
Von Michael HanfeldAls Rudolf Augstein vor fünf Jahren starb, erschien der „Spiegel“ mit einer bemerkenswerten „Hausmitteilung“. Niemand, hieß es dort, werde Augstein, den Gründer des Magazins, als Herausgeber je beerben können. „Die Schuhe sind zu groß. Sie sich anzuziehen, wäre eine Anmaßung.“ Der Autor dieser Zeilen war Stefan Aust, der Chefredakteur, den Augstein 1994 gegen massiven Widerstand aus der Mitarbeiterschaft auf diesen Posten befördert hatte. Jetzt muss Aust gehen. Nach dreizehn Jahren endet seine Ära, und wir werden sehen, ob die Gesellschafter des „Spiegel“ jemanden finden, dem seine Schuhe passen (Siehe auch: Der „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust muss gehen).
Es ist eine große Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Bloß dort anzuknüpfen, wo Aust nun, da sein Vertrag über den 31. Dezember 2008 hinaus nicht verlängert wird, unfreiwillig aufhört, dürfte schwer fallen. Denn Austs zahlreiche Kritiker verkennen, was er, im Verein mit dem vor knapp einem Jahr ausgeschiedenen Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel, geleistet hat. Während nahezu alle anderen Printmedien an Auflage und Werbeumsätzen verloren, gelang es dem „Spiegel“, die große Zeitungs- und Zeitschriftenkrise ohne rote Zahlen zu überstehen. Die Auflage ist stabil, der Marktanteil hat leicht zugelegt und die rund siebenhundert stillen Teilhaber des „Spiegel“, die in der Mitarbeiter KG organisiert sind, mehr noch selbstverständlich der Großaktionär Gruner + Jahr und die Erben Rudolf Augsteins durften sich Jahresende um Jahresende über eine nette Gewinnausschüttung freuen.
So modern, wie man sein muss
Seltsam gestrig und beliebig wirkt die Kritik, die Aust spätestens nachgesagt wird, seit Franziska Augstein dem „Spiegel“ im November 2005 vorwarf, inhaltlich mager geworden zu sein und den Rang eines Leitmediums verloren zu haben. Als ob es den „Spiegel“ als Leitmedium wie zu ihres Vaters Zeiten heute noch geben könnte. Zu wenig aufregende Recherchen liefere das Blatt, heißt es bei den einen, zu wenig links sei das Magazin, bei anderen, zu megaloman gebärde sich der Chefredakteur.
Dabei ist der „Spiegel“ unter Aust so modern geworden, wie man sein muss, um Konkurrenten wie „Stern“ oder „Focus“ in die Schranken zu weisen. Austs „Spiegel“ ist so, wie der israelische Filmemacher Dan Setton Austs Persönlichkeit einmal knapp beschrieben hat: „straight“, geradeaus, auf der Suche nach der besten Geschichte, dem besten Titel, dem sagenhaften historischen Fund, der besten Reportage, wie sie das Ressort von Cordt Schnibben beisteuert.
Die gute Recherche, an der es angeblich mangelt, gibt es nach wie vor, verteilt über das ganze Blatt. Die großen Enthüllungen wie in den achtziger Jahren über Flick und die „Neue Heimat“ gab es in der Tat nie wieder. Doch ist die Frage, wer sie stattdessen brachte, rasch beantwortet: niemand. Das Problem ist, dass man in unserer Mediendemokratie denkt, wenn der „Spiegel“ keinen großen Skandal aufdecke, gebe es auch keinen. Und wäre es heute noch eine Ehre, parteipolitisch berechenbar zu sein, wie das Jahrzehnte lang üblich war? Wohl kaum.
Unwürdiger kann man es nicht machen
Doch die Leistung eines Chefredakteurs, der ob seines Führungsstils, aber eben auch seiner Hartnäckigkeit wegen, in der Redaktion gefürchtet ist und sich in der publizistischen Landschaft Feinde zuhauf gemacht hat, zählt im „Spiegel“-Verlag jetzt offenbar wenig. Denn unwürdiger, als man Aust hinauskomplimentiert - wie zuvor den Geschäftsführer-Grandseigneur Seikel -, kann man es gar nicht machen. Während Aust in Südasien urlaubt, ereilt ihn am Donnerstagnachmittag die Kunde, dass man ihn nicht bis 2010 als Chefredakteur behalten wolle.
Seit Wochen schon ist der neue Geschäftsführer des „Spiegel“, Mario Frank, heimlich auf Nachfolgersuche, die zuletzt - erfolglos - bei dem „Zeit“-Korrespondenten Thomas Kleine-Brockhoff endete. Das sei in der Tat „unglücklich gelaufen“, sagt Armin Mahler, der Sprecher der Mitarbeiter KG, doch liege dies nicht an den Gesellschaftern. Die Suche nach einem Chefredakteur sei „immer ein heikler Prozess“. Man wolle das Blatt verjüngen, fortentwickeln und erhoffe sich einen Innovationsschub, wie ihn Aust dem „Spiegel“ in den neunziger Jahren verpasst habe. Das klingt nach: Austs Zeit war vorbei, nur hat er das selber nicht gemerkt und konnte nicht loslassen.
Der Machtkampf wird weitergehen
Es mag ja in der Tat nicht leicht sein, sich von einem Journalisten zu trennen, dem Größe - bei allen persönlichen Vorbehalten - nur Kleingeister absprechen. Doch um Größe geht es hier nicht, sondern um einen Machtkampf, der zuungunsten Austs ausgegangen ist. Dieser Machtkampf wird den „Spiegel“ weiter beschäftigen. In ihm spielt der von Gruner + Jahr gekommene Geschäftsführer Frank eine ebenso entscheidende Rolle wie Gruner + Jahr selbst als 25,5-Prozent-Gesellschafter des „Spiegel“.
Franks gerade erst gescheiterter Plan, fünfzig Prozent der defizitären „Financial Times Deutschland“ zu übernehmen, hätte nur Gruner + Jahr genutzt, das die andere Hälfte an der FTD besitzt. Das immerhin hat die Mitarbeiter KG erkannt, die 50,5 Prozent der Anteile am „Spiegel“ hält. Doch werden jetzt in der Mitarbeiterschaft Befürchtungen laut, dass die Redaktion Gefahr läuft, das Heft gleich wieder aus der Hand zu geben.
„Spiegel Online“ sehr zurückhaltend
Aust selbst gibt sich gefasst und gutgelaunt. Seinen Urlaub in Südasien beendet er an diesem Wochenende vorzeitig. Am Montag will er wieder in der Redaktion sein und Blatt machen. „No hard feelings“, sagt er, und: „Es ist das legitime Recht der Gesellschafter, Spitzenpositionen in einem Unternehmen neu zu besetzen.“ Gibt er vor dem 31. Dezember 2008 auf? „Ich habe meine Verträge immer erfüllt“, sagt Aust im Gespräch. Man wird sehen, ob man ihn seinen Vertrag tatsächlich noch erfüllen lässt. Er wisse mit einem Leben noch etwas anzufangen, sagt er. Und jeder, der Aust kennt, weiss, dass dies ein Karriereversprechen sein könnte.
„Spiegel Online“ hat die Geschichte bis dato nicht gemeldet. Man sei in eigener Sache sehr zurückhaltend, vielleicht zu sehr und nun sei es zu spät, teilte der „Spiegel Online“-Chefredakteur Matthias von Blumencron auf Anfrage mit. In solcher Zurückhaltung übten sich beim „Spiegel“ in letzter Zeit nicht alle. Austs Schuhe stehen vor der Tür. Mal sehen, wem sie passen. Im nächsten Jahr wird es, soviel kann man schon sagen, ein Porträt des Chefredakteurs als jungem Mann geben - in dem RAF-Kinofilm von Bernd Eichinger.