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„Spuren des Bösen“ im ZDF : Was man vergessen will, schreit um Hilfe

Am Tatort ist die Polizei stets zu spät. Dem Verhörspezialisten Richard Brock (Heino Ferch) geht es nicht anders. Bild: Georg Bodenstein

Heino Ferch spielt fürs ZDF einen Ermittler, der am falschen Platz scheint: „Spuren des Bösen“ ist ein erstklassiger Thriller aus Wien.

          Richard Brock ist ein schwieriger Fall. Als Verhörspezialist der Wiener Polizei ist er darauf erpicht, dass andere ihr Innerstes nach außen kehren. Er selbst bleibt verschlossen wie eine Auster. Man kennt das von den Fernsehpsychologen - ihre eigenen Probleme schieben sie auf eben jene Weise beiseite, die sie ihren Patienten und Kunden verbieten. Sich in die Arbeit stürzen und über Privates kein Wort, zu niemandem, das ist eine Methode.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Richard Brock ist es sogar noch etwas mehr. Er seziert Seelenlagen wie ein Pathologe, ob der Misanthrop dabei Empathie empfindet, daran haben seine Mitmenschen große Zweifel. Er führt sie auch gern in die Irre. Das erfahren wir gleich zu Beginn, als Brock einen vermeintlichen Mörder verhört und dieses Verhör dann den Polizeischülern in der Vorlesung vorführt. Die fragen ihn nach allen möglichen Finessen seiner Gesprächsführung. Warum er den Verdächtigen geohrfeigt hat, fragen sie ihn nicht. Sie sprechen nicht einmal an, dass der soeben Verhörte jetzt mitten unter ihnen sitzt.

          Studenten auf der Probe

          So stellt Brock seine Studenten auf die Probe, der Fall, mit dem er es justament zu tun bekommt, aber stellt ihn selbst existenziell auf dieselbe, was dem verschlossenen Brock erst viel später aufgeht. Eine junge Buchhalterin, die in einem großen Bauskandal als Kronzeugin aussagen sollte, wird ermordet. Ihre Schwester ist die Nächste auf der Liste des Täters, zu deren Polizeischutz ist ausgerechnet Brocks Tochter abgestellt.

          Ermitteln im selben Fall: Richard Brock (Heino Ferch) und Kommissarin Angerer (Nina Proll)

          Es kommt zu einem zweiten Anschlag. Hinter alledem vermutet der Verhörspezialist seinen alten Schulkameraden Michael Sand, dessen Konzern im Verdacht steht, Schmiergelder in großem Stil verteilt zu haben. Sand wiederum füttert die Presse mit Recherchen zu Brocks Privatleben: „Ich will, dass jeder auf der Straße mit dem Finger auf ihn zeigt“, weist er seine Bluthunde aus der Rechtsabteilung an.

          Atmosphäre der konstanten Bedrohung

          Wie es sich für einen Thriller geziemt, herrscht in „Spuren des Bösen“ von Beginn an - und ohne dass die Spannung je nachließe - eine Atmosphäre der konstanten Bedrohung. Das Buch von Martin Ambrosch sorgt dafür, dass bis nahe zum Schluss offenbleibt, wer für schließlich sechs Morde verantwortlich ist und auch Brock ans Leder will. Die Regie von Andreas Prochaska treibt die Schauspieler zu außergewöhnlich dichtem Spiel - Heino Ferch als Brock; Nina Proll als dessen ganz und gar nicht von ihm begeisterte Kollegin Vera Angerer; Erwin Steinhauer als jovial erscheinender Abteilungsleiter aus dem Innenministerium, der Brock erst in den Fall hineinzieht, und Stefan Kurt als Konzernchef, dem man ob seiner technokratischen Kühle alles zutraut. Für geladene Düsternis über neunzig Minuten aber sorgen auch und vor allem die Musik von Matthias Weber und die Kamera von David Slama. Slamas Bilder vermitteln stets den Eindruck, dass die Protagonisten der Geschichte (und wir mit ihnen) nur die Hälfte dessen mitbekommen, was geschieht.

          „Alles, was man vergessen will, schreit im Traum um Hilfe“, sagt Brock, der allen helfen kann, nur nicht sich selbst. Für ihn wird die Geschichte zu einem einzigen Albtraum, doch schreit er nicht um Hilfe, sondern klappt auf der Straße einfach zusammen. Das ist ein Held, wie er uns gefällt und wie ihn - erfreulicherweise - das ZDF und der ORF, die gemeinsam produzieren, auch ein zweites Mal im Verein mit der wienerisch-widerspenstigen Nina Proll ins Rennen schicken werden. Aus der Konstellation der beiden lässt sich etwas machen. Ganz zu schweigen von der Sonderstellung des aus dem Norddeutschen stammenden Brock in der österreichischen Hauptstadt. Stimmige Genrekrimis der härteren, schlanken, nicht blasierten Art haben wir nicht allzu viele. Das ist einer davon.

          Spuren des Bösen läuft um 20.15 Uhr im ZDF

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